Archiv für den Monat: Dezember 2018

EDUPNX | suum cuique

Der gute alte Fritz hat mit meiner Sozialisation so einiges zu tun. Nicht nur im Allgemeinen als Exempel an soldatischer Tugend – alles im Kontext seiner Zeit – und als aufgeklärter Absolutist, nein auch durch die Gründung eines reitenden Feldjägerkorps. Zusammen mit dem Bezug auf dieses und dem Schwarzen Adlerorden mitsamt der dazugehörigen Inschrift wurde ich neben meinem Elternhaus geprägt. Ich mag dieses Wahlsatz – auch, wenn seine Übersetzung eine Pervertierung durch das Dritte Reich erfahren hat. Im Grunde genommen hat es mich mehr geprägt als meine Kindheit in der DDR oder meine Erfahrungen im bundesrepublikanischen Kontext. „Jedem seins.“ gefällt mir immer wieder – sei es als Verweis darauf, dass Karma eine kaltherzige Herrin mit einem übermäßigen technischen Hilfsmittel zur Simulation von koitalen Vorgängen ist, oder sei es im Rahmen von Gerechtigkeits- und Fairnessdebatten.

Das ist jetzt kein guter Einstieg in einen Gedanken, der sich mit einer Methode zur Vermittlung von Wissen im schulischen Kontext befasst. Oder eventuell doch – umso früher man Heranwachsenden vermittelt, dass man Wissenschaft zwar kritisch hinterfragen kann und soll, desto eher hat man neue Mitstreiter im Kampf gegen die wachsende Gemeinde derer, die meinen, dass nur weil sich Wissenschaft entwickelt, sie auch nur eine Meinung oder ein Glaubenssatz ist. Manche Dinge lernt man mit drastischen Worten – wie manche eben Schwimmen lernen, indem man sie ins Wasser wirft. Yours truly hat so zum Beispiel sein Seepferdchen bekommen. Sicher nicht moderne Pädagogik – aber auch hier gilt: Manchmal ist der Griff auf die Herdplatte notwendig, wenn der Lerneffekt für den Schüler nachvollziehbar, nachhaltig und nutzungsorientiert erreicht wird.

Das ist aber auch nicht das Thema des heutigen – fortgeführten – Gedankengangs, der durch die @bildungspunks gestartet und durch viele Menschen – zuletzt @Le_Pi – weiter getragen wurde.

Zusammengefasst lässt sich sagen: Ich denke nicht, dass design thinking eine Methode, ein Konzept, ein Methodenmix oder eine Kunst der Unterrichtsgestaltung ist. Ich denke nicht einmal, dass es ein besonders gutes Konzept im Allgemeinen ist. Das mag an der eingangs erwähnten Sozialisierung liegen – ich bin nämlich grundsätzlich skeptisch, ob selbstorganisierte Teams funktionieren. Mein Verdacht war und meine Beobachtungen – ich weiß, kleines Sample – zeigen, dass es in Teams ohne formelle Strukturen informelle Führer gibt. Es etabliert sich ein Lead-Follow-System. In einem guten Team kann die Lead Funktion wechseln – aber in der Regel gibt es immer einen Teammanager.

Aber ich drifte in einen anderen Gedanken ab – um was es mir eigentlich geht ist ein Tweet von @Le_Pi – der einen Gedanken aufgreift, der sich bei mir schon eingeschlichen hatte:

Frage Eins: Ist design thinking für jedermann und immer? Definitiv: Nein. Es ist nicht für immer. Das würde den Rahmen einer Schule sprengen – zeitlich und kompetenztechnisch. Man darf ja nicht vergessen, dass man für divergent-emergent-convergent nur begrenzt Zeit hat. Im Optimalfall 12 Schuljahre. Dann darf man nicht vergessen, dass Lehrer eigentlich ständig in der convergent-Phase stecken – die Schüler auf das Lehrplanziel hinzuleiten. Das emergent schaffen die Schüler von ganz allein – denn ich bin fest der Überzeugung, dass Staunen-Zweifeln-Betroffensein den Menschen innewohnt – man darf es halt nicht abtöten durch (auswendig-)lernen-(auswendig-)lernen-nochmals(auswendig-)lernen. Es gibt eben Inhalte, die sind zu vermitteln – durch vormachen-erklären-nachmachen-üben. Das mag ein wenig – oder sehr – gestrig wirken, aber Schule hat nun einmal auch den Zweck, Grundlagen zu schaffen. Grundlagen für weiterentwickeln. Nicht alles muss, kann und soll „frei“ sein.

