Archiv für den Monat: Juli 2018

Denkamt | Schleifsteine

Twitter ist ja so ein Umfeld, da findet man alles: Von der Ursuppe geistiger Bausteine bis zur komplexen alternativen Intelligenz – und eben auch Buzzwordbulimie in all seien Facetten.

Ich lebe ja zugegebenermaßen in einer Filterblase. Mein Feed reicht von interessanten über unterhaltsame bis zu motivierenden Leuten. Ok, zugegeben, ich folge auch ein paar Accounts, die finde ich einfach nur attraktiv und schaue mir gern ihre Photos an. Deal with it.

Manchmal wächst so eine Account. Der war zuerst unterhaltsam, dann interessant, dann inspirierend und am Ende ist es ein Baustein. Das ist an sich schon genug – aber ab und an freue ich mich auch über ein Bild…wenn sie wissen, was ich meine.

Ein Account ist gerade in der Entwicklung und er lieferte mir ein Baustein. Der Baustein kam recht trivial daher.

 

Der Satz war mir am Wochenende mehrere Stunden wert. Da wäre „ein Verstand“ schon allein ein Aufsatz wert. Ich mag „ein“ nicht. „Der Verstand“ ist meiner bescheidenen Meinung nach viel passender. Das lässt nämlich offen, ob es so etwas wie „ein Verstand“ gibt oder ob Verstand nicht ein soziales Konstrukt ist. In der Tat folge ich derzeit eher diesem Ansatz . Der Verstand ist ein Metonym für die Herstellung eines Konsens über einen Sachverhalt. Für mich verstehe ich die Sachen immer – ich kann in mir sehr wohl übereinkommen, dass der Himmel gelb ist – solange ich gelb als das visuelle Phänomen von Licht der Wellenlänge 430nm verstehe. Verstehen wird mich halt kaum jemand, der an einem kollektiven Verständnis teilnimmt. Daher also schonmal „Der Verstand“ als das Konglomerat der gemeinsamen Propositionen als Grundlage eines Bezugs auf die Welt. F**k, das klingt wie ein Satz, den G. Fasel hätte schreiben können…

„braucht Bücher“ – über braucht gibt es nicht viel zu sagen. Das ist eine Meinung. Da sind wir mal kulant. Bücher aber, Bücher sind ja mal dicke Briefe an Freunde. Per se braucht der Verstand keine Bücher – er braucht Kontext. Ein Netzwerk. Er braucht – Menschen. Besser noch, er braucht andere denkende Entitäten. Ich schreibe das so weit, da ich ein Verfechter alternativer Intelligenzen bin und diese nicht ausgrenzen mag. Auch alternative Intelligenzen müssen sich auf eine gemeinsame Umwelt beziehen, sonst wird es schwierig sie in einen gemeinsamen Verstand zu integrieren. Dass sie daneben eventuell noch ihren eigenen Kosmos haben – geschenkt. Aber wenn wir sie wollen, dann nur über Kooperation und Kollaboration. Folge ich also meinem Ansatz, dass es nur den Verstand gibt und nicht einen Verstand – im Gegensatz zu „einem anderen Verstand“ – dann braucht es keine Bücher. Dann braucht es Input-Output. Es braucht, um ein systemisch-evolutionäres System zu sein, Erregung, Vernetzung und Bewertung. Es braucht also nicht nur Ego, sondern auch Alter. Bücher sind ein Medium – keine Essenz.

„wie ein Schwert“ halte ich ja auch eher für ungeschickt genutzt. Der Verstand ist – oder sollte – sein wie ein Skalpell, nicht wie ein Schwert. Ein Schwert trennt den gordischen Knoten – nicht besonders klug, aber teleologisch betrachtet zweckmäßig. Ein Skalpell schafft Komplexität, wo Kompliziertheit war. Es entfernt unnötiges, störendes und schädliches. Es schafft Essenz. Ich bin mir schon im Klaren darüber, dass man hin und wieder auch mit einem Breitschwert ganz gut voran kommt – wie ein General mit einem 400er Edding seinen Plan auf die Karte bringt und der Stab dann die Feinheiten ausarbeitet. Aber man darf nicht übersehen, dass um die große Linie zu zeichnen man sehr klug analysiert haben muss. Der 400er Edding ist Ausdruck von Klugheit, denn er reduziert das zu kommunizierende auf eine abstrakte Ebene – das macht ihn nicht zum Schwert, sondern zu einer sehr scharfen Klinge.

