Aus dem Studium: Schreiben II

Nachdem meine Frau ihre kreative Phase bis zur Erschöpfung ausufern hat lassen, fühle ich mich bemüssigt, gleich den zweiten Teil zu verfassen.

Kreativität geht in der Regel – wie Frau Jottpunkt schon bemerkte – nicht auf Knopfdruck. Es geht aber auch nicht, indem man sich einfach aufs Klo stellt – wobei Dusche ganz gut geht, aber man hat selten was zu schreiben dabei und so verpuffen die Ideen wie die Entwicklungshilfe in Dritteweltdiktaturen.

Nachdem wir uns aber schon mit den grundsätzlichen Quellen für kreatives Schreiben beschäftigt haben, geht es nun um die Umsetzung. Dazu ist es erstmal wichtig, die Inspiration zu ordnen. Da einen so ein Impuls schonmal an den ungewöhnlichsten Orten übermannenmenschen kann, sollte man sich überlegen, wie man sowas notiert, organisiert und abrufbar macht. Ich für mein Teil merke mir das – wenn man das etwas Old-School machen will, nimmt man ein Notizbuch. Ist man Frau Jottpunkt, dann hat man OneNote auf jedem erdenklichen Gerät. Aus solchen Ideen spinne ich dann im Kopf schonmal ein Grundgerüst. Steht das Konzept im Kopf soweit, kann man anfangen zu tippen. Früher – also in den 90ern – hat man dafür bei der Truppe den Spruch „Denken – Drücken – Sprechen“ gehabt. Das bezog sich auf Funken und hatte den wesentlichen Inhalt „Erstmal nachdenken, was man sagen will, dann kurz fassen, dann Sprechfunktaste drücken – dann reden“. Da hat sich nix geändert. Ausser, dass man anstatt der Sprechfunktaste eben die Computertasten drückt und statt reden schreiben passieren sollte.

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Quelle: http://pbs.twimg.com/media/BYc4B2xIMAA-OOa.png:large

Der Leser hat ja nun auch nicht alle Zeit der Welt und will gern gefesselt werden. Der Kunde ist quasi König und daher will gelernt sein, wie man ihn so erzieht, dass er dran bleibt. Das gelingt eher nicht mit „Hör ma…“ sondern eher mit einem guten Einstiegssatz. Was einen guten Einstiegssatz ausmacht, hängt nun wieder davon ab, wen man eigentlich als Leserschaft gewinnen will. Der Oberstudienrat im 54. Lebensjahr mit einer Affinität für Thomas Mann, Franz Schubert und BDSM wird kaum auf einen hippen Text ansprechen. Probieren wir mal den Einstiegssatz für ihn:

„Zu den sanften Klängen von Schuberts Forelle betrat der Zögling das Zimmer des Rektors.“

Damit könnte man ihn fesseln. Ob man sich auf dieses Niveau begeben mag, um einen Oberstudienrat in den illustren Kreis der eigenen Leserschaft zu locken bleibt jedem selbst überlassen. Will man jedoch den 23jährigen BWL-Studenten mit Hang zum Veganismus und der Freude an auflockernden Substanzen gewinnen, dann wäre folgender Satz eventuell besser geeignet:

„Während aus Bens Zimmer noch der derbe Bass hämmerte, prüfte Mia den Stand des Dax. Fuck. Weed and Greed don´t mix.“

Hippe englische Vokabeln. Ein für BWL-Verhälntnisse schlaues Mädchen – warum würde sie sonst den Dax checken. Jeder weiß, dass nichts den Markt schlägt. Dazu etwas Mucke im Hintergrund. So klappt das mit dem Nachbarn. Als dritte Gruppe wäre zu überlegen, wie man einen durchschnittlichen Mitarbeiter im Bereich Hochbau erreichen könnte:

„OPFER DES SEXTERRORS! Wir waren Freiwild. Waren die Migranten schuld?“(frei nach http://www.krone.at vom 05.01.2015)

Das ist mal ein anderes Kaliber. Aber alles im Sinne des Konsumenten. Immerhin hat er da alles, was man so braucht, um das harte Tagewerk zu vergessen. Latenter Voyeurismus, etwas Sex, etwas Gewalt und am Ende hat man es ja ohnehin immer gewusst, dass sowas immer von Migranten kommt. Einen Einstiegssatz haben wir noch:

„When Mr. Bilbo Baggins of Bag End announced that he would shortly be celebrating his eleventy-first birthday with a party of special magnificence, there was much talk and excitement in Hobbiton.“

Damit bekommt man mich. Solche Sätze, gern auch Bronzesätze, denn sie sind wert, dass man sie in Bronze gießt, vergisst man so schnell nicht.

Wir können also sehen, dass Einstiegssätze wichtig sind – aber auch davon abhängen, wen man haben will auf seiner Seite. Das nächste Mal geht es dann um mehr Sätze. Ganze Ab-Sätze quasi. Wie sie sehen – I prefer my puns intended.

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