Amtsblatt | Namecalling

Man kann ja über Namen denken was man will, aber sie haben Wirkung. Nicht nur, dass der kleine Kevin in der Schulung von Seiten seiner Hans-Georg- und Heinrich-Timothy-Peers kräftig in seiner Persönlichkeitsbildung gefördert wird, können auch seine Pädagogen sich einer Schubladisierung nur schwer entgegen stellen. Wer einem Subjekt oder auch einem Objekt einen Namen zu geben vermag, der beherrscht es auch in gewisser Weise. Wer erinnert sich nicht daran, dass die brave Müllerstochter die Oberhand gewann, als sie das Rumpelstilzchen beim Namen packte. Wer hat nicht im Rahmen der Klempererschen Lingua Tertii Imperii Angst und Bange bekommen, was man mit Sprache anstellen kann. Gerade der Wandel von „fremd“ auf „feindlich“ ist heute wieder präsent, wenn es von „Freiheitskämpfer“ auf „Terrorist“ oder von „Pausenclown“ auf „Mister President“ gewandelt wird. Das verbale Framing ändert die Wahrnehmung deutlich.

In einem kleinen Twittergespräch wurde mir bewusst, dass auch HR – also Human Resources – so ein Begriff ist. Die Nähe zu Humankapital und damit die Gleichsetzung von Subjekt und Objekt – oder vielmehr die Umdotierung von Subjekt zum Objekt – ist deutlich. Spätestens im Rahmen der Wirtschaftsplanung wird es dann abstrus, wenn man von Full Time Equivalent spricht und Leiharbeiter eine Position im Materialaufwand werden. Wegen der Darstellung wäre es … aber das Denken ist klar. Es ist eine Ressource wie Schmiermittel und Pumpen. Selbst Mr. Pump in Terry Pratchetts wundervollen Buch „Going Postal“ hatte mehr Menschlichkeit. Die Distanzierung vom Subjekt im Interesse einer objektiven Planung kenne ich auch aus dem militärischen Kontext. Wenn man dort ab einer bestimmten Ebene plant, dann spricht man nur noch über Fähigkeiten und nicht mehr über Menschen. Keiner auf der Ebene Division denkt noch über die Briefe, die der „Ausfall einer Fähigkeit“ nach sich ziehen, und die durch den Kompaniechefs und Zugführer verfasst werden müssen. Sicher macht es das Planen einfacher, wenn man nur in abstrakten Dimensionen denken muss. Kein Mensch plant gern 100 Mann und Frau Verlust ein. Aber den Ausfall von Umschlagskapazität in einem Hafen kann ich bewerten. Auch wenn es am Ende einfach die Inkaufnahme des Falls einer Hafenumschlagkompanie im Sinne der Gesamtmission ist.

Im Hinblick auf die demographische Entwicklung werden sich die Spezialisten des Bereichs Personal etwas überlegen müssen. Wollen sie weiter im Industrie 3.0 Verfahren Drohnen in Prozessen haben, die nach Arbeitsleistung bemessen werden oder wollen sie sich wieder Menschen und ihren Potentialen und Fähigkeiten widmen. Dann wird es Zeit für ein Reframing ihres Berufsstandes und damit auch ihrer Denkweisen über das, was sie tun. Wer hat die Macht zum Reframing – das sind die Unternehmenslenker. Keine tolle Kampagne und kein noch so gut promotetes Bild in der Öffentlichkeit wird Wirkung zeigen, wenn ein potentieller Mitarbeiter spürt, dass hier eine Stelle gefüllt werden soll uns nicht eine Fähigkeit, ein Individuum und im weitesten Sinne die Zukunft des Unternehmens gewonnen werden soll. Gewinnen ist so ein Wort – eine Personalabteilung muss Mitarbeiter gewinnen. Nicht akquirieren. Auch da setzt das Mindsetting an. Die nachhaltigsten Entscheidung sind immer Personalentscheidungen – es sollte also auch eine Personalabteilung bewusst sein, dass sie ein entscheidender Träger des Gesamtbildes sind. Ein guter Schritt wäre das Umbenennen: Zukunftsgestalter wäre ein passender Begriff aus meiner Sicht.

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