Zweiter Teil: Es ist auch nicht für jedermann. Da liegt der eigentliche Hase im Pfeffer begraben. Eine Schule ist inklusiv. Eine Schule – also die institutionalisierte Schule als Organisation sollte soziale, intellektuelle und monetäre Grenzen durch das Schaffen einer einheitlichen Ausgangsbasis für alle Beteiligten aufbrechen. Wenn ich ein Konzept implementiere, bei dem ich schon davon ausgehe, dass es nicht für jedermann ist, dann schaffe ich keine Lokomotive, die andere mitzieht, sondern ich schaffe eine Fluchtkapsel für Wenige, um vom brennenden Schiff der Allgemeinbildung wegzukommen – und lasse den Rest zurück. Wer soll das selektieren, wer soll rechtfertigen, dass dafür die Allgemeinheit aus Steuergeldern aufkommt. Also eine Methode, die nur dazu gut ist, Spitzenleute zu fördern, kann nicht die Lösung für bessere Didaktik sein. Sicher – damit kitzle ich die nächsten 10% Mehrleistung aus den Alpha-Kindern raus. Aber eben auf Kosten der Schaffung eines Nukleus an Sternenstürmern und einer breiten Masse, die sich schon aufgibt, bevor es richtig losgegangen ist.

Ursprünglich hatte ich noch den Gedanken verfolgt, wie ich ihn auch im Rahmen des Projektmanagements sehe: Für alles das richtige Tool. Einzelne Elemente können SCRUM sein – einzelne Elemente und Strukturen können klassisch geplant sein. Wenn ich eine Aufbauorganisation entwickle, kann ich das zu entwickelnde ERP als Lieferobjekt per SCRUM entwickeln lassen und den Personalaufbau klassisch Wasserfall. In der Schule aber wird das immer dazu führen, dass einige dabei sind und einige nicht. Wir waren in meiner Schule eine Sprachklasse – wir waren in der ganze Stadt die einzige Sprachklasse. Wir waren die Schneeflocken. Eigentlich waren wir nichts besonderes – wir hatten eben nur jeweils 2 Jahre früher eine neue Fremdsprache. Aber wir sind aufgetreten wie die Herren der Welt. Das hat auch dazu geführt, dass wir ein hervorragendes Zusammenhaltsgefühl hatten – aber auch auf Kosten „Wir“ und „Die“. Förderlich für „Die“ war das nicht, denn ihnen war sehr bald bewusst, dass wir mal eine Funktionselite sein würden – zumindest sehr viel wahrscheinlicher als „der Rest“. Das kann nicht Ziel einer Organisation sein, die es schaffen sollte, dass alle die Chance auf den gleichen Absprungpunkt für das Leben bekommen sollen.

Was mir aber wirklich gefällt an dem Post von Le_Pi ist Frage Zwei – technisch keine Frage, aber ich nehme mir diese Freiheit: Warum gleich im Silicon Valley Klassenzimmer anfangen? Warum nicht erstmal die Multiplikatoren empowern? Warum nicht weg vom Lehrerzimmer mit all den düsteren Vorstellungen, die man als Schüler von diesem arkanen Refugium so hatte und hin zu einem Lern-, Denk- und Wachstumsraum. Besser noch, man könnte das als wirklichen offenen Raum gestalten – wie es mal mit der Bibliothek der Bundeswehruniversität Hamburg gedacht war. Eine Bibliothek, mit Lehrern, die für Schüler ansprechbar sind. Ein Raum, der dazu einladen würde, hier auch zu arbeiten und gegebenenfalls Unterrichte ganzheitlich zu planen. In dem Korrekturen eventuell mit den Schülern gemeinsam vorgenommen werden könnten. Das wäre ein Ansatz, den ich gut finde. Aber ein Produktentwicklungsprozess in eine Schule zu bringen erscheint mir ein schlechtes Zeichen – in einer Schule sollte es nämlich kein Produkt geben. In einer Schule sollte es Denken geben.

