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JAM | Parallelität nicht Doppelhelix

Eines muss mal gesagt werden: Dies ist keine Challenge. Es ist ein DOOC – ein Double Open Online Course. Wenn Sie wissen wollen, wer hier der Lehrer und wer der ungezogene Zögling ist – die Frau Pinkshot69 hat angefangen. Weil ich sie aber mag, werde ich mal im Sinne eines interaktiven Lernens darauf eingehen. Ja, man kennt mich als wirklich großmütigen Menschen. Also meine Mutter zumindest. Ich weiß nicht, ob die Erwähnung meiner Mutter Freud einen feuchten Traum bescheren würde im Kontext dieses Textes, aber … weiter im Text.

Vorab mal: Polyamorie. Das ist aus meiner Sicht absolut falsch. Das geht gar nicht. Es ist Multiamorie oder Polyphilia. Der Plebs kann ja machen, was er mag, aber das hier ist ein parlieren zwischen Magistern…Magistraern…naja, pfeifen wir mal auf das Gendern.

Wie Frau Pinkshot69 so schön beginnt – es geht nicht um Moral. Moral ist immer eine Frage des Kulturkreises und der Zeit. O tempora, o mores, wie ein alter Freund der gepflegten Knabenlieben so gern rief. Nein, hier ist nicht der von mir überaus geschätzte Gregor H. Toerlesz gemeint. Hier ist es Cicero der alte Schwerenöter. Aber lesen mag ich beide gern.

So. Weiter im Text – will ja keiner ewig hier lesen. Haben ja alles was anderes zu tun. Lieben zum Beispiel. Da wären wir schon bei einem wirklich sehr wichtigen Punkt, der FrauPinkshot und mich unterscheidet. Frau Pinkshot hat die Idee, dass man Leben dupliziert. Sie hat ein wundervolles Bild von drei Häusern – eine getrennte Fassade – die durch einen Garten, unsichtbar für alle, verbunden sind. Drei mal das gleiche Leben. Ein Mann für drei Familien. Das ist quasi Zellteilung. Aus so einer Situation ist nachvollziehbar, dass auch Fragen auftauchen: Was, wenn jemand anders besser kann, was ich mit ihm habe. Was wenn der andere Mensch besser Kaffee kocht, sinnvoller küsst oder einfach Cumshots mag, auf die meine Gesichtshaut allergisch reagiert. Das – so sehe ich das mal – ist der Anfang vom Ende einer offenen Beziehung. Das wäre ein falsches Leben im Richtigen. Liebe ist aber kein sui generis Begriff. Liebe hat Facetten … und wenn ich etwas gelernt habe, dann das niemand, kein Mensch, kein Lebewesen und kein Ding alle Facetten bedienen kann.

Dazu muss man wissen, dass ich Liebe viel weniger romantisch sehe, als das gemeinhin scheinen mag. Liebe ist ein Prozess, der zum Leben gehört. Ohne Liebe wird es kaum ein gelungenes Leben geben. Liebe ist aber viel weniger Blümchen und Schmetterlinge. Es ist eine Form der Ruhe, der Ausgeglichenheit, des Vertrauens und des Gemeinsamen. Es ist viel mehr Rationalität als man denken mag. Es ist, wie schon gesagt, eine Verbindung von Gedanken, Seelen und Körpern. Wenn ich mit jemanden zusammen bin, dem ich eine Facette – oder mehrere – von Liebe gegenüber empfinde, dann ist das wie ein Zen Moment. Das kann auch Sex sein – muss es aber nicht. Das kann auch einfach nur sein beim Kaffee zu sitzen und zu plaudern ohne sich konzentrieren zu müssen. Ok, Sex ist toll, aber habt ihr schonmal geschafft, den Kopf auszuschalten. Nur durch die Ruhe, die ein anderer Mensch einem gewährt. Ok, der gemeine Sauerstoffverbraucher schaltet den Kopf in der Regel nicht an – bei mir ist das eher so „Augen auf – Denken an.“ Das geht so bis „Augen zu – Denken aus.“ Dabei brenne ich in der Regel auf 120 Prozent – diese Momente, in denen ich einfach abschalten kann, die sind selten und sie sind wichtig. Für diese Momente liebe ich meine Facettenbesitzer. Mein Eingeständnis: Das Gefühl hatte ich auch bei meinem #kokain. Das fehlt mir sehr, denn diese Facette zu besetzen wird aus meiner Sicht ein Ding der Unmöglichkeit. Wie singen Pizzera & Jaus so treffen: Wenn du enttäuscht bist, dann bist du ent-täuscht. Muss nur im Kopf ankommen.

Ich gebe FrauPinkshot recht, wenn sie schreibt, dass es sehr schwer ist, jemandem, der Polyphilia in einer multilateralen Partnerschaft lebt, zu gewinnen. Da geht es aber nicht darum, dass er jemanden fragen muss. Gefragt haben muss er schon weit vorher – beim eingehen der Partnerschaft. Ich halte es für ausgesprochen gefährlich eine Partnerschaft einzugehen und dann im Anlassfall zu fragen. Sowas ist basal und muss vorab geklärt werden. Bevor sich einer verliebt und sich mehr als bilaterale Beziehungen nicht vorstellen mag. Für jemanden, der sich darauf einlassen mag, einen Polyphilio zu gewinnen, muss klar sein, dass er eine Facette der Liebe haben will. Da geht es nicht per se um Sex. Da geht es um etwa, das man teilt. Darauf kommt es an – der Polyphilio hat eine Facette, die in seinem derzeitigen Kontext unbesetzt ist. Die ist füllbar. Nichts, was einem anderen weggenommen wird. Aber wie bei jeder anderen Form der Liebe auch – es ist ein Prozess des Verliebens. Da küssen sich Seelen – egal auf welcher Ebene. Daher ist es auch kein Fremdgehen – fremdgehen ist das dümmste, was man machen kann. Es ist ein offenes Teilen und das Eingeständnis: Ich kann nicht bester Vater, bester Ehemann, bester Freund, bester Mitbewohner, bester Lover und was nicht alles gleichzeitig sein. Wem das gelingt – Hut ab. Wie gesagt – ich glaube, das kann niemand. Für niemanden. Wenn ich also mit dem besagten Toerlesz H. Gregor eine politisch-intellektuelle Beziehung habe, die für mich schon eine Form der Liebe ist, denn die Art des Umgangs, die wir pflegen, ist für mich immer Herzklopfen pur, ein Lustgewinn an Episteme – ein inneres Fichtennadelschaumbad.

