Archiv für den Monat: Juli 2019

JAM | Posthuman – Leben 2.0

Da fängt man ganz unschuldig an ein Buch zu lesen und steht schon nach den ersten Kapiteln da und hat ungefähr 1.000 Gedanken im Kopf. Neue Gedanken, alte Gedanken im neuen Kontext, alte Gedanken auf dem Komposthaufen, neue Gedanken, die anderen Leuten Angst machen. #mykindoffriend, mein Gänseblümchen, wurde unmittelbar in die Gedanken einbezogen – weil sie eine tolle Gedankenfühlerin ist und weil wir sowas wie eine intellektuelle Affäre haben. Sowas.

Das Buch

Das Buch, um das es geht, ist von Neal Stephenson und heißt Fall; or, Dodge in Hell. Schreibweise differiert. Spielt aber auch eine Rolle. Kommt man dann drauf. Stephenson hat einen opulenten Schreibstil. Einen wirklich sehr opulenten. Wenn man sprachlich auf dem Niveau von Stephen Fry ist, wird man sich amüsieren. Für Leute, denen die Kurzzusammenfassung bei den Spiegelartikeln schon zu mühsam ist – naja, dass sind dann ohnehin er intellektuelle Passagiere auf der Reise in die Zukunft.

Im Buch geht es um den Zerfall staatlicher Strukturen und des gesellschaftlichen Miteinanders im Zuge des Übergangs vom natürlichen zum digitalen Dasein. Das Buch ist wirklich empfehlenswert, hat aber für diesen Artikel nur als Impuls gedient. Der Aspekt aus dem Buch, der meine Gedanken quasi in den Overclocked-Modus versetzt hat, war die Idee, Gehirne zu digitalisieren. Das mag nicht neu sein, wird im Buch aber begleitet von ein paar Rahmenhandlungen, die durchaus Potential haben. Wenn man dann schon in der Früh um 4 Uhr mit einem Gedanken aufwacht, den man dann mal dem #mykindoffriend in einer WhatsApp Nachricht bekannt gibt, dann prallt vor 7 Uhr bereits eine Unstoppable Force auf ein Immovable Object. Man vergebe mir den kleinen Ausflug in meine Droge MMORPG.

Die Sache

Der Ausgangsgedanke war, dass wenn man es schafft, den „Geist aus der Maschine“ zu befreien – also das Gehirn zu digitalisieren, dann wäre es das Ende von implizitem Wissen. Dann wäre alles bewusst, alles verbunden und alles – klar. Nicht nur könnte man dann alles Wissen teilen – es ginge auch kein Wissen verloren. Viel mehr noch – man würde alles wissen. Es gäbe nichts Falsches mehr im Richtigen – weil alles in einem widerspruchsfreien Zusammenhang gebunden wäre. Aus dem Wissen, was war und was ist könnte man – ja, da bin ich Determinist durch und durch – alle künftigen Zustände bestimmen. Die Problemlösekompetenz würde auf 100% wachsen…oder auch nicht. Beim längeren Nachdenken ist das natürlich quatsch, weil das voraussetzen würde, dass man in einem unendlichen Universum alles in diesen digitalen Kontext stellen müsste – das ist vergleichbar mit: Schreiben wir mal alle Nachkommastellen von Pi auf und sehen dann weiter. Also alle künftigen Zustände ableiten zu können wird nicht gelingen. Wobei man die Annahme treffen kann, dass die Entfernung vom Geschehen – quasi am Rand des kohärenten Systems – keine wesentlichen Auswirkungen auf das Zentrum haben. Die Ereigniswelle ebbt ab, bevor sie das Zentrum erreicht. Aber das wäre auch zu einfach – gehen wir davon aus, dass wir nur das menschliche Gehirn digitalisieren. Ich höre aber auch schon die kleine Prinzessin rufen, dass sie das nicht machen wird, wenn nicht Nella – ihre tierische Beschützerin – mitkommen würde. Verschieben wir das Problem der Lebensperipherie mal.

Ein Problem an der Sache ist: Jeder könnte das tun. Die Variable individueller Verstand und seine Vorstellungskraft bleibt aber. Jeder hat ja seinen Startzustand und arbeitet damit – und es geht auch nicht um eine Entgrenzung des Individuums. Wir sind noch kein kollektiver Verstand, sondern vernetzte Datencluster. Der einzelne Datencluster müsste auch jede Elemente mit propositionalen Gehalt eines jeden anderen Menschen kenne, um in der Folge die Zukunft vorherbestimmen zu kennen – und das auch nur mit der oben genannten Einschränkung. Der einzelne Datencluster müsste nämlich Ort und Impuls eines jeden Teilchens im Universum kennen – und da hat der alte Heisenberg ja schon die Show verdorben.