EDUPNX | …mit Betonung auf „Thinking“.

Es kommt ja ab und an vor, dass ich mir auf den ersten Blick in eine Idee verknalle. Manchmal ist das auch die Idee von einem Menschen. In der Regel sind es aber Ideen im Hinblick auf die Entwicklung – manche würden eher sagen Steuerung – von Menschen. Die Idee, bei der aus einem Flirt ein Verknallt und inzwischen eine tiefgreifende Liebesbeziehung geworden ist, ist Nudging. Das ist meine Ideenehefrau. Es gibt auch Ideen, da denke ich mir „Darf ich Ihnen das `Tschüss´ anbieten. Eine dieser Ideen ist „Design Thinking“. Das hat verschiedene Gründe. Ich habe das ja schonmal in nett dargestellt. Jetzt muss ich aber sagen, dass durch neuen Input von jenslindstroem.de ein wesentlicher Punkt irgendwie untergegangen zu sein scheint: In einem schulischen Kontext sollte die Betonung immer auf „thinking“ und nicht auf „design“ liegen.

In weiten Teilen kann ich zu dem Thema auch den Beitrag des von mir sehr geschätzten @derlinkshaender verweisen, dem ich auch eine gewisse Skepsis unterstelle. Worauf es mir aber wirklich ankommt, ist das sich die Masse der Argumente darauf bezieht, dass wir ein Umfeld schaffen müssen – moderne Lehrmittel, Tablets, Kreativitätsräume, Aufbrechen der 45-Minutengrenzen. Was wir – und zugegeben auch ich in meinem letzten Artikel – doch im wesentlichen leisten müssen ist doch: Denken lernen. Nicht das Design ist das wesentlich, sondern das, was der klassische Lehrer als „spinnen“ abgetan hat.

Setzen Sie sich….

Ich mache da jetzt mal etwas eigentlich inkommensurables: Wir fordern Autos für unser Fortkommen, aber wir denken nicht mal darüber nach, ob wir nicht tanzen sollten. Tanzen bringt uns nicht nach Übermorgen, aber es lässt uns das heute viel besser erleben. Es schafft Eindrücke, Erlebnisse, Perspektiven und Selbstbewusstsein. Wenn wir uns jetzt mal gestatten kurz darüber zu reflektieren, was unser Denken ausmacht, dann ist es sicher nicht mit immer größerem Tempo durch Etappen zu fliehen, weil wir möglichst schnell ein „Gestern schaffen wollen“, um zum „Morgen“ zu kommen ohne auch nur ansatzweise das „Heute“ zu erfahren.

In der Betrachtung dessen, was mein Denken ausmacht, dann ist es in der Tat das innehalten und betrachten von Objekten, Menschen und immateriellen Dingen und die Einordnung dessen in einen Gesamtzusammenhang. In dem Sinne kann man aus Design Thinking wirklich etwas mitnehmen – nämlich das Zulassen von Meinungen. Wenn ich mich aber an meine Schulzeit erinnere, dann war das eher so: Drei Gruppen, die in sich jeweils homogene Meinungen hatten und die trotzdem eine gemeinsame Basis hatten: Wir waren eine Klasse. Rückblickend war es eher so, dass „Einigkeit“ eher definiert war über Ausgrenzung. Die Gruppe außerhalb der Klasse, die Klasse außerhalb der Stufe, die Stufe außerhalb der Schule und die Schule außerhalb der anderen Schulen. Meiner Meinung nach ist das nichts, was design thinking aufbrechen kann. Ganz im Gegenteil – bilde ich eine Gruppe, die in sich einen intellektuellen Anspruch entwickelt Ideengeneratoren zu sein oder sogar wirklich funktional Ergebnisse erzielt – dann trage ich eher zum Problem bei. Ich schaffe eine Gruppe, die sich – zur Recht oder Unrecht sei mal dahingestellt – als eine intellektuelle Elite begreifen wird. Breche ich diese Gruppen regelmäßig auf, um neue Zusammensetzungen zu generieren, dann werde ich entweder die Methode zerbrechen oder das soziale Netzwerk der Schüler.

