Amtsblatt | Warum Zwangsbeschulung?

Durch meinen neuen Kommunikationskreis auf Twitter darf ich ja ab und an – ok, eigentlich dauernd – neue Perspektiven auf Dinge erfahren, die mir ohne diese tollen Menschen nicht so präsent wären.

Der Blog Bildungsdesign hat in einem Post die Rede eines Schulleiters aus Anlass der Verleihung der Hochschulreife wiedergegeben und das hat mich – nicht zuletzt, weil ich mich ja gerade intensiv mit Wissen beschäftigen darf – zum Nachdenken über „Zwangsbeschulung“ gebracht.

In der Rede gibt es einen Punkt, der mich in der Tat angestachelt hat:

„Es gibt in unserer Gesellschaft drei Gebäudetypen, die sich erschreckend ähnlich sehen: Schulen, Kasernen und Gefängnisse. Alle drei Gebäudetypen stammen aus der Neuzeit und dienen demselben Zweck: Menschen tauglich zu machen für eine Gesellschaft, die sich immer mehr ökonomischen Zwängen unterwirft.“

Vorab: In Deutschland gibt es keine Wehrpflicht, aber eine Schulpflicht. In Deutschland gibt es eine sehr liberale Strafjustiz – bei der Schulpflicht gibt es da eher weniger Spielraum. Aber zum Kern der Sache – es gibt nur in einer Hinsicht einen Zwang und dieser hat genau den gleichen Grund, wie die Straffreiheit für Körperverletzung, wenn sie durch einen Chirurgen im Rahmen einer Notoperation vorgenommen wird: Man will das Beste für jemanden, der aktuell darüber nur bedingt entscheiden kann.

Wenn wir davon ausgehen, dass Kindern gern lernen – und lernen wollen – dann erübrigt sich auch schon das Wort Zwang. Es handelt sich dabei eher um einen Schutzschirm. Wer hier gezwungen wird, sind nicht die Lernenden, sondern die Eltern. Die Schulpflicht gründet sich darauf, dass es ein übergeordnetes Interesse gibt, Kindern einen Start zu ermöglichen, den Eltern unter Umständen nicht sehen. Hier schützt der Staat die Option ein mündiger Staatsbürger zu werden gegenüber den Partikularinteressen „Alles, was mein Kind braucht, lernt es auf der Baustelle.“ Das ist kein Zwang – das ist Fürsorge. Dass unser Schulsystem nicht perfekt ist, dass es nur bedingt für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts geeignet ist und dass man immer mehr machen könnte – ja, das sei zugestanden. Aber mir ist die Schulpflicht lieber, als dass Chantal und Kevin aus Marzahn ihre Kindheit in „Freiheit“ verbringen und dann das Werkzeug, ihr Leben selbst zu entwickeln, fehlt.

Zurück zur Kasernenanalogie: Wer heute militärische Ausbildung sieht, der wird sich von einem Kasernenhofdrill weit entfernt finden. Ja, es gibt eine Grundausbildung – stehen, rennen, grüßen, melden. Alles formal. Das ist, als würde man das Alphabet lernen – da gibt es kein Projektlernen. Da gibt es bessere und schlechtere Ausbilder. Da gibt es Sinnvermittler und es gibt Frontalunterrichter. Aber weiterführende Ausbildungen – da kann man sich gar nicht leisten, auf Zwang zu setzen, denn das Wissen, was heute notwendig ist, um eine komplexe Materie zu verstehen, vermittelt man nicht über Zwang – sondern über Verständnis der Absicht. Zum Gefängnisgleichnis kann ich nur sagen: Grenzen ziehen beide – bei einem möchte man nur die Gesellschaft vor den Bewohnern schützen und bei dem anderen den Bewohnern ein wenig einen geschützten Raum bieten – zum lernen, leben, lachen und wachsen.

Insofern stimme ich nicht damit überein, dass wir uns von der „Zwangsbeschulung“ lösen sollten. Wir sollten sie nur so gestalten, dass nach den Grundlagen das Lernen im Vordergrund steht und nicht das erreichen imaginärer Werte.

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