Da war ich dann wieder an der nächsten Gedankengabel: Die Idee Zukunft gibt es dann eigentlich nicht mehr. Die nächste Gedankengabel: Was macht das mit unseren Persönlichkeitsrechten, unsere Individualität und unserer Verantwortlichkeit für unser Handeln.

Ich denke, dass es unbestritten ist, dass wir einen immensen Wissenszuwachs hätten. Die Probleme sind eher sozialer Natur. Wollen wir als Individuen unsere Manko – wie zum Beispiel einen sterblichen Körper und vermeintliche zufällige Entwicklungen – aufgeben, um ein System so hoher Komplexität zu erreichen, dass jeder Herausforderung mehr Zustände als Lösung entgegen stellen kann?

#mykindoffriend führte das dann noch weiter: Wollen wir Schmerz aufgeben und dafür Glück verlieren. Wollen wir „Am Strand sitzen, die Wellen hören, den Wind spüren und denen Kuss erleben“ perpetuieren und damit seiner Bedeutung berauben. Als Mensch mit einem Hang zum Transhumanismus mit der Überzeugung, dass der Mensch etwas ist, was in seiner natürlichen Form überwunden werden muss, um die Herausforderungen höherer Ordnung zu meistern, finde ich: Ja. Müssen wir wollen. Die damit verbundenen Opfer sind auch keine wirklichen Opfer – unser Leben wird sich auf die eine oder andere Weise ohnehin verändern. Sei es durch wirtschaftliche Umbrüche oder natürliche Veränderungen. Wir sind aktuell an unseren kleinen Steinklumpen und an unsere Sterblichkeit gebunden. Wir klammern uns so an tradierte Vorstellungen von Glück und Individualität, dass wir darüber außer Acht lassen, dass wir so als Gesamtheit keine Chance haben uns weiterzuentwickeln.

Der Abzweig

#mykindoffriend brachte ein, dass wir den Schmerz brauchen, um das Glück zu empfinden. Wenn wir in der Lage sind, jede Ebene unseres Seins zu manipulieren – ich präferiere den Begriff konstruieren – dann wird alles bedeutungslos. Ich gebe zu: Im heutigen Lebenskontext erscheint es bedeutungslos. Wir messen Bedeutung an singulären herausgehobenen Punkten – von dort wird es besser oder schlechter. Was wir dann haben ist Gleichförmigkeit. Ruhe. Aber auch das hat keine wirkliche Bedeutung im heutigen Kontext. Weil es für uns in einem posthumanen Stadium diese Kategorie nicht mehr gibt. Bedeutung hat dann das Gesamtkonstrukt nur durch die Hinzunahme neuer Elemente. Wir konstruieren dann Wirklichkeit nicht mehr im Kopf, sondern in unserer Umwelt. Jetzt kann man das sehr negativ sehen – eine Ausprägung davon ist

im Star Trek Kontext das Borgkollektiv. In der Darstellung als Antagonist für die tapfere Föderation malt man Idee sehr dunkel. Am Ende ist ihr Untergang für die Handlungsentwickler nur mit der Schaffung einer Königin zu bewältigen – also quasi ein menschliches Element einführen, um die Borg zu schwächen. Rational betrachtet ist das Kollektiv jeder alternativen Organisationsform – mit Ausnahme deistischer Lösungen – überlegen. Keine Gefühle von Rache, Anmaßung, Selbstüberschätzung und Bedürftigkeit stören den Entscheidungsprozess. Aber auch keine Gefühle wir Liebe, Fürsorge oder Mitgefühl.

#mykindoffriend hat auch anklingen lassen, dass es dann kein Kunstschaffen mehr gibt. Interessanter Aspekt, in einer Welt, in der alle Kunstwerke vorhersehbar sind, wird es schwer etwas zu schaffen, dass den Einzelnen ergreift. Eventuell wird Kunst sich dann anders ausdrücken – neue Möglichkeiten des Ausdrucks finden. Eventuell bringt die neue Maschine für den Geist auch etwas hervor, dass für uns heute noch gar nicht erfassbar ist. Ich denke, den menschlichen Geist zu digitalisieren wird ihm seinen Drang nicht nehmen – es wird ihm vielmehr neue Flügel geben, um seine Gedanken zu beschleunigen.