„den Schleifstein“ – ich habe jetzt mal nichts auszusetzen. Ich mag nur das Bild des konstanten Schleifens nicht. Ein Verstand muss genutzt werden, um scharf zu bleiben – aber schleifen an sich zum Selbstzweck ist einfach nur sinnfreier Verbrauch des Materials. Sicher kann ich in meinem Elfenbeinturm konstant am Verstand arbeiten und dabei meine Lebenszeit verbrauchen – nur welchen Beitrag liefert das? Eher keinen – also braucht der Verstand Interaktion – nicht schleifen.

Mein Satz würde also eher lauten:

„Der Verstand braucht Interaktion wie ein Skalpell konstanten Gebrauch.“

Das klingt bei weitem nicht so schön und ist auch nicht so eingängig. Sind ja auch nur meine zwei Cent. Danke für das schöne Wochenende – sie waren mir ein toller Schleifstein, um meine Gedanken zu wetzen.

 

Denkamt | Sorcerer vs. Wizard vs. Mage

Arthur C. Clarke konstatiert in einem seiner Gesetze, dass jede ausreichend fortschrittliche Technologie für die nicht Eingeweihten von Magie nicht zu unterscheiden ist. Betrachtet man die Technologie „Management“, unabhängig ob im wirtschaftlichen, politischen oder militärischen Kontext, dann glaubt jeder, er versteht es, kann es besser und es erscheint alle so simpel. Jeder kleine Leutnant kann das Korps besser führen, wenn man ihn nur lassen würde.

Jetzt könnte man annehmen, dass Management keine Technologie ist – ich denke, dass Management eine Technologie ist. Man kann sie lernen – im Gegensatz zum Unternehmertum. Management ist eine angelernte Fähigkeit zur Leitung und Optimierung. Da ich mal davon ausgehe, dass ich Recht habe, springen wir über diesen Punkt hinweg.

Man könnte nun auch annehmen, dass Management in etwas so etwas ist, wie Feuer machen. Eine Technologie, die die Menschheit seit Jahrtausenden beherrscht und daher nicht besonders fortschrittlich ist. Jetzt fragen sie mal den durchschnittlichen Sauerstoffverbraucher in der Krakatoaecke ihres Unternehmens, ein Feuer in Gang zu bringen, ohne sein Zippo zu nutzen. Vor diese Herausforderung gestellt, kann man sich bald auf die Schulter klopfen, den Gesundheitszustand des Unternehmens optimiert zu haben. Wir reden hier nicht mal von Baum fälle, Schiff bauen, Nähen oder einfache Werkzeuge herstellen. In der Tat ist Management eine sehr alte Technologie und im Grunde genommen folgt sie auch gleichen Regeln und Einschränkungen, wie seit der Zeit, als man sich überlegt hat, dass es besser ist, drei Leute zusammen zu bringen, um das dicke Mammut zu jagen.

Ich glaube, dass jeder Management erlernen kann. Aber wirkliche Manager – Menschen, die diesen Job beherrschen und sich nicht durch den Job beherrschen lassen – praktizieren Magie. Aus meiner Sicht ist die Quelle ihrer Magie nur unterschiedlich. Das bringt mich – sie können Aufatmen – zum Punkt meines Textes: Die unterschiedliche Herangehensweise von Magier, Sorcerern und Wizards.

Der Magier ist ein beeindruckender Wissender. Er hat sich seine Kenntnisse durch Bücher, Studium und konstante Entwicklung seiner Fähigkeiten erarbeitet. Er basiert seine Fähigkeit auf rigorose Anwendung von Buchwissen und kennt eine große Bandbreite an Modellen, Konzepten und Tools, um den Anforderungen des Alltags an seinen Job zu meistern. Er ist nicht besonders resiliient, wenn eine Situation auftaucht, die sich nicht auf Basis von historischen Daten oder akademischer Analyse einordnen lässt. In diesen Fällen könnte er sich von der Situation beherrschen lassen, als sie zu beherrschen. Solange aber alles in geordneten Bahnen läuft, wird er das Optimum für das Unternehmen erreichen – wohlgemerkt, das Optimum gemäß der Bücher. Nichts extraordinäres, keine außergewöhnlichen Risiken mit entsprechender Chance wahrnehmen. Der Magier ist das Metronom des Managements und in Branchen oder Konzernen, die Stabilität, Struktur und Quasi-Monopol bieten können, wird er brillieren.

