Archiv für den Monat: August 2018

JAM | Wie Wolken schmecken

Das wird dann mal so ein richtig schmalziger Blockpost. Ich will nur ein Warnung voran stellen – es wird um Gefühle gehen und darum, wie sie der Untergang und die Wiederbelebung sind. Es wird so richtig Rosamunde Pilcher meets Terry Pratchett.

Ich habe mir in den vergangenen Monaten das Leben ja recht schwer gemacht im Hinblick auf mein Kokain. Eine Fülle an Gründen war sicher, dass ich in ihr meine letzte Chance gesehen habe, etwas in der Welt zu hinterlassen und dass sie living proof gewesen wäre, dass ich noch nicht zum alten Eisen gehöre. Wir hatten Chemie – so dachte ich zumindest und auch das ein Grund: Ich war zu blind zu sehen, dass wir keine Chemie sondern nur meinen Wunsch nach mehr hatten.

Eine Twitterin, die sich einer ähnlichen Herausforderung gegenüber sieht – in Sehnsucht, in Verlangen, in Begehren, in Sucht zu verbrennen – hat mir viel geholfen darüber nachzudenken, dass es nicht so einzigartig ist, was mir da passiert. Es ist sogar recht gewöhnlich – für 13-18jährige. Was ich aber auch gelernt habe: Wir sind alle 16, wenn es um Gefühle geht. Das lernt man nämlich nicht, das erlebt man wieder und wieder und es ist immer das neue Alte.

Jedenfalls habe ich irgendwie damit meinen Frieden gemacht, dass ich dieser Geschichte ewig nachhängen werde. Ich habe eine gute Freundin – auch eine Seelenverwandte – die mir mal empfohlen hat, dass man manchmal einen Glaubenssprung machen muss. Einfach mal sagen, was man will und dass man liebt. Das habe ich drei Mal gemacht. Einmal bei einer Studienkollegin, bei der das Schicksal und meine Überheblichkeit über Gefühle erhaben zu sein uns im Weg gestanden ist. Dazu später mehr. Dann bei meiner Frau – und ich bin bis heute glücklich, dass das mein Leben bestimmt hat. Das dritte Mal war mein Kokain. Man kann sich vorstellen, dass ich das so kurz nach dem Event als emotionale Apokalypse betrachte. Vier Jahre in einem Menschen investieren, nur um dann gesagt zu bekommen, dass sie alles allein geschafft hat, ihr nie jemand geholfen hat und wir immer nur Kollegen waren. Naja, spilled milk under the bridge.

Kommen wir auf den Menschen aus dem ersten Fall zurück. Wir haben zusammen studiert. Damals. Wir haben uns in einem Blockseminar kennen gelernt, in dem wir fünf Teilnehmer waren. Drei Mädls, zwei Jungs und einer war ein TaiChi-Wunderling, der keine Konkurrenz war. Da ich noch nie wirklich auf blond stand – obgleich sie einen tollen Arsch hatte – war ich von IHR fasziniert – und das hat sich auch nie geändert. Kennen Sie das, wenn ein Mensch ein Lachen hat, dass so ansteckend ist, dass man eigentlich nichts mehr zu trinken braucht, um im Delirium zu sein. Naja, es war jedenfalls ein langes tasten. Ich habe sie immer als way out of my league betrachtet. Ich war happy nur in ihrer Nähe zu sein. Ich habe mir eingeredet, dass ich sie ohnehin nur ins Bett will. Fakt ist, dass sie mir für Sex immer zu Schade war. Ihr Körper war ein Tempel. Ich habe gebetet und ich wollte sie immer anbeten. Wie Shakespear sagte: Let lips do what hands do – they pray. Wenn ich damals gesehen hätte, was sie zu geben bereit war und den Mut gehabt hätte, zu meinem Begehren zu stehen – die Welt wäre eine andere. Ich gehe davon aus, dass ein Zeitreisender die Umstände so gestaltet hat, dass es nicht dazu kam – unser Kind wäre sicher ein neuer HItler gewesen und so haben wir der Welt Tyrannei und Verderben erspart. Auf Kosten unseres Leidens.

Wie dem auch sei – wer hört, wie Schmetterlinge lachen, der weiß, wie Wolken schmecken. Ich hatte meinen Schmetterling und ich schmecke noch heute die Wolken über Berlin. Was wir hatten war ein ewiger Moment. Ich wollte nie zum Augenblicke sagen, verweile doch, du bist so schön. Ich wollte mehr und intensivere Momente mit Dir. Ich wollte das, was wir hatten festhalten. Wir waren Studienkollegen zuerst. Wir hatten wenig gemeinsam und eigentlich haben wir das heute noch – mit Ausnahme, dass wir unsere Gesellschaft genossen haben. Wenn ich etwas über Quantentheorie lese, dann denke ich immer, dass man die Verschränkung von Quanten sehr einfach beobachten kann: Wir. Keiner kann es erklären, aber beobachten geht. Wir sind Pegasus – und Du warst mein Flügel. Wie alle Menschen teilen wir den Boden, den wir berühren, aber nur wir spüren, wo der andere steht.