Um beim Bild von FrauPinkshot zu bleiben: Bei mir wären die Häuser eher ein Schloss, eine Bibliothek und ein Reihenhaus. Die Familien wären einmal mit Kind und einem mit Büchern. Einmal mit Bett und einmal mit Kissen-Couch-Landschaft. Das wäre keine verwobene Helix, das wären parallele Linien, die alle zu einer werden, wenn man rauszoomt – und wie eine Packung Spagetti nicht zu zerbrechen ist, wenn sie im Paket gehalten werden, aber jeder für sich, einzeln sehr fragil ist.

Wer profitiert ist hier auch eine sehr ungewöhnliche Frage. Alle. Alle, die wissen, um was es dabei geht. Ein zufriedenes Leben zu führen. Ich will meine Beziehung nicht aufgeben. Ich liebe einen Menschen als besten Freund und als beste Ehefrau. Das ist mein Hafen. Aber ein Hafen allein ist mir zu wenig. Ich brauche einen politsch-intellektuellen Segeltörn, ich brauche eine akademische Frachtroute und ich brauche auch hin und wieder eine Regatta. Allein um mir zu zeigen, dass ich noch im Wettbewerb mithalten kann. Ja, auch fürs Ego. Aber ich würde nie etwas verschweigen und ich würde niemals etwas tun, dass ich nicht klar kommunizieren kann.

Mein Fazit für diesen kleinen DOOC: Polyphilia ist ein Weg, der Komplexität einer Person gerecht zu werden und langfristig alle Aspekte – inklusive der Entwicklung einer Persönlichkeit – gerecht zu werden. Bedürfnisse wandeln sich ja und damit auch die Bedürfnissbefriediger. Es ist in der Tat schwer – eigentlich unmöglich – mehr als eine Beziehung ganzheitlich zu führen. Bei Polyphilia geht es aber darum, ein Leben in all seinen Facetten ganzheitlich zu führen. Ich habe meine kleine Blume, mein Gänseblümchen, mein Kokain – ja, auch das gehört zu meinem Leben – und ich habe Gregor und ich habe mich. Auch das gehört dazu: Sich selbst zu lieben.

So, der Trommelwirbel verhallt. Die Schwaden senken sich über dem Feld. Die FrauPinkshot69 hat es so gewollt. Auch sie ist eine Facette.

Denkstube | Wissenstreppe

Ich werde ja in meiner Timeline ab und an mit Artikel konfrontiert, die bei mir physisch und psychisches Kopfschütteln auslösen. Einer dieser Artikel beschäftigt sich mit der unglaublichen Feststellung, dass das Topmanagement nur 4% aller Probleme im Unternehmen kennt. Das stellt für den Verfasser ein Problem dar. Das gilt es zu lösen. Dazu gibt es eine tolle Grafik:

@andydevale hat hier wirklich eine gute Leistung abgeliefert – zu visualisieren, was eigentlich kein Problem ist. Eigentlich – und ich nehme hier gleich mal die Pointe vorweg – ist das die Idee von Dashboarding.

Beginnen wir mal auf der unwichtigen Ebene – der menschlichen. Ein Mensch – und ja, auch Management sind Menschen, auch wenn man das in der Regel übersieht – hat nicht unbegrenzt Kapazität. Der Manager per so noch viel weniger, weil seine Zeit durch Termine belegt ist und sein Gehirn durch Nicht-Probleme. Zum Beispiel wenn der Aufsichtsratsvorsitzende fragt, warum die rote Ecke im sechsten Excel-Blatt nicht weg ist. Naja, also er kann sich nur um eine begrenzt Anzahl von Dingen kümmern. Das sollten die wichtigen Dinge sein. Die, die das Unternehmen bedrohen. Die, die wenn sie bearbeitet werden, auch morgen noch Geld erwirtschaften, um die Mitarbeiter zu bezahlen. Alles andere – dafür hat er, und hier wechseln wir zur organisatorischen Ebene, Führungsebenen. Wenn die Lösung des gebastelten Problems ist, dass alle Probleme an das oberste Management gehen, wozu dann noch Führungsebenen. Dann habe ich Reportingmitarbeiter und Sachbearbeiter. Nicht mehr. Habe ich aber nicht. Ich habe Führungsebenen. Sach- und Fachverstand. Die zu entmündigen wäre sträflich. Also sind Probleme da zu behandeln, wo sie auftreten – maximal eine Ebene darüber. Dass sich diese Dinge in einer abstrakten Form auf dem Dashboard des obersten Menschen der Organisation finden lassen und per drill down sogar analysieren – super. Aber Lösungen, die müssen von dort kommen, wo die Zuständigen sitzen.

Wenn ich mir also überlege, dass das Management nur über 4% der Probleme Bescheid weiß, dann läuft alles richtig. Das sind die – in der Risikomatrix – katastrophalen Probleme. Probleme, die, wenn sie aktualisiert sind, dazu führen, dass die Bundesregierung kurz Herzflattern bekommt und den Blick zum Scheckbuch wendet. Wenn man groß genug ist. Für alle kleinen Unternehmen – das ist der Moment, wo man hofft, doch noch eine Lehre in petto zu haben, um bis zur Pension was ehrliches zu hackln.

Das bringt mich auch dazu, dass der oberste Chef natürlich verantwortlich ist. Also wenn ein Aufsichtsrat – in der Regel ein wirklich sich wichtig fühlender Mensch – fragt, ob das Toilettenpapier im Unternehmen der Rüstungsbranche auch günstig eingekauft wird und der Chef das nicht weiß, dann läuft da alles richtig. Wenn das Unternehmen auf Grund eines Qualitätsfehlers in die roten Zahlen schlittert, der eigentlich auf der Abteilungsebene zu lösen wäre, dann ist er trotzdem dran. Das wäre auf einer unteren Ebene zu klären – aber er ist in der Kaskade für die Auswahl der Führungskräfte verantwortlich.

Ich habe das von meinem derzeitigen Chef gelernt. Er hat bei seinem Ankommen im Unternehmen gute Leute entlassen und Leute geholt, die sein Vertrauen genießen. Nicht, dass sie fachlich besser wären, aber er vertraut ihnen und übernimmt damit auch die Verantwortung – auch das ist „hire for attitude – train for the job.“

Wie dem auch sei – ich finde es immer wieder toll, wenn man erwartet, dass der oberste Boss alles wissen muss oder alles können muss. Muss er nicht – er muss wissen, was wichtig ist und was auf seine Ebene gehört. Das macht ihn aus. Für den Rest braucht er Personal, dem er vertraut – das ist eine Kernkompetenz, die er braucht. Personalentscheidungen sind die nachhaltigsten Entscheidungen, die ein Manager treffen muss. Für Probleme gibt es Stabstellen, Fachabteilungen und alles, was so eine Organisation zu bieten hat. Von daher: Unsäglicher Artikel.