Der Sorcerer ist ein Manager, der von seiner Abstammung profitiert. Er hat Charisma und Fähigkeiten, weil er sie mit der Muttermilch aufgesogen hat. Seine Art ein Unternehmen zu führen ist im besten Fall eine vertrauensvolle und fürsorgliche, die darauf basiert, dass seine Familie immer wusste, was gut für alle war. Im schlimmsten Fall ist es eher ein spoiled brat, der seinen Willen durchsetzt. Nicht unbedingt zum Nachteil des Unternehmens, aber eben ohne Rücksicht auf Verluste. Ein Gordon Gecko Typ eben. Er erzielt Ergebnisse – solange er sich nicht in formale Strukturen einordnen muss. Solange er Freiheiten hat, die ihm gewährt werden und er sein Handeln nicht begründen muss, kann er performen. Das Problem des Sorcerers ist, dass er in der Regel nicht strukturiert arbeiten kann – und schon gar nicht im Team. Er abhängig von seinem Talent und davon, dass es ihm durch alle Höhen und Tiefen führt. Failure is no option – it is his downfall. Er ist nichts anders und er kann in der Regel nichts anderes – schon gar nicht lernen.

Dann wäre da noch der Wizard. Der Wizard  ist quasi ein natural born manager. Das ist jemand, der sich nicht auf seinen Stallgeruch verlassen kann. Er hat Talent – und die wirklich guten haben auch noch Ausdauer und Geduld. Matthias Sutter schreibt in der Brand Eins, dass Geduld schlägt Talent immer. Für einen Wizard kann Geduld eine Herausforderung sein – denn er hat kein erzogenes Verständnis für die Unzulänglichkeiten von anderen. Er kann dann harsch und patriarchalisch – oder matriarchalisch – wirken. Ein Wizard mit einer passenden Erziehung und dem  richtigen Training kann alle anderen schlagen. Er beherrscht dann Linie und Projekt – Prozess und ad hoc Entscheidungen in einer VUCA-Welt. Wizards sind rar – und doch sind sie der Schlüssel zu einer ständig akzelerierenden Welt.

Wir werden auch gewöhnliche Sterbliche in der Riege der Wirtschaftskapitäne finden – die hier genannten sind aber Lotsen. Hochspezialisiert und trotzdem eher Glaskanonen, denn sie sind angreifbar. Nicht jeder versteht ihr wirken und nicht jeder hat die Cojones, sie ihr Ding machen zu lassen.  Zu viele von ihnen in einer Organisation sind auch nicht perfekt. Perfekt sind sie als Philosophenkönige – Entscheider, die das Schiff dann steuern, wenn die Kapitäne etwas braucht, was man nicht lernen kann. Was man Erfahren muss.

JAM | Weiß doch ´eh jeder

Ich treffe in meinem täglichen Leben immer wieder auf Menschen, die mit Begriffen um sich werfen, von denen sie nicht wissen, was sie bedeuten. Da spreche ich nicht einmal von den Fremdwörterkatapulten, die einfach falsche Wörter nutzen, sondern von Menschen, die Wörter verwenden, ohne sich Gedanken zu machen. Platons Dialog des Sokrates mit Laches über die Tapferkeit. Solange man nur darüber redet, dass jemand tapfer sei, passt auch alles. Scheinbar. Doch wenn man dann fragt, was damit gemeint sein soll, dann stellen die Menschen recht häufig fest, dass sie nicht wissen, von was sie sprechen – oder sie halten den Fragenden für dumm, denn wie kann man nur so eine Frage stellen. Ganz grundsätzlich stellt das auch kein Problem dar, denn in der Regel reden zwei Blinde über die Farbe Rot und beide meinen die Farbe sei schön. Der Zweck des Gesprächs ist damit erfüllt und man geht in der Tagesordnung weiter. Beide wissen ja, wovon sie sprechen. Einer von Signalrot und einer von Cayennerot. Macht aber nix – sind ja ohnehin Blinde. Genau so geht es auch beim Thema Wissen. In einem täglichen Gespräch muss ich mein Wissen nicht bis zu fundamentalen Bausteinen zurück verfolgen – da genügt es, wenn beide die Prämisse akzeptieren, dass der Gesprächsgegenstand wahr und begründet ist. Die Tiefe der Begründung wird erst relevant, wenn es eine Unstimmigkeit gibt und dann muss man Tiefenbohrungen anstellen – wobei bei den meisten reicht ein wenig Scharren mit dem Fuß in der Lithosphäre ihrer geistigen Geröllwüste. Bei Begriffen wie Tapferkeit, Gerechtigkeit, Wahrheit oder ob Bibi nun Gottes Geschenk an die Menschheit oder ein  Blib im Buch der Menschheit ist, wird man sich doch eher schnell einigen. Schwerer wird es dann schon bei den Dingen, die eigentlich nur jeder für sich entscheiden kann. Bei diesen Begriffen, die aber durchaus moralische und sittliche Implikationen haben, muss ich für mich entscheiden, ob ich einer Norm folge oder mein Glück suche. Trotzdem redet jeder darüber, als gebe es da nur einen Inhalt – bei einem Begriff wie Liebe.