Es ist kein Methadon – es ist etwas ganz einfaches. Es ist Freundschaft. Tiefe und innige Freundschaft. Was wir hatten und auch haben ist das Verständnis, dass der andere Mensch etwas ist, dass wesentlich für das Selbst ist. Als Geschichte, als Wesen und als Zukunft. Es ist auf eine ganz eigene Art Liebe. Es ist das Wasser in einem Meer von Orangensaft.

Denkamt | In spe

Da kommt man ja ab und an zu einer Redewendung, die man auch selbst nutzt, und fragt sich: Was zum Henker soll das bedeuten und warum zum Geier soll das so sein? Henker ist ein gutes Stichwort, denn es geht um „Die Hoffnung stirbt zuletzt.“ Also quasi, wenn alle anderen Dinge schon der Geier geholt hat, der ja bekanntlich neben vielen anderen Dingen auch immer weiß, wo die Hoffnung nun gerade stirbt, dann kann er sich noch an diesem Emotionalkadaver laben. Wenigstens ein Leben gerettet – den Geier – und einen Job gesichert – den des Henkers.

Hoffnung ist so eine Sache. A G´schicht wie der Wiener sagen würde. Wenn sie schon zuletzt stirbt, was ist dann vorher gestorben? Gibt es da eine fixe Reihenfolge – als erstes geht das Selbstwertgefühl über die Wupper und dann die Fähigkeit zum rationalen Denken. Der Rest reiht sich brav ein und wirft das Handtuch gemäß Sterbetabelle? Könnte ja auch sein, dass das eher so ein chaotisches Gedränge ist, bei dem alles gern so schnell wie möglich das Theater verlassen möchte, um ja nicht mehr da zu sein, wenn die Hoffnung die letzte Arie schmettert, um dann den sterbenden Schwan zu geben. Kann ja nicht vorbei sein, bevor die dicke Dame ihren letzten Seufzer geschmachtet hat. Da will man als Emotion gern schon im Auto auf dem Weg nach Hause sein, um dem Gedränge im Parkhaus zu entgehen.

Hoffnung ist eben so eine Sache. Ich denke ja, es ist mehr als eine Emotion. Hoffnung ist in der emotionalen Hackordnung irgendwie der Zeus. Hoffnung steckt sich überall rein, wenn es sein muss auch in verkleideter Form als Schwan oder Stier. Hoffnung thront über den Dingen. Hoffnung muss sich nicht legitimieren. Hoffnung verspricht das Blaue vom Himmel, damit sie zum Zug kommt. Dabei ist sie nicht sonderlich subtil oder höflich – nein, sie platzt einfach rein und bleibt mal bis zum Abendessen. Oder bis sie stirbt. Leider ist das Biest, wie Zeus, eher so ausdauernd.

Die Sache ist auch, dass die Hoffnung ein Parasit ist. Wir füttern den Geist und den Körper und die Hoffnung labt sich an den Gaben und sichert ihre Existenz auf Kosten der anderen. Nix Symbiose – nein, rein parasitäres Verhalten. Je nach Veranlagung leidet der Geist mehr oder der Körper. Je nachdem wird es eher zur Tragödie oder zur Komödie. Sie wissen schon – für die, die denken und für die, die fühlen. Der Parasit stirbt dann quasi erst, wenn der Wirt Futter für die Würmer ist. Man könnte also annehmen, dass die Hoffnung in der Tat als letztes stirbt. Ooooder…

….oder man betrachtet die Hoffnung einfach nur als Motor unserer Emotionen. Auf was hoffen wir denn in der Regel? Auf einen Job, auf Geld, auf Gesundheit, auf Liebe – im weitesten Sinne also auf Anerkennung unseres Seins. Anerkennung ist quasi Ausdruck von – ja, das meine ich ernst – Liebe. Liebe ist ja nicht nur „Die moag I schnackseln.“ Liebe ist Ausdruck von Wertschätzung. In all ihren Facetten ist Liebe meiner tiefsten inneren Überzeugung nach die Kernidee des Menschseins. Das Gegenteil von Liebe ist dann eben auch nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit. Im Hass ist auch Anerkennung des anderen. Da bleibt auch noch Hoffnung. Aber in der Gleichgültigkeit liegt die Negierung des Anderen. Es ist egal, ob jemand ist oder nicht. Insofern denke ich, dass die Hoffnung nicht als letztes stirbt. Ich denke, die Liebe und damit die Anerkennung als Mensch stirbt zuletzt. Mindestens zu Liebe zu sich selbst. Insofern mag die dicke Dame wie eine Galeone durch die brennende Kulisse pflügen und den Untergang des Abendlandes herbeischmettern, wenn sie von der Bühne gegangen ist und das Theater leer ist, dann erst geht der Dirigent.