JAM | Arbeitsklima – 28 Days later

Ab und an passiert es ja anderen Menschen, dass sie Sätze sagen, die eigentlich von mir sein könnten. Zum Beispiel äußerte sich ein gewisser Oscar Wilde ja darüber, er habe einen einfach Geschmack – immer nur das Beste. Sie sehen, was ich meine. Ein Satz, bei dem alle erstmal denken, er sei von mir. Ich bin da recht großzügig mit dem CC – es darf sich gern in diesen Bronzesätzen gesonnt werden.

Jetzt ist mir wieder ein Satz untergekommen. Eigentlich ein Kleinod. Tom Stoppard hat sich eines Satzes bedient, der mich zu einem Thema inspiriert hat, dass im letzten Post zum Thema Arbeitsklima angefangen hat:

“We cross our bridges when we come to them and burn them behind us, with nothing to show for our progress except a memory of the smell of smoke, and a presumption that once our eyes watered.”

Tom Stoppard, Rosencrantz and Guildenstern are Dead

Der Sprung wird jetzt etwas größer – also Obacht. Ich bin ja der Meinung, dass Freundschaften, Freundschaften Plus und Freundschaften Plus Plus am Arbeitsplatz durchaus förderlich für das Betriebsklima sind. Wenn sich alle einig sind. Wenn klar ist, was man erwarten kann und sollte und wenn man insgesamt eine positive Bilanz aus all dem zieht.

Ein kleiner Exkurs – Freundschaft ist gemeinsam den Karren aus dem Dreck zu ziehen, egal, wer ihn reingefahren hat. Freundschaft Plus ist auch privat füreinander da zu sein. Plus Plus ist all das mit Sex. Ein reines Plus Plus funktioniert aus meiner Sicht eher nicht. Nur, damit wir wissen, von was wir sprechen.

Am Anfang von so einer Geschichte – egal wie viele Plus nun da stehen – macht man sich ja nicht so viele Gedanken über das „Und dann?“ – also normale Menschen. Ich schon. Ich weiß nicht, wer glücklicher lebt – normale Menschen oder ich. Disclaimer: Normal meint hier Quantität, nicht Qualität. Zurück zum Thema: Was, wenn die Geschichte auf der Seite angekommen ist, wo es um das Leben danach geht. Wenn sich zum Beispiel herausstellt, dass einer der Partner – sollten ja mindestens zwei sein – mehr will. Oder nicht mehr will. Oder plötzlich nicht mehr mag mit Erdnussbutter eingecremt zu werden und Grundgeräusche zu machen, wenn man im Büromittellager zu Gange ist. Soll es alles schon gegeben haben. Das sind die Brücken, zu denen wir kommen und über die man sich am Anfang im Rausch der Hormone keine Gedanken gemacht hat. Was, wenn wir plötzlich an dieser Brücke stehen, kurz zurückblicken und dann mit aufrechtem Blick über die Brücke shufflen. Dann wird es oft hässlich. Dann fallen einem die vielen kleinen Dinge auf, die es vorher so interessant gemacht haben und jetzt zu einem Nervfaktor par excellence werden. Dann fragt man sich, warum man sich darauf eingelassen hat – wo er doch so dumm, sie doch so eingebildet und das Ganze eigentlich eine dumme Idee war.

Ich denke mir, wenn man befreundet ist und dann addiert, dann sollte das anders laufen. Dann ist das eben, dass einer die Liga wechselt oder den Sport und man bleibt eben trotzdem befreundet. Wenn man Sex unter Kollegen als Ergänzung zur Freundschaft sieht, dann sollte sowas doch nicht passieren. Normale Menschen funktionieren aber in der Regel nicht so – sagt einem ja auch keiner in der Bedienungsanleitung. Liegt auch daran, dass nur wenige Menschen ein Verständnis von Rollen haben – jeder Mensch hat mehr als eine. Wenn ich im Rahmen einer Freundschaft mehr mache, als meine Rolle als Kollege verlangt und das dann entfällt, weil die Rolle Freundschaft nicht mehr da ist, dann wird das in der Regel als Strafe aufgefasst. Ist es aber nicht – aber das ist dann in der Regel nicht mehr zu kommunizieren. Also wertfrei.

Schlimm wird es auch für die anderen Kollegen – oder den Freundeskreis. Man müsste sich entscheiden. Man müsste Position beziehen. Man sollte sich eigentlich da raus halten. Sowas belastet dann das Betriebsklima eher. Ich denke mir dann immer: Leute, es war Freundschaft und Sex. Alle hatten Spaß. Alles war gut. Jetzt eben nur noch Kollegen. Wo ist das Problem. Das Problem sind Erwartungshaltungen. Verletzter Stolz. Eitelkeit. Menschlichkeit. Das bekommt man nur schwer raus. Glück hat man, wenn beide an ihrem Job hängen und das professionell angehen. Schlecht ist es, wenn der Grabenkampf anfängt. Das lässt nur verbrannte Erde und zerstörte Werte zurück. Im Extremfall muss der Arbeitgeber entscheiden: Er, Sie oder Beide.

Ich denke mir immer: Seid ehrlich. Sagt was ihr wollt. Genießt was ihr habt und wenn es nicht mehr ist, dann ist es eben wie mit jedem anderen in der Firma. Haken dran. Den Duft der brennenden Brücke wird man ein Leben lang haben. Die Momente – so man welche hatte – bleiben. Erinnert euch an die schönen Momente und vergrabt euch nicht im letzten Augenblick. Sex ist wie Tennis: Keiner weiß, wie viele Sätze die Partie haben wird, irgendwann gibt es das große Finale und jedes Jahr gibt es das Turnier wieder. Mit anderen Teilnehmern. That´s life.

JAM | Innenausbau

Wenn man jung ist, dann überlegt man sich ja sehr genau und in der Regel recht nachhaltig, welche Verhaltensprinzipien man seinem Tun zugrunde legt. Jung ist jetzt hier mal 22-33 gemeint. Ist bei mir eine Weile her. Man war so – und braucht den zwischenmenschlichen Potentialausgleich.

Es sah auch alles so einfach aus. Man brauchte sich ja auch über Konsequenzen eher keine Gedanken machen. Wenn etwas nicht geklappt hat, dann machte man eben was anderes. Wenn Körperinhaber A nicht mit der eigenen Grundhaltung klar kam, dann gab es noch zwischen 3 und 25 andere Buchstaben.