Liebe gibt es in so vielen Schattierungen und in so vielen Wesensarten, dass es eigentlich abstrus anmuten muss, einen Begriff dafür zu haben. Ja, man könnte mit den Wittgensteinschen Familienähnlichkeiten beginnen, aber auch das erscheint meiner Meinung nach kaum zielführend. So ad hoc meine ich mal: Es gibt keine Liebe. Es gibt das, was jeder Mensch zu jedem Subjekt und Objekt in seinem perzeptiven und kognitiven Umfeld fühlt. Das wir den Begriff der Liebe brauchen hat rein kommunikationsbezogene Gründe. Ich habe zum Beispiel früher wenig davon gehalten, Menschen „Ich liebe Dich.“ zu sagen – man weiß ja nie. Am Ende war es nur Triebsteuerung. Ich möchte hier einen Menschen zitieren, der viel damit zu tun hat, dass ich heute schon bedeutend menschlicher bin, als zum Zeitpunkt, an dem er mich fand. Auf die Frage „Wenn der andere ´eh weiß, dass man ihn liebt, muss man ihm das auch noch sagen?“ antwortete er:

„Natürlich. Laut und immer wieder!“

Man beachte, dass ich entgegen meiner Ansicht, dass Ausrufezeichen etwas für Leute ohne ausdrucksstarke Formulierungsfähigkeit sind, doch eines gesetzt habe. Der Nachdruck, der aus seiner Augen drang macht das Satzzeichen so notwendig. Ich brauche also ein Wort, um zu transportieren, was eigentlich nicht zu transportieren war. Liebe. Dabei ist es auch nicht wirklich relevant, ob alles, was in mir ist, damit beim anderen ankommt: Wichtig ist, dass der andere versteht, dass das, was in mir ist – implizit – und für dass ich Äonen brauchte, um es zu erzählen, mehr ist als nur „Cool mit Dir abzuhängen.“ Alle Versuche, das in Worte zu packen, ist wie im Unterricht einen Frosch zu sezieren: Keiner möchte da sein, am wenigsten der Frosch. Am Ende habt man eine Sauerei, ist keinen Deut klüger und der Frosch ist tot.

Ich liebe verhältnismäßig wenige Menschen. Besagten Zitatgeber auf einer tiefen menschlichen Ebene. Meine Frau so ziemlich ganzheitlich. Mein Sonnenschein auf intellektueller Ebene. Meine Mutter aus Bewunderung. Mein Kokain – und das war ein langer Prozess des Eingestehens – auf einer Begehrensebene. Alles Liebe. Alles auf einer anderen Basis und ohne jemand etwas weg nehmen zu müssen. Weder liebe ich mein Auto, noch Geld noch eine Bücher. Polyamorie – eigentlich Polyphilia oder Multriamorie wenn man genau sein möchte – ist etwas, dass ich mir schon lange zuschreibe. Nicht, weil ich Fremdgehen gut sprechen möchte, ganz im Gegenteil. Fremdgehen ist bescheuert. Menschen gehen nicht, weil man andere Menschen auch liebt, sondern weil man nicht offen und ehrlich miteinander umgeht. Liebe hat viele Facetten und irgendwie auch kaum eine Konstante. Aber eine muss es geben – sonst wäre der Begriff in der Tat inhaltsleer…

 

…eventuell sollte man sich aber, wie beim Begriff des Wissens, nicht zu sehr darauf versteifen eine Begründung zu finden, sondern einfach in sich hinein hören. In der Regel hört man dann, ob es Liebe ist. Dann weiß man es auch. Liebe ist immer der, das oder die Andere – und Liebe geht nur im Netzwerk.