Amtsblatt | Namecalling

Man kann ja über Namen denken was man will, aber sie haben Wirkung. Nicht nur, dass der kleine Kevin in der Schulung von Seiten seiner Hans-Georg- und Heinrich-Timothy-Peers kräftig in seiner Persönlichkeitsbildung gefördert wird, können auch seine Pädagogen sich einer Schubladisierung nur schwer entgegen stellen. Wer einem Subjekt oder auch einem Objekt einen Namen zu geben vermag, der beherrscht es auch in gewisser Weise. Wer erinnert sich nicht daran, dass die brave Müllerstochter die Oberhand gewann, als sie das Rumpelstilzchen beim Namen packte. Wer hat nicht im Rahmen der Klempererschen Lingua Tertii Imperii Angst und Bange bekommen, was man mit Sprache anstellen kann. Gerade der Wandel von „fremd“ auf „feindlich“ ist heute wieder präsent, wenn es von „Freiheitskämpfer“ auf „Terrorist“ oder von „Pausenclown“ auf „Mister President“ gewandelt wird. Das verbale Framing ändert die Wahrnehmung deutlich.

In einem kleinen Twittergespräch wurde mir bewusst, dass auch HR – also Human Resources – so ein Begriff ist. Die Nähe zu Humankapital und damit die Gleichsetzung von Subjekt und Objekt – oder vielmehr die Umdotierung von Subjekt zum Objekt – ist deutlich. Spätestens im Rahmen der Wirtschaftsplanung wird es dann abstrus, wenn man von Full Time Equivalent spricht und Leiharbeiter eine Position im Materialaufwand werden. Wegen der Darstellung wäre es … aber das Denken ist klar. Es ist eine Ressource wie Schmiermittel und Pumpen. Selbst Mr. Pump in Terry Pratchetts wundervollen Buch „Going Postal“ hatte mehr Menschlichkeit. Die Distanzierung vom Subjekt im Interesse einer objektiven Planung kenne ich auch aus dem militärischen Kontext. Wenn man dort ab einer bestimmten Ebene plant, dann spricht man nur noch über Fähigkeiten und nicht mehr über Menschen. Keiner auf der Ebene Division denkt noch über die Briefe, die der „Ausfall einer Fähigkeit“ nach sich ziehen, und die durch den Kompaniechefs und Zugführer verfasst werden müssen. Sicher macht es das Planen einfacher, wenn man nur in abstrakten Dimensionen denken muss. Kein Mensch plant gern 100 Mann und Frau Verlust ein. Aber den Ausfall von Umschlagskapazität in einem Hafen kann ich bewerten. Auch wenn es am Ende einfach die Inkaufnahme des Falls einer Hafenumschlagkompanie im Sinne der Gesamtmission ist.

Im Hinblick auf die demographische Entwicklung werden sich die Spezialisten des Bereichs Personal etwas überlegen müssen. Wollen sie weiter im Industrie 3.0 Verfahren Drohnen in Prozessen haben, die nach Arbeitsleistung bemessen werden oder wollen sie sich wieder Menschen und ihren Potentialen und Fähigkeiten widmen. Dann wird es Zeit für ein Reframing ihres Berufsstandes und damit auch ihrer Denkweisen über das, was sie tun. Wer hat die Macht zum Reframing – das sind die Unternehmenslenker. Keine tolle Kampagne und kein noch so gut promotetes Bild in der Öffentlichkeit wird Wirkung zeigen, wenn ein potentieller Mitarbeiter spürt, dass hier eine Stelle gefüllt werden soll uns nicht eine Fähigkeit, ein Individuum und im weitesten Sinne die Zukunft des Unternehmens gewonnen werden soll. Gewinnen ist so ein Wort – eine Personalabteilung muss Mitarbeiter gewinnen. Nicht akquirieren. Auch da setzt das Mindsetting an. Die nachhaltigsten Entscheidung sind immer Personalentscheidungen – es sollte also auch eine Personalabteilung bewusst sein, dass sie ein entscheidender Träger des Gesamtbildes sind. Ein guter Schritt wäre das Umbenennen: Zukunftsgestalter wäre ein passender Begriff aus meiner Sicht.