Worauf ich hinaus möchte ist, dass wir nicht tolle Werkzeuge brauchen, sondern Denker. Ich mag jetzt nicht ein Gestriger sein, aber was brauchen denn die Leute zum Denken? Peter Bieri hat mal geschrieben: Einen Tisch, einen Stuhl, ein Blatt Papier und einen Bleistift. Das bezog sich damals im Rahmen eines offenen Briefes auf die Diskussion der personellen Ausstattung der FU. Wurde ihm übel genommen, da er ja meinte: Wozu akademischen Unterbau? Im Prinzip hat er aber recht.

Theater an der FU Berlin

Das schönste Seminar an der FU – also schön, nicht ergebnisreich – hatte ich im Innenhof der FU. Dort gibt es eine Anlage, wie ein griechisches Theater. Nicht in einem tollen Raum mit SmartBoard oder beschreibbaren Wänden. In diesem Sonne möchte ich es auch verstanden wissen – ich bin dafür, den Schülern erst einmal das Tanzen mit Gedanken beizubringen, bevor sie ihr Denken auf die Autobahn bringen. Ich bin dafür, dass Schüler erst einmal ermöglicht wird, für sich ein kohärentes System des Denkens zu entwickeln. Dann kann man auch tolle Konzepte darauf aufsetzen. In der Schule braucht es nicht design thinking – es braucht thinking. Der Lehrer hat dabei die Rolle, die ein gutes Malbuch hat – Rahmen vorgeben, innerhalb dieser Linien aber ist es Sache der Schüler ihr Denken zu entwickeln. Wenn sie einen lilafarbenen Himmel und gelbes Gras wollen – so be it. Was wir nicht brauchen ist: Wir machen jetzt Design Thinking. Du, du und du…ihr arbeitet jetzt zusammen, weil ihr aus so toll unterschiedlichen Kontexten kommt. Keiner von uns weiß, welches Wissen in Zukunft wichtig ist – aber das Denken wichtig ist, für sich und ganz individuell – das können wir glaube ich unterschreiben.

JAM | Macht der Gewohnheit

Man liest Twitter. Man findet einen Tweet. Man denkt kurz darüber nach und … zack ist es 3 Uhr in der Früh und es lässt einen nicht mehr los, dass da was nicht stimmt. Sie kennen das sicher auch. Das passiert doch jedem Menschen. Weil wir ja nachdenken über die Dinge, die wir so tagtäglich konsumieren. Wenn nicht, dann erklärt sich vieles, was so im Rahmen der Dekonstruktion der Demokratie gerade so passiert. Für den Rest: Freut mich, dass es noch mehr geschafft haben, auf der intellektuellen Evolutionsleiter über die dritte Sprosse hinaus gekommen zu sein.

Der Tweet, der es dieses Mal geschafft hat kommt, wie auch beim letzten Mal, von einem Menschen, den ich nur auf Twitter kenne, mit dem ich auf Twitter viel über Abhängigkeiten geschrieben habe und mit dem ich im weitesten Sinne ein Schicksal teile. Die Rede ist von DocPolytraum und der Tweet, der mich Schlaf gekostet hat, war:

Ich bin ja schon per se nicht als besonders empathisch bekannt. Immer wieder höre ich Sätze wie: Du musst auch an die Menschen denken. Das kann man so doch nicht machen. Grundrechte. Menschenrechte. Arbeitnehmerschutz. Das sind alles tolle Sätze. Für mich in der Kategorie „Der gegenwärtige König von Frankreich mag Torte.“ Ich bin da eher – teilnahmslos. Aber wenn sich dann die Gelegenheit bietet, bei einem meiner Lieblingsthemen was zu sagen, dann gehe ich auch gern auf Menschen ein. In dem Fall: Macht hat nichts mit der Wertung „böse“ zu tun. Menschen. Menschen sind „böse“ – Macht ist ein Instrument. Das macht nichts böses, ist nicht böse und hat auch seine Ursache nicht im Bösen. 