Amtsblatt | Change Work

Ich darf mich mit einem Projekt beschäftigen, dass sich mit der Erstellung eines Leitfadens zum Thema Building Information Management zum Facility Information Management befasst. Beschäftigen sage ich deshalb, weil die Projektgruppe ein KickOff Meeting hatte und der Projektauftraggeber ein leicht flaues Gefühl hat. Zu Recht, wie ich nach den Besprechungsnotizen sagen darf.

Wenn man als Branchenverband ein solches Projekt angeht, dann sollte man einen Leitfaden erstellen, der es der Branche ermöglicht, den Mehrwert und Nutzen an das Management zu kommunizieren. So ein Leitfaden ist ja quasi das Drehbuch für einen guten Pitch – kurz und knapp, alles Wesentliche und als Ziel: Was muss passieren, damit der Kunde welchen Vorteil hat?

Genau das ist nicht passiert. Da werden sich Gedanken über das operative Doing gemacht. Da geht es darum „Was kostet es?“ und „Welche Bedenken haben wir?“ und „Was kann alles schief gehen?“. Also im Prinzip ein Sammelsurium von Bedenken. Als Nicht-Ziel wurde schomal „Was ist der Mehrwert?“ definiert. Ich sage es mal so: So nicht. Also werde ich jetzt daran gehen, ein Konzept zu basteln, dass als Grundlage zur Erstellung eines Leitfadens dient. Das wird dann wohl mehr oder weniger der Projektauftrag. Eventuell bringe ich mich noch in das Projektcontrolling ein.

Der Ansatz ist: Wenn wir das nicht machen als Branche, dann macht es ein Neueintritt – denn der Bedarf ist da. Wir müssen nur daran gehen, dem Kunden klar zu machen, warum es das nicht zum Nulltarif gibt und was sein Mehrwert ist. Das wird bei den Kunden schon schwer genug, weil er gewohnt ist, im Rahmen von Vergaben „Das machen wir einfach mit.“ zu hören…und dann nie wieder etwas davon zu sehen. Insbesondere Reportings und Strategien – da hat er in der Regel keine Leute im Unternehmen, die sich damit befassen. Also klingt das alles toll bei der Vergabe und findet am Ende nicht statt. Also sollte ein Mehrwert sein: Dashboard mit Kennzahlen auf Basis der Gebäudedaten. Zack – keine Monats-, Quartals- oder gar Wochenreports, sondern ein Blick, was meine Investition gerade macht. Spart seine Zeit und unsere. Schauen wir mal, ob man mir da folgt.

JAM | Aristokratie

Mein Adelskind geht zum Feedbackgespräch. Ich muss früher anfangen. Kinder, die man fördern will, muss man auch rechtzeitig loslassen. Im vorliegenden Fall ist das etwas schwerer als sonst, denn mein Adelskind ist … mehr. Trotzdem war es mir wichtig, sie in ein Förderprogramm zu bringen, ihr interessante Projekte mit entsprechender Facetime bei den Entscheidungsträgern zu verschaffen und die Weiterbildungen durchzubringen.

Jetzt hat sie das Assessementcenter hinter sich und heute bekommt sie das Feedback von der Konzernpersonalentwicklung. Das wird mindestens hilfreich, denn ich kann ja nur meine Sicht kund tun. Wenn das alles so kommt, wie ich das derzeit geplant habe, dann wird sie bald von meinem Bereich in einen anderen operativen Bereich wechseln. Ein Bereich, in dem sie viel bewegen kann, in dem sie lernen kann und in dem sie … wundervoll sein wird. Das ist förderlich, denn mit dem Spektrum, dass sie dann in 3 bis 4 Jahren hat, wird sie besser aufgestellt sein, als alle anderen. Dann muss ich sie nur noch zu einem akademischen Titel bringen.

Ich liebe es Menschen zu formen – aber noch mehr liebe ich es, meine Kinder zur Blüte zur bringen. Mehr noch liebe ich diesen Menschen.

Watercooler | Verschieben

Manchmal muss man ja Vorgänge priorisieren. Das ist ein schönes Wort für verschieben. Priorisieren – das klingt einfach danach, als hätte man es im Griff. Als wäre es eine rationale Entscheidung. Man ist Herr seiner Selbst, Schmied seines Glückes, captain of the boat. Der moderne Mensch – homo faber der Autopoiese. Ähnlich wie beim Scheitern mag sich kaum jemand eingestehen, dass wir oft nur Passagiere sind und das wir auch einfach mal keine Lust haben.