Der Gedanke

Meine erste Befürchtung war: Wenn Polanyi im Recht ist und implizites Wissen emergente Bestandteile hat – also quasi das Ganze mehr als die Summe der Teile ist – dann müssten wir durch die Digitalisierung weniger Wissen, aber ungleich schneller werden. Da setze ich meine Hoffnung – und mehr ist es wirklich nicht – darauf, dass bei der Digitalisierung des Hirns trotz des explizit Werdens auch die emergenten Elemente wieder entstehen. Selbst wenn nicht, wird durch die Vernetzung und die Geschwindigkeit ein massiver Zugewinne an Zuständen im komplexen System der propositionalen Gehalte entstehen.

Wir verlieren auch nicht Gefühle – wir gewinnen eine Ebene für etwas völlig neues. Im Laufe der Evolution haben wir schon viele Elemente, die wir vorher als unverzichtbar sahen, abgelegt, durch Neues ersetzt und wieder abgelegt. Wir werden uns in einer digitalen Umwelt anders bewegen, anders entwickeln und anders miteinander umgehen. All das ist beängstigend, wen wir das im Licht des Gegenwärtigen betrachten.

Eines ist uns dabei bewusst zu halten: Ein Zurück wird es nicht geben. Weiter muss uns klar sein, dass die Technik ein Fehlschlag ist, wenn der Zugang begrenzt ist – weil dann ist die Singularität eine Flucht der Begüterten und Glücklichen. Die Probleme bestehen weiter – und zu kämpfen haben diejenigen, die sich des Problems nicht entziehen können. Wenn aber alle sich der alten Lebensweise entziehen, dann besteht die Ursache der Probleme – Verteilungsgerechtigkeit, Anfälligkeit des menschlichen Körpers, Krieg, Krankheit – nicht mehr. Dann braucht es keine Lösung, weil es kein Problem gibt.

Die Frage ist: Wollen wir den Schritt wagen oder wollen wir fühlenden Körpers Passagiere in der weiteren Geschichte sein? Das hier aufgezeigte ist eine harte Form der Singularität – eventuell erleben wir auch eine Welt mit Gefühlen und Individualität, die einem festen Konstruktionsrahmen unterliegt. Vertrauen würde ich darauf nicht und um ehrlich zu sein: Ich hoffe eher auf die Erkenntnis: Resistance is futile.

EDUPNX | Wir sind leider nicht mehr in Preussen…

Wenn der Begriff „Preussen“ ins Spiel kommt, kann man sich beinahe sicher sein, dass es in einem Kontext ist, der mich reflexartig an den Paragraphen 111 StGB denken lässt:

„Wer einen anderen in einer für einen Dritten wahrnehmbaren Weise einer verächtlichen Eigenschaft oder Gesinnung zeiht oder eines unehrenhaften Verhaltens oder eines gegen die guten Sitten verstoßenden Verhaltens beschuldigt, das geeignet ist, ihn in der öffentlichen Meinung verächtlich zu machen oder herabzusetzen…“

Jetzt im Ernst – Kadavergehorsam, Beamtenmuff, Soldatengesellschaft, Absolutismus. Alles Dinge, die wir heute gern mit Preussen assoziieren. Schön aus dem Kontext herausgerissen und in unserem hochwohlgeborenen modernen, vermeintlich liberalen Denken. Preussen war aber in seiner Zeit hochprogressiv, freigeistig und in der Folge Grundstein für die weiteren gesellschaftlichen und technologischen Sprünge auf dem Kontinent.

Einer dieser Sprünge war die Erkenntnis, dass das Schulsystem der alten Zeit nicht mehr die notwendigen Outputs produzierte, den eine industrialisierte Gesellschaft benötigt. Hatte man bis dahin Bildung als ein Privileg höherer Schichten angesehen oder im Rahmen der Reproduktion des klerikalen Standes verwirklicht, wurden in Preussen Elementarschulen eingeführt. Wir sprechen hier sicher nicht von einem modernen Bildungssystem mit gut ausgebildetem Lehrkörper, Curriculum und „eingehen auf individuelle Bedürfnisse“ – da gab es noch nicht den Blick und das Bedürfnis. Hinzu kam ein Schulgeld, dass nicht jeder aufbringen konnte und die Unmöglichkeit genügend Personal aus dem Stand heraus generieren zu können.