Damals – die letzten Flugsaurier kreisten noch hoch oben in der jungen Luft – dachte ich mir, dass Beziehungen was für Luschen sind, dass Freunde eher eine Belastung sind und dass Emotionen viel besser durch Rationalität zu ersetzen sind. Das sind gute Leitgedanken, um diese harschen Jahre des Daseins zu überbrücken. Der Plan war: Durchs Leben kommen und nur keine Emotionen zulassen. Emotionen waren Teufels Beitrag zu einem überlegenen Hirn.

Nun reift man ja im Alter und wird auf die eine oder andere Weise kindischer. Ein Erfahrungswert dabei ist: Freunde sind gut, wenn man sie sorgsam auswählt. Ein zweiter Erfahrungswert: Beziehungen sind wertvoll, wenn man sie sorgsam auswählt. Ein dritter Erfahrungswert: Emotionen sind gut. Punkt.

Nicht nur, dass man sich in der Jugend oft Dinge versagt hat, für die man sich heute die kaum noch existenten Haare ausraufen könnte – ein Hallo an das Gänseblümchen. Nein, man hat auch versäumt Netzwerke zu bilden. Das wirklich tragische ist aber: Man hat viele schöne Momente verpasst, weil man sie zwar analysiert, nicht aber erfahren hat. Kann man auch nicht nachholen. Die sind weg. Was man aber machen kann ist, dass man einfach neue Momente so intensiv wie möglich erlebt. Das ist aktuell der Plan. Das lässt den Trennstrich von Arbeit und Privat verschwimmen, das lässt das Potential für Scheitern und Schmerz zu – aber wissen Sie was: Das nennt man Leben und am Ende lacht man dem Teufel ins Gesicht und sagt: Trotzdem schön – selber doof.

 

JAM | Arbeitsklima

Es gibt ja ein paar Dinge, die sind mir ausgesprochen wichtig. Das Betriebsklima zum Beispiel. Ich mag es sehr, wenn das Klima so ist, wie ich es für richtig und zweckmäßig erachte.

Manchmal nehmen die Mitarbeiter das selbst in die Hand. Also das Klima. Ich bin zwar per se der Ansicht, dass alle glücklicher wären, wenn sie einfach machen würden, was ich sage, aber sei es drum. Man muss ja auch Varianz zulassen. Insofern lässt sich immer sehr gut beobachten, wenn sich Mitarbeiter zusammen finden, um in einer gemeinsamen Perfomance für einen harmonischen Gesamtkontext zu sorgen. In der Kleingruppe. Zumindest sorgt das immer für zufriedene Gesichter und ein Lächeln – bei den einen wegen der Teilnahme an der Performance und bei den anderen, weil sie es sehen…also dass eine Performance war.

Die Sache ist die: Man sieht den Menschen an, wenn sie sich vergnügt haben. Das interessante ist – das was und wie ist sehr geschlechtsspezifisch. Gehen wir mal vom Optimalfall aus, dass beide Parteien auf ihre Kosten gekommen sind und das ganze Prozedere auch leidlich nachhaltig war.

Da wäre der männliche Teil. Da sind mal die entspannten Gesichtszüge, wenn er selbstsicher ist. Wenn nicht, dann ist da dieser hektische Blick, ob sie jetzt zu ihrer Freundin geht und gekichert wird. Das sexuelle Alphamännchen hat hin und wieder den Griff zur Krawatte – oder zum Gürtel in Ermangelung einer solchen – um zu sehen, ob alles wieder sitzt. Dass die Haare aussehen wie eine Wollmütze kurz vor dem Gewitter ist irrelevant. Trotzdem – wenn es mehr ist, als ein Dampf-Druck-Geschwindigkeit Ding, dann wird man dieses leichte Lächeln in den Mundwinkeln sehen. Männern sehen ja per se vor, während und nach dem Sex eher so wie das Meerschweinchen kurz vor der Fütterung aus. Ganz niedlich, aber eben auch wie mit der Taschenuhr hypnotisiert. Macht aber nix – außer für intelligente Frauen, die sich beim Anblick des leicht debilen Ausdrucks dann doch eher entschließen eine Runde Yoga zur Entspannung zu machen. Wenn ein Zeta-Männchen es geschafft hat, dem Beischlaf zu fröhnen, dann merkt man das eher an der Unsicherheit: Was nun. Rede ich mit der Kollegin noch. Redet sie über mich. Rieche ich – solche Menschen haben immer Nivea Deo und Odol Mundspray parat – und wie sage ich es Mutti, dass ich mich nicht für die Ehe aufgespart habe. Der Afterglow beim Zeta ist aber in der Regel genauso schnell vorbei, wie beim Alpha – beim Zeta. weil er sich wegen was anderem stresst und beim Alpha, weil er in der Regel schon daran arbeitet, was er als nächstes bei der Kollegin im Marketing nachfragen könnte – gerade könnte er ja ein neues Lanyard brauchen…

Im anderen Falle – also beim stärkeren Geschlecht – sieht man den Afterglow irgendwie…anders. Jetzt leuchten Frauen ja per se schon schöner im Büroalltag als die Träger von H&M-Anzug und Woolworth-Krawatte. Ich finde, man sieht einer Kollegin an, ob sie aus einer zufriedenstellenden Erfahrung kommt. Im Allgemeinen verschwindet eine Frau ja per se und ohne hinterfragt zu werden schon häufiger als Männer in den Sanitärbereich. Nebenbei trägt sie ja auch in ihrem bottomless bag auch alle Mittel zum kaschieren von Spuren bei sich. Im Allgemeinen weiß die Frau auch, dass sie entschieden hat, Sex zu haben – und daher wird sie kaum hinterfragen, ob sie jetzt gut war oder was das alles zu bedeuten hat. Sie weiß es ja. Wenn es schlecht war, dann wird sie nicht zum Platz zurück kehren, sondern eher erstmal zur besten Freindin (sic!). Dann sollte man als Mann schonmal die Stellenanzeigen aufmachen – oder, wenn man so will, Gegenfeuer legen. Aber verloren hat man dann auf jeden Fall. Wenn alles gut lief, dann kann man das an der gut durchbluteten Haut im Wangenbereich sehen. Eventuell an einer leicht aufgebissen Lippe. Oder weil die Haare anders liegen – im Optimalfall ist aus den offenen Haaren ein Pferdeschwanz geworden…if you know what I mean. Die Dame von Welt im Angestelltenbereich wird dann gegebenenfalls noch zwei oder dreimal am Tag mit dem Stift spielen und nachdenken. Sich erinnern. Eine kleine Bemerkung „Machst Du kurz mal das Gedankenkabinett frei, in dem Du gerade zum Glück getrieben wirst.“ kann da helfen – also mir hilft das immer, weil dann das Lächeln über das Gesicht huscht und dann weiter gearbeitet wird. Der Satz beim Mann „An Sex denken kannst Du in der Freizeit.“ wirkt nicht solche Wunder. Das frustet den Mann eher. Frauen sind da irgendwie – belastbarer in ihrer Genussleistung. Die perpetuieren Momente viel besser – kann auch daran liegen, dass die Plateauphase besser genutzt wird.

