Archiv der Kategorie: Denken

JAM | Wie Wolken schmecken

Das wird dann mal so ein richtig schmalziger Blockpost. Ich will nur ein Warnung voran stellen – es wird um Gefühle gehen und darum, wie sie der Untergang und die Wiederbelebung sind. Es wird so richtig Rosamunde Pilcher meets Terry Pratchett.

Ich habe mir in den vergangenen Monaten das Leben ja recht schwer gemacht im Hinblick auf mein Kokain. Eine Fülle an Gründen war sicher, dass ich in ihr meine letzte Chance gesehen habe, etwas in der Welt zu hinterlassen und dass sie living proof gewesen wäre, dass ich noch nicht zum alten Eisen gehöre. Wir hatten Chemie – so dachte ich zumindest und auch das ein Grund: Ich war zu blind zu sehen, dass wir keine Chemie sondern nur meinen Wunsch nach mehr hatten.

Eine Twitterin, die sich einer ähnlichen Herausforderung gegenüber sieht – in Sehnsucht, in Verlangen, in Begehren, in Sucht zu verbrennen – hat mir viel geholfen darüber nachzudenken, dass es nicht so einzigartig ist, was mir da passiert. Es ist sogar recht gewöhnlich – für 13-18jährige. Was ich aber auch gelernt habe: Wir sind alle 16, wenn es um Gefühle geht. Das lernt man nämlich nicht, das erlebt man wieder und wieder und es ist immer das neue Alte.

Jedenfalls habe ich irgendwie damit meinen Frieden gemacht, dass ich dieser Geschichte ewig nachhängen werde. Ich habe eine gute Freundin – auch eine Seelenverwandte – die mir mal empfohlen hat, dass man manchmal einen Glaubenssprung machen muss. Einfach mal sagen, was man will und dass man liebt. Das habe ich drei Mal gemacht. Einmal bei einer Studienkollegin, bei der das Schicksal und meine Überheblichkeit über Gefühle erhaben zu sein uns im Weg gestanden ist. Dazu später mehr. Dann bei meiner Frau – und ich bin bis heute glücklich, dass das mein Leben bestimmt hat. Das dritte Mal war mein Kokain. Man kann sich vorstellen, dass ich das so kurz nach dem Event als emotionale Apokalypse betrachte. Vier Jahre in einem Menschen investieren, nur um dann gesagt zu bekommen, dass sie alles allein geschafft hat, ihr nie jemand geholfen hat und wir immer nur Kollegen waren. Naja, spilled milk under the bridge.

Kommen wir auf den Menschen aus dem ersten Fall zurück. Wir haben zusammen studiert. Damals. Wir haben uns in einem Blockseminar kennen gelernt, in dem wir fünf Teilnehmer waren. Drei Mädls, zwei Jungs und einer war ein TaiChi-Wunderling, der keine Konkurrenz war. Da ich noch nie wirklich auf blond stand – obgleich sie einen tollen Arsch hatte – war ich von IHR fasziniert – und das hat sich auch nie geändert. Kennen Sie das, wenn ein Mensch ein Lachen hat, dass so ansteckend ist, dass man eigentlich nichts mehr zu trinken braucht, um im Delirium zu sein. Naja, es war jedenfalls ein langes tasten. Ich habe sie immer als way out of my league betrachtet. Ich war happy nur in ihrer Nähe zu sein. Ich habe mir eingeredet, dass ich sie ohnehin nur ins Bett will. Fakt ist, dass sie mir für Sex immer zu Schade war. Ihr Körper war ein Tempel. Ich habe gebetet und ich wollte sie immer anbeten. Wie Shakespear sagte: Let lips do what hands do – they pray. Wenn ich damals gesehen hätte, was sie zu geben bereit war und den Mut gehabt hätte, zu meinem Begehren zu stehen – die Welt wäre eine andere. Ich gehe davon aus, dass ein Zeitreisender die Umstände so gestaltet hat, dass es nicht dazu kam – unser Kind wäre sicher ein neuer HItler gewesen und so haben wir der Welt Tyrannei und Verderben erspart. Auf Kosten unseres Leidens.