Wie so oft war es aber eine Krise und der damit verbundene Neuanfang, der Preussen dazu veranlasste, per königlicher Order „durch geistige Kräfte [zu] ersetzen, was er an physischen verloren“ hat. Passenden zu den sozialen Lockerungen – Gewerbefreiheit, freie Berufswahl, Wegfall der Leibeigenschaft – kam es zur Hinwendung zu einer Meritokratie. Nicht mehr die Geburtslotterie, sondern Fähigkeiten, Talente und Engagement sollten die Zukunft des Individuums bestimmen. Mit der Humboldtsche Bildungsreform wandte sich das Bildungssystem hin zu einer einheitlichen Nationalschule, um eine flächendeckende Bildung des Nachwuchs in Verbindung mit dem leistungsorientierten Zugang zu höheren Schulen zu erreichen – dies trug dem gewachsenen Bedarf an fähigen Bürgern Rechnung. Den mündigen Bürger im Sinne der Aufklärung heranzubilden war das Ziel. Ihn zu befähigen, sich sowohl als Individuum als auch in seiner Rolle als Staatsbürger, zum Nutzen des Staates beizutragen, war ein Anliegen des preussischen Staates.

“ Die öffentlichen allgemeinen Schulen sollen mit dem Staate und seinem Endzwecke in dem Verhältnis stehen, dass sie als Stamm und Mittelpunkt für die Erziehung des Volks die Grundlage der gesamten Nationalerziehung bilden. Die Erziehung der Jugend für ihre bürgerliche Bestimmung auf ihre möglichst allgemein menschliche Ausbildung zu gründen, sie dadurch zum Eintritt in die Staatsgemeinschaft zweckmäßig vorzubereiten und ihr treue Liebe für König und Staat einzuflößen, muss ihr durchgängiges, eifriges Bestreben sein.“

Sicher, der Staatsbürger sollte sich als treuer Gefolgsmann des bestehenden Staates reproduzieren. Das darf man aber nicht im Lichte des heutigen Kontext sehen – sondern im damaligen: Man wollte einen starken Nationalstaat, der damals als ideale Staatsform gesehen wurde. Damals wurde das Ziel einer „einheitlichen Menschenbildung“ nicht von jedem geteilt – die Ungleichheit von Menschen war so tief in der Gesellschaft zementiert, dass die Idee, dass allen Menschen eine gleiche Chance gewährleistet werden sollte, war für das Ancient Regime nicht einsichtig – es wurde sogar als Staatsbedrohung gesehen. Mit der Überwindung der Staatskrise nach der Niederlage Napoleons wurde auch die Notwendigkeit von Reformen in Frage gestellt – no change without crisis. Zwar ging der Ausbau des Schulsystems weiter, aber die Bahnen der Bildung richteten sich weiter nach dem Stand. Erste die wirtschaftliche Notwendigkeit änderte den Bedarf an Ausbildung für die breite Masse, um die komplexer werdenden Produktionsvorgänge umsetzen zu können. Speziell technisch-wissenschaftliche Schwerpunktbildung im Gegensatz zur alten latein-griechischen Ausbildung – Realanstalten im Vergleich zu humanistischen Anstalten – gewannen an Bedeutung.

Fast Forward – wo stehen wir heute? Wir haben heute eine politische Krise und eine wirtschaftliche Krise. Die politische Krise, die liberale und demokratische Errungenschaften und Prinzipien in Frage stellt erfordert eine breite Aufklärung von Bevölkerungsschichten, die mehr und mehr den Glauben an sie und sich verliert. Wir sind politisch heute nicht mehr auf den Nationalstaat fixiert – zumindest bei denen, die es schaffen das komplexe Gesamtbild der politischen Entwicklungen und Interdependenzen zu erkennen. Heute sind wir bestrebt über das Bildungssystem einen mündigen europäischen – eventuell sogar einen post-staatlichen Bürger heranzubilden. Dabei ist es uns nicht gelungen die breite Masse zu gewinnen – wir haben keine breite Mittelschicht mehr, sondern eine breite Unterschicht, die abgekoppelt vom Erfolg des europäischen Wirtschaftsraums und der damit verbundenen liberalen Werte ihr Heil in einer glorifizierten Vergangenheit, die es so, wie sie konstruiert wird, nie gab. Es gelingt nicht, die Masse erkennen zu lassen, dass heutige komplexe Probleme nicht mit den einfachen Antworten der Demagogen zu beantworten sind…zumindest nicht, ohne massiv die Mehrwerte des Systems zu zerstören. Wir sind also mehrheitlich in einer inneren Krise – aber die Bedrohung der globalisierten Gesellschaft durch nationalistische Regierungen ist auch eine externe Krise. Eine Reform des Bildungssystems – ein wirklich disruptiver Wandel auf Basis der aktuellen Probleme – wäre der Wandel, den es braucht, um in der breiten Masse nicht nur Verständnis für die Probleme zu verankern, sondern auch um einen mündigen Bürger für die moderne Gesellschaft heranzubilden.