Insgesamt muss ich sagen, erleben Männer und Frauen glaube ich Bürosex schon daher anders, weil Männer das als Episode sehen und Frauen das als Vertrauensmoment. Ich bin ja ein vehementer Kritiker von Doppelstandards: Wenn sich ein Kerl durch die Firma schläft – der Hengst. Wenn eine Frau das macht – Schlampe. Ich finde, wenn wir das alle als gemeinsame Momente der Verbesserung des Betriebsklimas sehen würden und es klar wäre, dass hier zwei Menschen einfach nicht zum Joggen sondern zum Sex verschwinden – wir wären alle glücklicher.

Die Gegenposition finden Sie dann auf Pinkshot von einer Freundin, die mir schon viel eröffnet hat. Folge Sie nur – sie lernen immer was. Jeder Mann sollte eine weibliche Freundin haben, die einem auch mal sagt, dass … Manchmal…. und die es wirklich versteht, meine Eitelkeit anzusprechen. Das und meinen gelegentlichen Wunsch, den Bürostandort zu wechseln.

JAM | Wie Wolken schmecken

Das wird dann mal so ein richtig schmalziger Blockpost. Ich will nur ein Warnung voran stellen – es wird um Gefühle gehen und darum, wie sie der Untergang und die Wiederbelebung sind. Es wird so richtig Rosamunde Pilcher meets Terry Pratchett.

Ich habe mir in den vergangenen Monaten das Leben ja recht schwer gemacht im Hinblick auf mein Kokain. Eine Fülle an Gründen war sicher, dass ich in ihr meine letzte Chance gesehen habe, etwas in der Welt zu hinterlassen und dass sie living proof gewesen wäre, dass ich noch nicht zum alten Eisen gehöre. Wir hatten Chemie – so dachte ich zumindest und auch das ein Grund: Ich war zu blind zu sehen, dass wir keine Chemie sondern nur meinen Wunsch nach mehr hatten.

Eine Twitterin, die sich einer ähnlichen Herausforderung gegenüber sieht – in Sehnsucht, in Verlangen, in Begehren, in Sucht zu verbrennen – hat mir viel geholfen darüber nachzudenken, dass es nicht so einzigartig ist, was mir da passiert. Es ist sogar recht gewöhnlich – für 13-18jährige. Was ich aber auch gelernt habe: Wir sind alle 16, wenn es um Gefühle geht. Das lernt man nämlich nicht, das erlebt man wieder und wieder und es ist immer das neue Alte.

Jedenfalls habe ich irgendwie damit meinen Frieden gemacht, dass ich dieser Geschichte ewig nachhängen werde. Ich habe eine gute Freundin – auch eine Seelenverwandte – die mir mal empfohlen hat, dass man manchmal einen Glaubenssprung machen muss. Einfach mal sagen, was man will und dass man liebt. Das habe ich drei Mal gemacht. Einmal bei einer Studienkollegin, bei der das Schicksal und meine Überheblichkeit über Gefühle erhaben zu sein uns im Weg gestanden ist. Dazu später mehr. Dann bei meiner Frau – und ich bin bis heute glücklich, dass das mein Leben bestimmt hat. Das dritte Mal war mein Kokain. Man kann sich vorstellen, dass ich das so kurz nach dem Event als emotionale Apokalypse betrachte. Vier Jahre in einem Menschen investieren, nur um dann gesagt zu bekommen, dass sie alles allein geschafft hat, ihr nie jemand geholfen hat und wir immer nur Kollegen waren. Naja, spilled milk under the bridge.

Kommen wir auf den Menschen aus dem ersten Fall zurück. Wir haben zusammen studiert. Damals. Wir haben uns in einem Blockseminar kennen gelernt, in dem wir fünf Teilnehmer waren. Drei Mädls, zwei Jungs und einer war ein TaiChi-Wunderling, der keine Konkurrenz war. Da ich noch nie wirklich auf blond stand – obgleich sie einen tollen Arsch hatte – war ich von IHR fasziniert – und das hat sich auch nie geändert. Kennen Sie das, wenn ein Mensch ein Lachen hat, dass so ansteckend ist, dass man eigentlich nichts mehr zu trinken braucht, um im Delirium zu sein. Naja, es war jedenfalls ein langes tasten. Ich habe sie immer als way out of my league betrachtet. Ich war happy nur in ihrer Nähe zu sein. Ich habe mir eingeredet, dass ich sie ohnehin nur ins Bett will. Fakt ist, dass sie mir für Sex immer zu Schade war. Ihr Körper war ein Tempel. Ich habe gebetet und ich wollte sie immer anbeten. Wie Shakespear sagte: Let lips do what hands do – they pray. Wenn ich damals gesehen hätte, was sie zu geben bereit war und den Mut gehabt hätte, zu meinem Begehren zu stehen – die Welt wäre eine andere. Ich gehe davon aus, dass ein Zeitreisender die Umstände so gestaltet hat, dass es nicht dazu kam – unser Kind wäre sicher ein neuer HItler gewesen und so haben wir der Welt Tyrannei und Verderben erspart. Auf Kosten unseres Leidens.

Wie dem auch sei – wer hört, wie Schmetterlinge lachen, der weiß, wie Wolken schmecken. Ich hatte meinen Schmetterling und ich schmecke noch heute die Wolken über Berlin. Was wir hatten war ein ewiger Moment. Ich wollte nie zum Augenblicke sagen, verweile doch, du bist so schön. Ich wollte mehr und intensivere Momente mit Dir. Ich wollte das, was wir hatten festhalten. Wir waren Studienkollegen zuerst. Wir hatten wenig gemeinsam und eigentlich haben wir das heute noch – mit Ausnahme, dass wir unsere Gesellschaft genossen haben. Wenn ich etwas über Quantentheorie lese, dann denke ich immer, dass man die Verschränkung von Quanten sehr einfach beobachten kann: Wir. Keiner kann es erklären, aber beobachten geht. Wir sind Pegasus – und Du warst mein Flügel. Wie alle Menschen teilen wir den Boden, den wir berühren, aber nur wir spüren, wo der andere steht.

Es ist kein Methadon – es ist etwas ganz einfaches. Es ist Freundschaft. Tiefe und innige Freundschaft. Was wir hatten und auch haben ist das Verständnis, dass der andere Mensch etwas ist, dass wesentlich für das Selbst ist. Als Geschichte, als Wesen und als Zukunft. Es ist auf eine ganz eigene Art Liebe. Es ist das Wasser in einem Meer von Orangensaft.