Ein großes Missverständnis ist schon mal, dass Macht etwas damit zu tun hat, anderen Menschen den eigenen Willen zu oktroyieren – ja, oktroyieren, nicht aufoktroyieren – und damit ihrem eigenen Willen entgegen zu handeln. Das ist keine Macht – das ist Zwang. Das suboptimale am Zwang ist, dass es nur so lange hält, wie man den Zwang ausüben kann. Wenn ich Alter zwinge, für Ego zu arbeiten, dann wird Alter das genau so lange tun, wie Ego in der Lage ist, seinen Willen zu biegen. Macht hingegen – also wirkliche Macht – schafft Umstände für Alter, die seinen Willen in die Bahn von Ego leiten. Er handelt also aus eigenem Antrieb. Das wundervolle daran ist, dass Ego die Macht nur insofern aufrecht erhalten muss, wie es der Rahmenbedingungen bedarf. Macht per se existiert ja nur per agens – Macht kann man nicht auf Halde produzieren und man kann sie auch nicht erhalten, ohne sie auszuüben. Macht ist das Vermögen Umstände so zu gestalten, dass Alter aus eigenem Antrieb so handelt, wie Ego dies möchte. Das ist schwierig, weil Menschen in ihrer eigenen Begrenztheit schon sehr erfinderisch sind, abstruse Lösungen zu finden und das Label „creative thinking“ dran zu pappen. Ego muss also, um ein System der Macht zu erhalten sehr komplexe Systeme generieren, die es erlauben, Alter dahingehend zu lenken, dass nur einfache Lösungsoptionen realisierbar sind. Das ist nicht böse. Das ist nicht einmal gegen den kategorischen Imperativ verstoßen. Sicher ist Alter hier nur Instrument für Ego – aber Alter kann auch Zweck sein, denn wenn Alter nicht ganz auf der Wurstsuppe dahergeschwommen ist, wird er lernen. Sei es durch die Erkenntnis seiner Lage oder sei es, indem er einen von Ego ersonnen Lösungsweg als praktikabel und reproduzierbar annimmt. Sicher kann Ego auch zu seinem Vorteil handeln ohne auf die Bedürfnisse von Alter Rücksicht zu nehmen – ungesunde Beziehungen und sweat shop slavery zeigen davon. Trotzdem ist es nicht per se Zwang, sondern Macht – und die ist nicht per se böse. Der Einsatz von Macht – zum Beispiel von einem Bündnis kollektiver Sicherheit – muss nicht mit der Absicht Böses zu erreichen erfolgen. Genauso kann ich auch Böses erreichen, ohne Macht – zum Beispiel durch Zwang.

Damit komme ich zum zweiten Punkt – für alles Gute reicht Liebe. Dieses Denken hat uns den Genozid in den Nachfolgestaaten von Jugoslawien eingebracht. Die UNO kann auch nicht nur durch eine „Ihr müsst aber lieb spielen.“ Politik gewinnen. Darüber lacht man sich – spätestens nach ein einer Post-Westfälischer-Friedens-Welt und der Aufgabe des Primats der Kriegführung der staatlichen Akteure – als private military contractor, als warlord oder auch als suprastaatliche Organisation mit wirtschaftlichem Charakter tot. Liebe kann die andere Wange hinhalten und Liebe kann moralisch der Sieger bleiben – das ist aber wie beim Vorfahrt erzwingen – „Ich war im Recht.“ kann man sich dann auf den Grabstein schnitzen lassen. Wie Terry Pratchett der Figur des Krieg – als einem der apokalyptischen Reiter – in den Mund legte

„Speaking as war“ said War „I´d hate to tell you what happens to very small armies that have Right on their side.“

In dem Sinne – Liebe ist genau so wenig gut, wie Macht böse ist. Jedes Mittel kann auf seine Weise zweckmäßig sein. 