Ich verschiebe Dinge in schöner Regelmäßigkeit. Manchmal weil es sich einfach nicht ausgeht – aber manchmal…ok, oft auch einfach, weil es eine Arbeit ist, die ich gerade nicht erledigen mag. Ich belohne mich quasi. Ich belohne mich vorab mit einem guten Gefühl, meine Zeit etwas Schönen zu widmen. Jetzt könnte man annehmen, dass ich dafür hinterher bezahle, wenn ich die Arbeit dann doch und unter Zeitdruck und nur halbherzig mache. Das ist aber in der Regel nicht der Fall. Interessanterweise ist, wenn ich mir das offen zugestehe, dass ich einfach keine Lust habe und die Zeit genieße, eher so, dass ich meine schöne Zeit verdopple. Ich arbeite unter Zeitdruck einfach etwas konzentrierter. Also habe ich den Genuss der Fertigstellung und die Erinnerung, wie schön es war, die Arbeit nicht zu machen. Das insbesondere da ich, ich bin ja doch schon recht alt, gelernt habe, dass selbst wenn ich die Arbeit sofort erledige, ich am Ende nicht mehr Zeit habe – denn neue „wichtige Dinge“ sind immer da.

Insofern habe ich meine eigene Eisenhower Matrix und sie schließt „verschieben“ und „genießen“ mit ein. Ich lebe etwas entspannter. Ich bekomme meine Arbeit fertig. Nicht zuletzt lebe ich.

Amtsblatt | Atomspaltung

Ich suche eine Definition. Ein guter Philosoph würde jetzt erst einmal anfangen, zu beschreiben, was eine Definition ausmacht, um dann zu ergründen, was seine Definition im speziellen beinhalten muss. Ein guter Philosoph. Ein Denker würde sich erstmal überlegen: Wozu brauche ich so etwas? Ich versuche mich mal als Denker und überlege mir: Was ist der Platz des zu Definierenden im Rahmen meines Gedankengebäudes. Damit habe ich gleich zwei Fliegen mit einer Klappe erschlagen: Ich habe mich als Kohärentisit geoutet – macht ein guter Philosoph auch nicht, denn es legt mich ja gleich fest – und ich habe klar gemacht, dass ich eher teleologisch als doxastisch denken. Mir geht es nicht um Lehrbuchdefinition, sondern um eine praktische. Nicht einer Denkschule mit all ihren Dogmen folgend, sondern einfach darauf los zu überlegen.

Naja, ok. Ich habe schon gute Gründe, warum ich die Kohärenz dem Fundamentalismus vorziehe. Es liegt in der Atomspaltung. Das Problem des Fundamentalismus ist ja, dass man die Proposition auf basale Aussagen, die ihrerseits nicht weiter zergliederbar sind und zweifelsfrei bewiesen sind, zurückführt. Das Ganze ohne Zirkelschluss. Man ahnt schon – der Fundamentalismus ist das Arbeitsamt der Erkenntnistheoretiker. Es gibt so etwas wie unstrittige Aussagen – Axiome – die keiner mehr angreift oder die sich nicht weiter zergliedern lassen, in der Philosophie nicht. Es findet sich immer jemand mit einem „Ja, aber…“ Selbst „2+2=4“ ist eine Aussage, bei der irgendjemand aufsteht und „Sagt wer?“ ruft. Ganz davon zu schweigen, dass es in einem komplexen System auf irgendeine verschwurbelte Weise immer einen Zirkelschluss geben wird. Trotzdem kann ich sagen, dass ich gern Philosophie betreibe. Das kann einem kein Mensch weg nehmen.

Wie dem auch sei – Atomspalterei mag ich nicht und ich denke auch, dass eine fundamentalistische Erkenntnistheorie einer komplexen Welt nicht gerecht wird. Es reduziert Beziehungen zwischen Sachverhalten auf eine unzulässige Weise. Daraus eine Erkenntnis abzuleiten ist wie die Anekdote vom Suchenden im Licht der Straßenlaterne – dort hat er den Schlüssel zwar nicht verloren, aber dort Drüben im Dunkeln findet er ja nie was er sucht. Es liefert Antworten, die auf gut Glück richtig sein können – aber das ist kein Wissen. Damit wären wir beim Thema: Was ist Wissen? Ich denke mal nach.