Die wirtschaftliche Krise ist auch offensichtlich – nicht die Instabilität von Banken bedroht uns, sondern die Ausbildung von Linienarbeitern für eine Wissensgesellschaft. Wir haben heute nicht genug Lehrer für notwendige Schulsysteme, wir benötigen eine Hinwendung zu MINT-Fächern, wir benötigen eine soziale und technische Ausbildung mit der Vermittlung von Wissenstechniken und nicht von doxographischem Wissen, dass den Anforderungen der Zukunft nicht mehr gewachsen ist. Das alles unter dem konstanten Ansturm von retardierenden Bestrebungen – sexuelle Aufklärung, wissenschaftliche Grundlagen und Methoden, soziale Zusammenhänge, politische Normen – die dazu dienen, die Augen vor Komplexität zu verschließen, weil die Antworten darauf unbequem sind. Bei manchen Gauländern, Farragierern und Strachisten ist es sicher auch Agenda: Einfache Antworten sichern die Zustimmung der Massen und damit die Absicherung der eigenen Machtposition – und Denken tut nunmal weh wie uns schon Plato der alte Höhlenmolch erklären konnte.

Mein Punkt also zum Thema: Preussen stand per se vor der gleichen Herausforderung wie wir heute – und hatte ähnliche Antworten bei den Reformen sowie ähnliche Reaktionen bei den Gegnern. Langfristig musste sich das Lernen wandeln, um Schritt zu halten – die Alternative wäre die Abkopplung vom Wettlauf der Staaten gewesen. Preussen hat sich der Herausforderung gestellt. Lernen in ist ständig in Bewegung – sei es, weil sich die Methoden wandeln, sei es weil Lehrende und Lernende sich wandeln, weil sich Wissen weiterentwickelt oder weil die Anforderungen sich ändern. „Wir sind nicht mehr in Preussen“ stimmt, denn wir haben nicht mehr das 19. Jahrhundert Zeit, um uns am Wandel zu versuchen. Wir sind einem Preussen auf Speed – wir müssen uns viel schneller wandeln und wir müssen uns radikaler wandeln. Preussen kann uns viel lehren – was gut und was schlecht lief. Preussen als starren Pluderhosenstaat zu verteufeln hilft dabei nicht. Deutschland wäre nicht zu einem führenden Industriestaat geworden, ohne die Bildungsreform. Preussen wäre nicht die Keimzelle eines stabilen Deutschland geworden, ohne die Beamtenkultur. Deutschland wäre auch nicht zum großen Zerstörer Europas im 20. Jahrhundert geworden ohne die Effektivität und Effizienz der preussischen Staatskultur. Der Tod ist ein Meister aus Deutschland.

Lernen ist die einzige Kunst, die wir nie aufgegeben haben. Die Frage ist, was wird gelernt. Wie Victor Frankl mal sagte: „Wer ein Warum zum leben hat, erträgt was jedes Wie.“. Wer ein Warum zum lernen hat – der erträgt fast jedes wie [gelehrt wird]. Die Warum-Frage wird zum klären sein – warum sollen Menschen lernen, wenn sie von den Früchten nicht angemessen partizipieren. Warum sollen Menschen lernen, wenn sie am politischen Prozess nicht entsprechend teilnehmen oder sich repräsentiert fühlen. Warum sollen Menschen lernen, wenn ihr Leben fremdbestimmt scheint – sie sich als „nur Passagier“ fühlen. Die Klärung der Sinnfrage ist Kern der neuen Herausforderung des Lernens. Wenn das geklärt ist, folgt das was von selbst und das wie des Lernens ist nur noch ein Begleitaspekt. Auch hier lohnt ein Blick nach Preussen: Wir müssen produzierende Kraft der Industrie 3.0 in eine schöpferische Kraft der Industrie 4.0 wandeln – und dies beginnt in der Schule.