EDUPNX | Sphärendenken

Die @bildungspunks haben ja nun schon das eine oder andere Mal ein tolles Thema ausgewählt, in das ich mich als nicht-Lehrkraft eingemischt habe und da will ich auch dieses Mal nicht kneifen. Ich bin zwar nicht klassisch Lehrer und wenn ich meine Kinder sehen will, dann veranstalte ich ein Meeting an der Arbeit. Früher hätte ich dafür nur bis zum Morgenappell warten müssen – heute ist das komplexer, aber dafür sind es auch weniger Kinder. Der Vorteil mit weniger Kindern, die noch dazu etwas – nur etwas – homogener sind, ist ja, dass man Sachen ausprobieren kann, die man spannend findet und dass man sich als Pädagoge im wahren Wortsinne betätigen kann. Noch besser ist, dass ich niemanden fragen muss, was ich machen möchte, da … nun, da ich eine ziemlich coole Liberoposition in meinem beruflichen Kontext habe.

Das Thema diesen Monat ist design thinking und ich muss gestehen – es klingt wie arkaner Schabernack. Das Konzept, man müsse nur ein kreatives Umfeld schaffen und die Leute mit einer passenden Kombination an Fähigkeiten zusammenbringen klingt ein wenig nach begging the question – wenn es nicht klappt, dann lag es am Gruppendesign oder am Umfeld. Man könnte auch einen infinite loop basteln denn um ein gutes Umfeld zu designen und die richtigen Leute zu kombinieren braucht man eigentlich auch nur design thinking zu machen. Andersherum ist das Ergebnis dadurch getrieben, wie man das offene und kreative Umfeld gestaltet und die Leute kombiniert – eigentlich ideal, denn damit ist das Ergebnis immer optimal. Das ist quasi der Heilige Gral der politischen Kommissionen. Man kann nichts falsch machen.

Im Kontext des Lernens erschließt sich mir der Sinn von design thinking noch weniger. Ich denke es wäre absurd das gesamte Schulkonzept so aufzubauen, dass es diesem Ansatz – und viel mehr ist es nicht – entspricht. Wie beim Bau eines Hauses benötigt es eine solide Basis – beim Innenausbau und dem Wohnraumdesign ist das sicher möglich. Beim Fundament eher nein. Es erfordert eine gewisse Reife und auch ein Skillset, um in einem offenen und kreativen Umfeld ein Ergebnis zu erzielen. Hinzuzufügen ist, dass es ja weder in der Schule noch in einem beruflichen Kontext um irgendein Ergebnis geht. Es geht eher um ein Ergebnis, dass für den Endkunden einen – nicht unbedingt monetären – Wert hat. Wie im agilen Projektmanagement gibt es ein Backlog, gefüllt mit Userstories, die es zu bearbeiten gilt. Dazu kommt der Lehrer als SCRUM Master und der Lehrplanverantwortliche als Product Owner. Es geht also nicht darum, Leute zu kombinieren und dann mal eine Divergent-Phase zu initiieren, um zu schauen, wo das hingeht und was diese Combo aus der Zeit macht.

Jetzt mal zum Schulkontext: Ich kann im Rahmen einer Schule nicht auswählen, wen ich in das Team einbette. Das Team ist gegeben. Ich kann auch nicht das Ziel wählen, denn wie in einem Stage-Gate-Prozess sind bestimmte Meilensteine zu nehmen und die Zeit ist auch nicht unbegrenzt. Das limitiert die Idee des design thinking doch schon deutlich. Die Komponente „offenes und kreatives Umfeld“ ist aber dann irgendwie das Killerargument. In einem Schulkontext, dass es Lehrern ja schonmal gern verbietet, den Mangel an bereitgestellten Material durch eigene Laptop, Tablets oder PC zu ersetzen, ist das Schaffen von Räumen mit der gewünschten Charakteristik doch nur überschaubar möglich. In einem Konzern wird es da schon eher Möglichkeiten geben. Die Wiener Stadtwerke zum Beispiel haben dafür ihre Denkstüberl im Bildungszentrum. Hier sind die Arbeitsbereiche flexibel – als Landschaft zum flegeln, als Arbeitstische, als Arbeitsgruppen oder als Denkkabinette. Die Wände sind beschreibbar und magnetisch. Es gibt einen interaktiven Monitor … und nicht ganz unwichtig: unendlich Kaffee. Wenn ich hier etwas kreativ erarbeiten will, dann kann ich mir aus 16.000 Leuten die passenden herauspicken, einladen und loslegen. Vorausgesetzt jeder hat Zeit. 