Denkamt | In spe

Da kommt man ja ab und an zu einer Redewendung, die man auch selbst nutzt, und fragt sich: Was zum Henker soll das bedeuten und warum zum Geier soll das so sein? Henker ist ein gutes Stichwort, denn es geht um „Die Hoffnung stirbt zuletzt.“ Also quasi, wenn alle anderen Dinge schon der Geier geholt hat, der ja bekanntlich neben vielen anderen Dingen auch immer weiß, wo die Hoffnung nun gerade stirbt, dann kann er sich noch an diesem Emotionalkadaver laben. Wenigstens ein Leben gerettet – den Geier – und einen Job gesichert – den des Henkers.

Hoffnung ist so eine Sache. A G´schicht wie der Wiener sagen würde. Wenn sie schon zuletzt stirbt, was ist dann vorher gestorben? Gibt es da eine fixe Reihenfolge – als erstes geht das Selbstwertgefühl über die Wupper und dann die Fähigkeit zum rationalen Denken. Der Rest reiht sich brav ein und wirft das Handtuch gemäß Sterbetabelle? Könnte ja auch sein, dass das eher so ein chaotisches Gedränge ist, bei dem alles gern so schnell wie möglich das Theater verlassen möchte, um ja nicht mehr da zu sein, wenn die Hoffnung die letzte Arie schmettert, um dann den sterbenden Schwan zu geben. Kann ja nicht vorbei sein, bevor die dicke Dame ihren letzten Seufzer geschmachtet hat. Da will man als Emotion gern schon im Auto auf dem Weg nach Hause sein, um dem Gedränge im Parkhaus zu entgehen.

Hoffnung ist eben so eine Sache. Ich denke ja, es ist mehr als eine Emotion. Hoffnung ist in der emotionalen Hackordnung irgendwie der Zeus. Hoffnung steckt sich überall rein, wenn es sein muss auch in verkleideter Form als Schwan oder Stier. Hoffnung thront über den Dingen. Hoffnung muss sich nicht legitimieren. Hoffnung verspricht das Blaue vom Himmel, damit sie zum Zug kommt. Dabei ist sie nicht sonderlich subtil oder höflich – nein, sie platzt einfach rein und bleibt mal bis zum Abendessen. Oder bis sie stirbt. Leider ist das Biest, wie Zeus, eher so ausdauernd.

Die Sache ist auch, dass die Hoffnung ein Parasit ist. Wir füttern den Geist und den Körper und die Hoffnung labt sich an den Gaben und sichert ihre Existenz auf Kosten der anderen. Nix Symbiose – nein, rein parasitäres Verhalten. Je nach Veranlagung leidet der Geist mehr oder der Körper. Je nachdem wird es eher zur Tragödie oder zur Komödie. Sie wissen schon – für die, die denken und für die, die fühlen. Der Parasit stirbt dann quasi erst, wenn der Wirt Futter für die Würmer ist. Man könnte also annehmen, dass die Hoffnung in der Tat als letztes stirbt. Ooooder…

….oder man betrachtet die Hoffnung einfach nur als Motor unserer Emotionen. Auf was hoffen wir denn in der Regel? Auf einen Job, auf Geld, auf Gesundheit, auf Liebe – im weitesten Sinne also auf Anerkennung unseres Seins. Anerkennung ist quasi Ausdruck von – ja, das meine ich ernst – Liebe. Liebe ist ja nicht nur „Die moag I schnackseln.“ Liebe ist Ausdruck von Wertschätzung. In all ihren Facetten ist Liebe meiner tiefsten inneren Überzeugung nach die Kernidee des Menschseins. Das Gegenteil von Liebe ist dann eben auch nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit. Im Hass ist auch Anerkennung des anderen. Da bleibt auch noch Hoffnung. Aber in der Gleichgültigkeit liegt die Negierung des Anderen. Es ist egal, ob jemand ist oder nicht. Insofern denke ich, dass die Hoffnung nicht als letztes stirbt. Ich denke, die Liebe und damit die Anerkennung als Mensch stirbt zuletzt. Mindestens zu Liebe zu sich selbst. Insofern mag die dicke Dame wie eine Galeone durch die brennende Kulisse pflügen und den Untergang des Abendlandes herbeischmettern, wenn sie von der Bühne gegangen ist und das Theater leer ist, dann erst geht der Dirigent.

Amtsblatt | Namecalling

Man kann ja über Namen denken was man will, aber sie haben Wirkung. Nicht nur, dass der kleine Kevin in der Schulung von Seiten seiner Hans-Georg- und Heinrich-Timothy-Peers kräftig in seiner Persönlichkeitsbildung gefördert wird, können auch seine Pädagogen sich einer Schubladisierung nur schwer entgegen stellen. Wer einem Subjekt oder auch einem Objekt einen Namen zu geben vermag, der beherrscht es auch in gewisser Weise. Wer erinnert sich nicht daran, dass die brave Müllerstochter die Oberhand gewann, als sie das Rumpelstilzchen beim Namen packte. Wer hat nicht im Rahmen der Klempererschen Lingua Tertii Imperii Angst und Bange bekommen, was man mit Sprache anstellen kann. Gerade der Wandel von „fremd“ auf „feindlich“ ist heute wieder präsent, wenn es von „Freiheitskämpfer“ auf „Terrorist“ oder von „Pausenclown“ auf „Mister President“ gewandelt wird. Das verbale Framing ändert die Wahrnehmung deutlich.

In einem kleinen Twittergespräch wurde mir bewusst, dass auch HR – also Human Resources – so ein Begriff ist. Die Nähe zu Humankapital und damit die Gleichsetzung von Subjekt und Objekt – oder vielmehr die Umdotierung von Subjekt zum Objekt – ist deutlich. Spätestens im Rahmen der Wirtschaftsplanung wird es dann abstrus, wenn man von Full Time Equivalent spricht und Leiharbeiter eine Position im Materialaufwand werden. Wegen der Darstellung wäre es … aber das Denken ist klar. Es ist eine Ressource wie Schmiermittel und Pumpen. Selbst Mr. Pump in Terry Pratchetts wundervollen Buch „Going Postal“ hatte mehr Menschlichkeit. Die Distanzierung vom Subjekt im Interesse einer objektiven Planung kenne ich auch aus dem militärischen Kontext. Wenn man dort ab einer bestimmten Ebene plant, dann spricht man nur noch über Fähigkeiten und nicht mehr über Menschen. Keiner auf der Ebene Division denkt noch über die Briefe, die der „Ausfall einer Fähigkeit“ nach sich ziehen, und die durch den Kompaniechefs und Zugführer verfasst werden müssen. Sicher macht es das Planen einfacher, wenn man nur in abstrakten Dimensionen denken muss. Kein Mensch plant gern 100 Mann und Frau Verlust ein. Aber den Ausfall von Umschlagskapazität in einem Hafen kann ich bewerten. Auch wenn es am Ende einfach die Inkaufnahme des Falls einer Hafenumschlagkompanie im Sinne der Gesamtmission ist.