JAM | Change Work

In der Regel sind Sachverhalte nicht überraschend. Sachverhalte folgen – jedenfalls in meinem perzeptiven Universum – Kausalitäten und Zufälle sind Kausalitäten, die wir noch nicht ergründet haben. Es ist durchaus möglich, dass Entwicklungen nicht so passieren, wie man sich das erhofft hat. In einer perfekten Welt könnte man alle Informationen in eine Bewertung einbinden und es würde sich eine Prognose entwickeln, die eigentlich keine Prognose, sondern eine Darstellung der Entwicklung, die sich notwendig so darstellen wird. In der Realität müssen Prognosen mit optionalen Entwicklungssträngen mit Wahrscheinlichkeiten entwickelt werden. Der Stochastik folgend können also auch Optionen realisiert werden, die einen eher geringen Wahrscheinlichkeitsweg haben.

Es gibt ab und an einen Sachverhalt, den analysiere ich nicht und den bewerte ich nicht. Den lebe ich einfach. Den erlebe ich. Dazu müssen die Menschen passen und diese Gelegenheiten sind selten. Dieser Fall tritt immer dann ein, wenn ich einen Freund brauche. Ich habe eigentlich nur vier Freunde – einer hat sich, weil ihn seine Frau betrogen hat gegen einen Baum gefahren und ist tot, einer ist seit langem aus meinem Leben raus und einer ist weit weg. Der vierte und wichtigste Freund ist meine Frau. Jetzt brauche ich einen Freund. Das ist für mich ein großes Ding. Das war ein Projekt, dass ich seit fast fünf Jahren verfolge. Mit Rückschlägen und mit so vielen emotionalen Kosten, dass ich rational schon lange aufgeben müsste. Ich kann aber nicht.

Es ist also an der Zeit, einen Schritt zurück zu nehmen und zu sehen, was sich ändern muss, damit ich wieder atmen kann. Derzeit kann ich das nicht. Derzeit kostet mich das Nachdenken und das Überspielen von emotionalem Sturm so viel Energie, dass ich kaum dazu komme, die Dinge zu tun, die ich normalerweise gut mache – Denken, Lernen und Steuern.

Aktuell muss ich also sortieren, was ich machen sollte, was ich machen kann und was ich machen will. Ich kann das Projekt nicht einfach abschließen. Ich kann in dem Projekt nicht mehr gewinnen. Ich kann das Projekt nicht auf die rationale Ebene ziehen. Ich habe nicht mal jemanden, um Ideen zu pitchen. Im Grunde genommen kann ich nur mit mir selbst ins Reine kommen. Das wird eine neue Erfahrung – und das ist ja auch, was Leben bedeutet. Selbst mit 50.

Im Prinzip werde ich also Dinge aus meinem Leben aussortieren müssen, die ich aktuell nicht brauche und mich auf Dinge konzentrieren, die ich nicht aussortieren kann. Das wird Change Work – und dazu gehört auch ein Tal der Tränen.

JAM | Gedankentetris

Ich habe ja das sagenhafte Glück, dass ich meiner Passion in der Firma nachgehen darf: Ich bin ein Informationsjunkie und darf hier eine Datenkrake sein. Das hat schon so seine Vorteile. Es hat aber auch Nachteile.

Der wesentliche Vorteil ist, ich kann und darf und manchmal soll ich auch bei allen Dingen mitreden. Das kommt mir entgegen, denn „an idle mind is the devils playground“. Das haben meine Chefs schnell mitbekommen und versorgen mich mit meinem Treibstoff: Informationen und Tätigkeiten. Wenn ich da nicht ausgelastet bin, dann suche ich mir Beschäftigung und das geht meist für andere nicht gut aus. Da fallen die Bausteine sehr rational und wenn es funktioniert – was es bis dato immer getan hat – dann verschwinden die Reihen und ein wohliges Gefühl der Zufriedenheit stellt sich ein. Auch wenn sie mal schneller fallen – es gibt immer eine Lösung. Aktuell darf ich vier Jobs machen und das ist so unsagbar erfüllen, ich kann gar nicht sagen, was schöner ist.