Denkstüberl im Bildunsgzentrum der Wiener Stadtwerke.

Das offene und kreative Umfeld – im Bildungszentrum kombiniert mit Kleingruppenarbeitsräumen – ist wirklich zielführend. Ob es so etwas in Schulen gibt und ob es in ausreichender Anzahl vorhanden ist, um damit in der gesamten Schule einen Mehrwert zu erzielen, sei dahingestellt.

Die Teams, in denen ich das Vergnügen habe keine unmaßgebliche Rolle zu spielen, haben als Kriterium, dass das offene und kreative Umfeld eher im Kopf ist. Wie im SCRUM ist es eher ein Mindset und die Zusammenstellung des Teams eher eine langfristige Prägungsphase. Dabei habe ich gelernt, dass ich insbesondere mich selbst zurücknehmen muss und darauf Acht geben muss, dass ich die Leute nicht zu Kopien von mir ausbilde. In der Regel wähle ich die Menschen danach aus, dass sie etwas können, was ich nicht kann, damit wir im Rahmen des Prozesses voneinander lernen können. Dabei betrachte ich mich eher als Begleiter im Arbeitsprozess – ohne in Anspruch zu nehmen, dass ich alles kann und alles verstehe. Ich verstehe nur das Ergebnis – und darauf hin gestalte ich die Convergent-Phase.

Wie auch in einer Schule denke ich, dass dies in einem Projektkontext wirklich gut funktionieren kann – mit Abstrichen, weil no kid left behind und so. Ich kann ja das hochbegabte Kind von einflussreichen Helikoptereltern nicht für „organisiere das Catering“ abstellen. Da wäre der Schulrat aber schneller da als man „special needs parents“ sagen kann. Für die Linie – im beruflichen als auch im schulischen Kontext – glaube ich eher nicht, dass der Ansatz taugt. In diesem Kontext ist design thinking das, was ein Developer Team im SCRUM macht und von daher auch nur eine Ergänzung zu einem Kontext, der per se schon hohe Anforderungen an alle Handelnden stellt. Gemessen daran, dass die Herausforderungen, die sich in Zukunft stellen – für die heute Lernenden und die Problemlöser von Morgen – komplexer werden, ist es sicher nicht verkehrt einen skeptischen Blick in die Richtung design thinking zu werfen. Viel erwarten sollte man sich aber nicht.

Was hat das jetzt mit Sphären zu tun – design thinking besteht eben nicht nur daraus, dass man verschiedene Kompetenzträger in einem geeigneten Raum vernetzt. Es erfordert Menschen, die integrativ und konvergierend denken, die verschiedene Aspekte sehen und verschiedene Perspektiven einnehmen können. Die in einer Emergenzphase auch erlerntes außer Acht lassen können, um verrückte Ideen zu entwickeln. Kurz, Menschen, die sich in verschiedenen Sphären bewegen können – sine ira et studio. Solche Menschen zu finden, zu empowern und auf die Welt loszulassen ist die Aufgabe von Schule – und Eltern, aber da ist in Acht zu stellen, dass Eltern eher try&error-Prozesse in der Erfüllung ihrer Rolle durchlaufen. Dazu benötigt es eine Basis und dann das Experiment, die Verifizierung und dann das Optimieren. Nicht mit der komplexen Methode oder dem Ansatz beginnen. Design thinking – oder um es beim Namen zu nennen, Agiles Denken – ist nichts für die Grundlagenlehrer – sondern für das Optimieren von Charakter, Geist und Fähigkeit. Sphären zu beherrschen ist die Königsdisziplin – mit dem Quadrat beginnen und dann mehr und mehr Ecken hinzufügen, bis es ein Kreis wird.