Im Hinblick auf die demographische Entwicklung werden sich die Spezialisten des Bereichs Personal etwas überlegen müssen. Wollen sie weiter im Industrie 3.0 Verfahren Drohnen in Prozessen haben, die nach Arbeitsleistung bemessen werden oder wollen sie sich wieder Menschen und ihren Potentialen und Fähigkeiten widmen. Dann wird es Zeit für ein Reframing ihres Berufsstandes und damit auch ihrer Denkweisen über das, was sie tun. Wer hat die Macht zum Reframing – das sind die Unternehmenslenker. Keine tolle Kampagne und kein noch so gut promotetes Bild in der Öffentlichkeit wird Wirkung zeigen, wenn ein potentieller Mitarbeiter spürt, dass hier eine Stelle gefüllt werden soll uns nicht eine Fähigkeit, ein Individuum und im weitesten Sinne die Zukunft des Unternehmens gewonnen werden soll. Gewinnen ist so ein Wort – eine Personalabteilung muss Mitarbeiter gewinnen. Nicht akquirieren. Auch da setzt das Mindsetting an. Die nachhaltigsten Entscheidung sind immer Personalentscheidungen – es sollte also auch eine Personalabteilung bewusst sein, dass sie ein entscheidender Träger des Gesamtbildes sind. Ein guter Schritt wäre das Umbenennen: Zukunftsgestalter wäre ein passender Begriff aus meiner Sicht.

Denkamt | Schleifsteine

Twitter ist ja so ein Umfeld, da findet man alles: Von der Ursuppe geistiger Bausteine bis zur komplexen alternativen Intelligenz – und eben auch Buzzwordbulimie in all seien Facetten.

Ich lebe ja zugegebenermaßen in einer Filterblase. Mein Feed reicht von interessanten über unterhaltsame bis zu motivierenden Leuten. Ok, zugegeben, ich folge auch ein paar Accounts, die finde ich einfach nur attraktiv und schaue mir gern ihre Photos an. Deal with it.

Manchmal wächst so eine Account. Der war zuerst unterhaltsam, dann interessant, dann inspirierend und am Ende ist es ein Baustein. Das ist an sich schon genug – aber ab und an freue ich mich auch über ein Bild…wenn sie wissen, was ich meine.

Ein Account ist gerade in der Entwicklung und er lieferte mir ein Baustein. Der Baustein kam recht trivial daher.

 

Der Satz war mir am Wochenende mehrere Stunden wert. Da wäre „ein Verstand“ schon allein ein Aufsatz wert. Ich mag „ein“ nicht. „Der Verstand“ ist meiner bescheidenen Meinung nach viel passender. Das lässt nämlich offen, ob es so etwas wie „ein Verstand“ gibt oder ob Verstand nicht ein soziales Konstrukt ist. In der Tat folge ich derzeit eher diesem Ansatz . Der Verstand ist ein Metonym für die Herstellung eines Konsens über einen Sachverhalt. Für mich verstehe ich die Sachen immer – ich kann in mir sehr wohl übereinkommen, dass der Himmel gelb ist – solange ich gelb als das visuelle Phänomen von Licht der Wellenlänge 430nm verstehe. Verstehen wird mich halt kaum jemand, der an einem kollektiven Verständnis teilnimmt. Daher also schonmal „Der Verstand“ als das Konglomerat der gemeinsamen Propositionen als Grundlage eines Bezugs auf die Welt. F**k, das klingt wie ein Satz, den G. Fasel hätte schreiben können…

„braucht Bücher“ – über braucht gibt es nicht viel zu sagen. Das ist eine Meinung. Da sind wir mal kulant. Bücher aber, Bücher sind ja mal dicke Briefe an Freunde. Per se braucht der Verstand keine Bücher – er braucht Kontext. Ein Netzwerk. Er braucht – Menschen. Besser noch, er braucht andere denkende Entitäten. Ich schreibe das so weit, da ich ein Verfechter alternativer Intelligenzen bin und diese nicht ausgrenzen mag. Auch alternative Intelligenzen müssen sich auf eine gemeinsame Umwelt beziehen, sonst wird es schwierig sie in einen gemeinsamen Verstand zu integrieren. Dass sie daneben eventuell noch ihren eigenen Kosmos haben – geschenkt. Aber wenn wir sie wollen, dann nur über Kooperation und Kollaboration. Folge ich also meinem Ansatz, dass es nur den Verstand gibt und nicht einen Verstand – im Gegensatz zu „einem anderen Verstand“ – dann braucht es keine Bücher. Dann braucht es Input-Output. Es braucht, um ein systemisch-evolutionäres System zu sein, Erregung, Vernetzung und Bewertung. Es braucht also nicht nur Ego, sondern auch Alter. Bücher sind ein Medium – keine Essenz.

„wie ein Schwert“ halte ich ja auch eher für ungeschickt genutzt. Der Verstand ist – oder sollte – sein wie ein Skalpell, nicht wie ein Schwert. Ein Schwert trennt den gordischen Knoten – nicht besonders klug, aber teleologisch betrachtet zweckmäßig. Ein Skalpell schafft Komplexität, wo Kompliziertheit war. Es entfernt unnötiges, störendes und schädliches. Es schafft Essenz. Ich bin mir schon im Klaren darüber, dass man hin und wieder auch mit einem Breitschwert ganz gut voran kommt – wie ein General mit einem 400er Edding seinen Plan auf die Karte bringt und der Stab dann die Feinheiten ausarbeitet. Aber man darf nicht übersehen, dass um die große Linie zu zeichnen man sehr klug analysiert haben muss. Der 400er Edding ist Ausdruck von Klugheit, denn er reduziert das zu kommunizierende auf eine abstrakte Ebene – das macht ihn nicht zum Schwert, sondern zu einer sehr scharfen Klinge.

„den Schleifstein“ – ich habe jetzt mal nichts auszusetzen. Ich mag nur das Bild des konstanten Schleifens nicht. Ein Verstand muss genutzt werden, um scharf zu bleiben – aber schleifen an sich zum Selbstzweck ist einfach nur sinnfreier Verbrauch des Materials. Sicher kann ich in meinem Elfenbeinturm konstant am Verstand arbeiten und dabei meine Lebenszeit verbrauchen – nur welchen Beitrag liefert das? Eher keinen – also braucht der Verstand Interaktion – nicht schleifen.

