Archiv für den Monat: November 2019

JAM | kickstarter@learning.org

Der Herr Netzlehrer veranstaltet eine Blogparade und da ich ja ab und an gern bei einer Demo mitlaufe und schon gespannt bin, wie es so ist, in einem Kompendium zu enden nehme ich mal teil. Ok, das Thema ist für mich auch nicht ganz unwesentlich. Aber primär mache ich das für fame und money.

Ich diskutiere nicht, ich erkläre, warum du irrst.

Das Thema der Blogparade ist „Zeitgemäßes Lernen“ und den Ursprung finde man >>hier Blog<< oder auch >>hier Twitter<<.

Die Quintessenz, die ich aus dem Blogpost mitnehme ist, dass zeitgemäßes Lernen nichts mit den Medien zu tun hat und nichts mit Methoden und schon gar nichts durch „Digitalisierung“ erklärt wird. Vielmehr ist zeitgemäßes Lernen ein nicht linearer sondern zirkulärer Prozess, der nicht dadurch definiert wird, was oder womit gelernt wird, sondern welche Wirkung Lernen entfalten kann, wenn man sie nicht in verschiedene SIPOC-Abschnitte gliedert, sondern als Gesamtkunstwerk der Autopoiese sieht.

Soweit was ich mitgenommen habt – auch ein interessanter Aspekt, dass eigentlich weniger wesentlich im Lernen ist, was der Sender intendiert, sondern was der Rezipient absorbiert. Das bringt mich dann auch gleich zum Punkt: Aus meiner Sicht ist das Attribut „zeitgemäß“ ein Pleonasmus, denn Lernen ist einerseits immer in seiner Zeit verhaftet und andererseits immer gleich. Lernen ist der Arbeitsaufwand, um sich Informationen anzueignen. Ob ich das per sprachlicher Tradierung oder per Sozialisation mache spiegelt sich nur im Arbeitsaufwand pro angeeigneter Information wieder. Was sich im Wandel der Zeit drastisch geändert hat und mit hoher Wahrscheinlichkeit auch weiterhin mit wachsender Geschwindigkeit ändert ist zeitgemäße Bildung. Damit ändern sich Mengen von angeeigneten Informationen aber auch der Bedarf zu verlernen und umzulernen. Damit ist Lernen in seiner Zeit verhaftet – bleibt aber auch immer Lernen. „Zeitgemäß“ ist quasi inhärent im Begriff Lernen und für diesen konstituierend.

Zeitgemäße Bildung ist im Gegensatz dazu wirklich semantisch – nicht aber teleologisch – abhängig vom zeitlichen Kontext. Wenn ein Mitmensch heute ein perfektes Latein spricht, dann wird man ihm per se nicht unterstellen hochgebildet zu sein. Im Mittelalter war das wohl eher conditio sine qua non, um überhaupt den Stempel zum Eintritt in den en-vogue-Club zu bekommen. Ende der 90er war es ja mal hip Bildungskataloge zu schreiben – alles, was man wissen muss, um gebildet zu sein. In der Regel ein sinnloses Unterfangen, denn der Kanon war obsolet, als die Drucklegung begann. Heute könnte man es einfach ins Internet pinseln und würde den Erstellungsvorlauf verkürzen – aber heute stellt sich ein viel bedeutenderes Problem: Bildung – auch und vor allem zeitgemäße Bildung – ist nicht nur von einer rapiden Halbwertzeit betroffen, zeitgemäße Bildung ist kontextabhängig. Sozial, lokal und temporal. Ein gutes Sprichwort ist „Wenn du der Klügste im Raum bist, dann bist du im falschen Raum.“ Ich denke, dass die Zeit eines Polymath vorbei ist – kaum jemand wird heute noch eine Rolle als Universalgelehrter ausfüllen können. Dabei darf man auch nicht in die Irrung verfallen, Form, Stil und Charakter seien mit Bildung gleichzusetzen, nur weil Menschen mit einem hohen Ausbildungsgrad oft mit Nichtwissen in fremden Disziplinen besser umgehen als Atze L. aus Marzahn im Kreis von Ökonomieprofessoren. Zeitgemäße Bildung ist aus ein gutes Nicht-wissen-Management. Das Handhaben von T-Shaped-Skills – wo bin ich Experte in der Tiefe und wo vernetze ich mich oberflächlich, um ein ganzheitliches Bild zu bekommen.

Als Philosoph kann ich in vielen Bereichen dilettieren. Ich kann ganz gut beim Empfang mitreden, würde mich aber nie anmaßen eine Fachexpertenmeinung zu posaunen. Meine Stärke liegt eher im T-Bereich der T-Shaped Skills. Meine zeitgemäße Bildung liegt darin, passende Worte zu finden. Das wird von meiner Bubble honoriert – und gewürdigt. Zeitgemäße Bildung für einen Elektrotechniker liegt ganz woanders. Bildung ist ein soziales Konstrukt, dass seinen Gütegrad aus der teleologischen Wirkung erfährt – die wiederum auf Basis des Feedbacks der peer group bewertet wird.

In diesem Sinne sagt zeitgemäßes Lernen nicht mehr aus als Lernen allein. Zeitgemäße Bildung steht unter der Erkenntnis, dass es keinen – konstanten oder variablen – Kanon gibt, sondern Bildung sich in seiner Wertigkeit aus dem Kontext ergibt. Zeitgemäß erscheint mir auch hier eine unsinnige Bestimmung. Vielmehr müsste es „Lernen“ und „kontextgemäße Bildung“ sein.

Dass dieser Blogbeitrag nicht aus dem Lehrendenumfeld kommt und wenig Praxisbezug hat, ist mir durchaus bewusst. In meinem praktischen berufsbezogenen Umfeld bin ich oft genug in der Situation, dass ich Brücken bauen muss zwischen den „Bildungen“ – mittels der Sprache des Managements, der Sprache der operativen Mitarbeiter und der Sprache der Kunden. Auch ich musste lernen, dass man nicht gebildet oder ungebildet ist, sondern in seinem spezifischen Kontext eine angemessene oder eventuell auch überdurchschnittliche Bildung hat. Lernen ist dabei jedoch immer gleich – es ist nur der Aufwand, der zum Lernen gehört unterschiedlich. Das muss ich bei der Personalentwicklung, bei der Organisationsentwicklung, beim Change Management oder auch bei der Strategieentwicklung bedenken – nicht „das bekommt man eh nie in deren Köpfe“ sondern „was muss ich tun, damit es mit so wenig Aufwand in die Köpfe kommt“. Dazu kann ich diaphasische und diastratische Varietäten der Sprache einsetzen – das vulgäre „Hearst, Oida…“ kommt eben in einem Kontext als passend und in einem anderen als ungebildet an. Lernen braucht einen Kickstart und einen sozialen – organisationalen – Rahmen. Das schließt den Kreis zur Headline.

Dieser Bezug auf den Kontext, der mich aktuell in vielen Bereich von der philosophischen Betrachtung von Humor bis zum #masterdesaster im Hinblick auf Wissen begleitet, war mir ein Anliegen. Dixi.