Archiv für den Monat: Januar 2019

Denkstube | Being picky

Es gibt ja so Menschen, die haben das Glück, dass ich sie als Gedanken wahrnehme. Das reduziert sie sicher ein wenig, bringt sie aber auch in eine Kategorie, die weit oberhalb dessen steht, was der für mich bedeutendste Philosoph Terry Pratchett einmal so treffend für den Begriff Zivilisten – und das ist ja quasi ein Synonym für Menschen – schrieb:

The guard captain looked the Archchancellor up and down with the expression of one to whom the word “civilian” is pronounced in the same general tones as “cockroach.”

Einer dieser Menschen ist @derlinkshaender und er hat wieder einmal ein wirklich abgefahrenen Zitat geschaffen:

„Choose your fights wisely. For you will choose fight, not defeat or victory.“

Jetzt habe ich ja zuerst daran gedacht, dass es von einem der üblichen Verdächtigen – Sun Zu oder Sherman oder einem der üblichen Verdächtigen im Bereich der Durchsetzung von Grenzveränderungsmaßnahmen – stammt. Weit gefehlt. Es stammt von einem intellektuellen Pazifisten – oder wie er es so schön ausdrückt:


Jetzt ist der Mann ja nicht alt – kann er nicht sein, denn ich bin nicht alt und ich könnte quasi sein Vater sein. Alterstechnisch. Aber weise. So viele kluge Dinge, wie ich bisher schon lesen durfte – ich glaube, er hat schon drei Leben hinter sich und erinnert sich an alle. Was gegenüber unsereins quasi Betrug an der Masse ist. Wir müssen mit dem Leben, was wir in einem Leben lernen. Sei es drum – es sei ihm gegönnt.

Aber das Zitat gefällt mir und mein Gedanke geht dann dahin: Kann ich jeden Kampf wählen und sollten wir jedem aussichtslosen Kampf aus dem Weg gehen?

Kann ich jeden Kampf wählen. Die kurze Antwort: Nein. Die lange Antwort: NNNNNNEEEEEEIIIIIIINNNNNNN! Ich glaube es war Clausewitz, der schrieb, dass den Krieg immer der Verteidiger beginnt – denn dem Angreifer wäre es viel lieber, er würde nicht seine tollen grünen Autos kaputt machen müssen, um an all das grüne Gras auf der anderen Seite des Zauns zu kommen. Da es aber in der Natur – und quasi der Definition von Staat – begründet liegt, dass man sich nur sehr ungern von sich selbst trennt, ist man ja auch irgendwie gezwungen den Kampf aufzunehmen. Kein Staat möchte gern wie die holde Maid leicht ohnmächtig in die Arme des blondgelockten Befreier-Siegfrieds sinken – sondern im Zweifelsfall die Lucretia geben und durch staatliche Selbstentleibung das erduldete Unrecht in einem Fanal für die Nachwelt zementieren. Aber auch das ist ein Kampf, dem man sich nicht entziehen kann. Wenn eine Seite den Kampf will, dann gibt es einen Kampf. Man muss sich nur auf die Form des Kampfes festlegen – ein Beispiel ist hier auch Quintus Fabius Cunctator. Der hat gekämpft, indem er den Kampf vermied. Raum gegen Zeit tauschen nennt man das. Solange er nicht verlor, gewann er – und der Gegner Hannibal Barkas verlor, wenn er nicht gewann. Trotzdem ist es ein Kampf, den er durch Vermeidung geführt hat – und den er nicht gewählt hat.

Was, wenn der Kampf von bereits dem Untergang geweiht ist. Soll man dann auch jeden Fall den Kampf vermeiden, um Ressourcen – inklusive des Humankapitals – zu sparen. Das ist eine Frage der Staatsmoral. Ich bin der Ansicht: Nein. Oder besser: NEIN. Es gibt Kämpfe, die muss man kämpfen – sei es mit den bürgerlichen Waffen im Gerichtssaal oder den archaischen Waffen von Faust und Schwert. Im übertragenen Sinne. Weil ein Schwert ist doch eher selten zur Hand und Faust ist doch ein wenig Schmerzhaft. Kämpfe für Würde, Kämpfe für andere Menschen, Kämpfe für die richtige Sache. Kämpfe für den einen Menschen – und einen meint hier nicht physisch einen, sondern seelenfarben einen. Da geht es um Zeichen und Symbole und da ist es wichtig – sehr wichtig, dass man kämpft. Eventuell erlebt man eine Überraschung und eventuell ist der Erfolg in 1.000 Jahren erst realisierbar auf Wegen, die man heute nicht absehen kann.

Der Satz vom Armin steht aber weiter genau so richtig da: Man muss sich bewusst sein, dass die Entscheidung zum Kampf eben genau das ist: Eine Entscheidung zum Kampf – denn egal, wie gut man plant oder gut Strategie und Taktik aussehen und schon gar nicht ist relevant, wie sehr man im Recht ist: Sieg und Niederlage sind nie gewiss. Insofern kann man picky sein, wenn es darum geht, wie man kämpft und wofür man kämpft – aber nicht immer wann man kämpft und niemals, ob es das wert ist, worum man kämpft.