Mein Satz würde also eher lauten:

„Der Verstand braucht Interaktion wie ein Skalpell konstanten Gebrauch.“

Das klingt bei weitem nicht so schön und ist auch nicht so eingängig. Sind ja auch nur meine zwei Cent. Danke für das schöne Wochenende – sie waren mir ein toller Schleifstein, um meine Gedanken zu wetzen.

 

Denkamt | Sorcerer vs. Wizard vs. Mage

Arthur C. Clarke konstatiert in einem seiner Gesetze, dass jede ausreichend fortschrittliche Technologie für die nicht Eingeweihten von Magie nicht zu unterscheiden ist. Betrachtet man die Technologie „Management“, unabhängig ob im wirtschaftlichen, politischen oder militärischen Kontext, dann glaubt jeder, er versteht es, kann es besser und es erscheint alle so simpel. Jeder kleine Leutnant kann das Korps besser führen, wenn man ihn nur lassen würde.

Jetzt könnte man annehmen, dass Management keine Technologie ist – ich denke, dass Management eine Technologie ist. Man kann sie lernen – im Gegensatz zum Unternehmertum. Management ist eine angelernte Fähigkeit zur Leitung und Optimierung. Da ich mal davon ausgehe, dass ich Recht habe, springen wir über diesen Punkt hinweg.

Man könnte nun auch annehmen, dass Management in etwas so etwas ist, wie Feuer machen. Eine Technologie, die die Menschheit seit Jahrtausenden beherrscht und daher nicht besonders fortschrittlich ist. Jetzt fragen sie mal den durchschnittlichen Sauerstoffverbraucher in der Krakatoaecke ihres Unternehmens, ein Feuer in Gang zu bringen, ohne sein Zippo zu nutzen. Vor diese Herausforderung gestellt, kann man sich bald auf die Schulter klopfen, den Gesundheitszustand des Unternehmens optimiert zu haben. Wir reden hier nicht mal von Baum fälle, Schiff bauen, Nähen oder einfache Werkzeuge herstellen. In der Tat ist Management eine sehr alte Technologie und im Grunde genommen folgt sie auch gleichen Regeln und Einschränkungen, wie seit der Zeit, als man sich überlegt hat, dass es besser ist, drei Leute zusammen zu bringen, um das dicke Mammut zu jagen.

Ich glaube, dass jeder Management erlernen kann. Aber wirkliche Manager – Menschen, die diesen Job beherrschen und sich nicht durch den Job beherrschen lassen – praktizieren Magie. Aus meiner Sicht ist die Quelle ihrer Magie nur unterschiedlich. Das bringt mich – sie können Aufatmen – zum Punkt meines Textes: Die unterschiedliche Herangehensweise von Magier, Sorcerern und Wizards.

Der Magier ist ein beeindruckender Wissender. Er hat sich seine Kenntnisse durch Bücher, Studium und konstante Entwicklung seiner Fähigkeiten erarbeitet. Er basiert seine Fähigkeit auf rigorose Anwendung von Buchwissen und kennt eine große Bandbreite an Modellen, Konzepten und Tools, um den Anforderungen des Alltags an seinen Job zu meistern. Er ist nicht besonders resiliient, wenn eine Situation auftaucht, die sich nicht auf Basis von historischen Daten oder akademischer Analyse einordnen lässt. In diesen Fällen könnte er sich von der Situation beherrschen lassen, als sie zu beherrschen. Solange aber alles in geordneten Bahnen läuft, wird er das Optimum für das Unternehmen erreichen – wohlgemerkt, das Optimum gemäß der Bücher. Nichts extraordinäres, keine außergewöhnlichen Risiken mit entsprechender Chance wahrnehmen. Der Magier ist das Metronom des Managements und in Branchen oder Konzernen, die Stabilität, Struktur und Quasi-Monopol bieten können, wird er brillieren.

Der Sorcerer ist ein Manager, der von seiner Abstammung profitiert. Er hat Charisma und Fähigkeiten, weil er sie mit der Muttermilch aufgesogen hat. Seine Art ein Unternehmen zu führen ist im besten Fall eine vertrauensvolle und fürsorgliche, die darauf basiert, dass seine Familie immer wusste, was gut für alle war. Im schlimmsten Fall ist es eher ein spoiled brat, der seinen Willen durchsetzt. Nicht unbedingt zum Nachteil des Unternehmens, aber eben ohne Rücksicht auf Verluste. Ein Gordon Gecko Typ eben. Er erzielt Ergebnisse – solange er sich nicht in formale Strukturen einordnen muss. Solange er Freiheiten hat, die ihm gewährt werden und er sein Handeln nicht begründen muss, kann er performen. Das Problem des Sorcerers ist, dass er in der Regel nicht strukturiert arbeiten kann – und schon gar nicht im Team. Er abhängig von seinem Talent und davon, dass es ihm durch alle Höhen und Tiefen führt. Failure is no option – it is his downfall. Er ist nichts anders und er kann in der Regel nichts anderes – schon gar nicht lernen.

Dann wäre da noch der Wizard. Der Wizard  ist quasi ein natural born manager. Das ist jemand, der sich nicht auf seinen Stallgeruch verlassen kann. Er hat Talent – und die wirklich guten haben auch noch Ausdauer und Geduld. Matthias Sutter schreibt in der Brand Eins, dass Geduld schlägt Talent immer. Für einen Wizard kann Geduld eine Herausforderung sein – denn er hat kein erzogenes Verständnis für die Unzulänglichkeiten von anderen. Er kann dann harsch und patriarchalisch – oder matriarchalisch – wirken. Ein Wizard mit einer passenden Erziehung und dem  richtigen Training kann alle anderen schlagen. Er beherrscht dann Linie und Projekt – Prozess und ad hoc Entscheidungen in einer VUCA-Welt. Wizards sind rar – und doch sind sie der Schlüssel zu einer ständig akzelerierenden Welt.

Wir werden auch gewöhnliche Sterbliche in der Riege der Wirtschaftskapitäne finden – die hier genannten sind aber Lotsen. Hochspezialisiert und trotzdem eher Glaskanonen, denn sie sind angreifbar. Nicht jeder versteht ihr wirken und nicht jeder hat die Cojones, sie ihr Ding machen zu lassen.  Zu viele von ihnen in einer Organisation sind auch nicht perfekt. Perfekt sind sie als Philosophenkönige – Entscheider, die das Schiff dann steuern, wenn die Kapitäne etwas braucht, was man nicht lernen kann. Was man Erfahren muss.