Doch. Es gibt etwas, das schöner ist. Das ist der Nachteil. Solange alles sach- und fachbezogen gehandhabt wird, könnte ich auch noch einen fünften Job machen. Wenn es aber nicht mehr rational zu erfassen ist – wenn man eine Obsession hat – dann wird es schwierig. Ich habe ja in der Regel kein Problem Menschen wie Bausteine zu behandeln und wenn sie nicht funktionieren, werden sie so lange gedreht, bis sie verschwinden. Nur bei meinen Kindern – den Adelskindern – ist das anders. Speziell bei ihr. da ist nichts rational. Da sieht das Spiel derzeit so aus

Da verschwindet nichts – auf der rechten Seite könnte ich schon alles locker weg haben, aber ich kämpfe auf der linken Seite. Verzweifelt. Sie wissen schon – die Hoffnung stirbt zuletzt, dass der richtige Stein kommt. Aber es gibt keinen richtigen Stein. Es gibt nur die Steine die kommen.

Hinzu kommt, dass wir hier mit der Situation „Scorched Earth“ arbeiten. Beide Seiten verbrennen alles unter ihrer Kontrolle. Sie kann aber besser „Ablegen und vergessen“ als ich – auch, weil mir sehr viel an ihr liegt.

Daher also kann ich derzeit nicht auf der rationalen Seite voran kommen. Dafür gehen aktuell zu viele Ressourcen dafür drauf, das Bild einer ruhigen See zu zeigen, wenn innerlich der Sturm wütet. Restart des Spiels ist ausgeschlossen. Das geht nu auf der rechten Seite. Die linke Seite ist wie sie ist – und ich bin etwas betrübt darüber, dass ich nicht davon lassen kann.

ich frage mich, ob das mit richtigen Kindern genauso ist – und wenn ja, bin ich froh, dass ich keine habe.

Watercooler | Müßiggang ist aller Anfang

Also vorab – der Text von @blume_bob auf seinem Blog ist wie ein emotionaler Tag am Meer. Ich habe kaum jemand gelesen, der mir beim Lesen dieses Gefühl von Brandung in die Synapsen pflanzt. Wenn jemand also einen kurzen Stressbreak braucht: Da hin gehen und lesen.

Ich kann mich auch nur dem Kerngedanken anschließen: Müßiggang ist nicht Faulheit. Müßiggang ist der Beginn von Innovation. Es ist auch der Weg zu Innovation. Die Arbeitsstättenverordnung fordert nicht ohne Grund, dass Büroarbeitsplätze Fenster haben sollen. Wer verpasst, ab und an inne zu halten und mal aus dem Fenster zu sehen – oder auch nur mal sich zurück zu lehnen und an die Decke zu starren, um einfach am Gedankendrifting zu betreiben – der wird kaum produktiv bleiben können. Es wird ja ohne Probleme akzeptiert, wenn der Zug der Nikotinsüchtlinge zur Raucherinsel zieht, um sich über dies und das zu unterhalten – ohne Mehrwert. Aber zwischen zwei Meetings einfach mal 5 Minuten Kopf frei machen – das ist „Schau mal, der hat nichts zu tun.“

Dieses Recht sollte man sich einfach nehmen – sicher wird nicht jeder die Möglichkeit haben, seinen Mitarbeitern einen Tag im Monat frei zu geben, um zu tun, was er will, Hauptsache er teilt die Ergebnisse mit den Kollegen und der Firma.  Ganz egal, wie produktiv das langfristig ist. Aber ihnen die Möglichkeit zu geben, zu reflektieren, einmal auf neutral zu schalten oder auf die Werkseinstellung zurück zu gehen – das sollte drin sein.

Dazu zählt auch digitaler Müßiggang. Man muss auch manchmal – um es mit den Worten von Peter Lustig zu sagen – abschalten. Darauf pfeifen erreichbar zu sein. Ich habe solche Momente – um 6 Uhr in der Früh auf einer Bank am Hohen Graben. Wenn die Stadt erwacht. Alles noch ruhig ist und man die Seele der Stadt atmen kann. Ab und an auch beim Rasenmähen – da kann mich keiner ansprechen. Hin und wieder beim Wandern – wenn nur der Wald rauscht und das so weit die Beine tragen. Gerade wenn man zu viel zu tun hat und eigentlich keine Zeit hat – oder wie mein alter Bataillonskommandeur gesagt hat: Macht langsam – wir haben es eilig und viel zu tun.

Den schönsten Müßiggang gönne ich mir aber ab und an, indem ich per google street view durch London spaziere. Das ist Urlaub und dabei kommen mir Ideen. Müßiggang. Man gönnt sich ja sonst nichts.