Wie dem auch sei – wer hört, wie Schmetterlinge lachen, der weiß, wie Wolken schmecken. Ich hatte meinen Schmetterling und ich schmecke noch heute die Wolken über Berlin. Was wir hatten war ein ewiger Moment. Ich wollte nie zum Augenblicke sagen, verweile doch, du bist so schön. Ich wollte mehr und intensivere Momente mit Dir. Ich wollte das, was wir hatten festhalten. Wir waren Studienkollegen zuerst. Wir hatten wenig gemeinsam und eigentlich haben wir das heute noch – mit Ausnahme, dass wir unsere Gesellschaft genossen haben. Wenn ich etwas über Quantentheorie lese, dann denke ich immer, dass man die Verschränkung von Quanten sehr einfach beobachten kann: Wir. Keiner kann es erklären, aber beobachten geht. Wir sind Pegasus – und Du warst mein Flügel. Wie alle Menschen teilen wir den Boden, den wir berühren, aber nur wir spüren, wo der andere steht.

Es ist kein Methadon – es ist etwas ganz einfaches. Es ist Freundschaft. Tiefe und innige Freundschaft. Was wir hatten und auch haben ist das Verständnis, dass der andere Mensch etwas ist, dass wesentlich für das Selbst ist. Als Geschichte, als Wesen und als Zukunft. Es ist auf eine ganz eigene Art Liebe. Es ist das Wasser in einem Meer von Orangensaft.

Denkamt | In spe

Da kommt man ja ab und an zu einer Redewendung, die man auch selbst nutzt, und fragt sich: Was zum Henker soll das bedeuten und warum zum Geier soll das so sein? Henker ist ein gutes Stichwort, denn es geht um „Die Hoffnung stirbt zuletzt.“ Also quasi, wenn alle anderen Dinge schon der Geier geholt hat, der ja bekanntlich neben vielen anderen Dingen auch immer weiß, wo die Hoffnung nun gerade stirbt, dann kann er sich noch an diesem Emotionalkadaver laben. Wenigstens ein Leben gerettet – den Geier – und einen Job gesichert – den des Henkers.

Hoffnung ist so eine Sache. A G´schicht wie der Wiener sagen würde. Wenn sie schon zuletzt stirbt, was ist dann vorher gestorben? Gibt es da eine fixe Reihenfolge – als erstes geht das Selbstwertgefühl über die Wupper und dann die Fähigkeit zum rationalen Denken. Der Rest reiht sich brav ein und wirft das Handtuch gemäß Sterbetabelle? Könnte ja auch sein, dass das eher so ein chaotisches Gedränge ist, bei dem alles gern so schnell wie möglich das Theater verlassen möchte, um ja nicht mehr da zu sein, wenn die Hoffnung die letzte Arie schmettert, um dann den sterbenden Schwan zu geben. Kann ja nicht vorbei sein, bevor die dicke Dame ihren letzten Seufzer geschmachtet hat. Da will man als Emotion gern schon im Auto auf dem Weg nach Hause sein, um dem Gedränge im Parkhaus zu entgehen.

Hoffnung ist eben so eine Sache. Ich denke ja, es ist mehr als eine Emotion. Hoffnung ist in der emotionalen Hackordnung irgendwie der Zeus. Hoffnung steckt sich überall rein, wenn es sein muss auch in verkleideter Form als Schwan oder Stier. Hoffnung thront über den Dingen. Hoffnung muss sich nicht legitimieren. Hoffnung verspricht das Blaue vom Himmel, damit sie zum Zug kommt. Dabei ist sie nicht sonderlich subtil oder höflich – nein, sie platzt einfach rein und bleibt mal bis zum Abendessen. Oder bis sie stirbt. Leider ist das Biest, wie Zeus, eher so ausdauernd.

Die Sache ist auch, dass die Hoffnung ein Parasit ist. Wir füttern den Geist und den Körper und die Hoffnung labt sich an den Gaben und sichert ihre Existenz auf Kosten der anderen. Nix Symbiose – nein, rein parasitäres Verhalten. Je nach Veranlagung leidet der Geist mehr oder der Körper. Je nachdem wird es eher zur Tragödie oder zur Komödie. Sie wissen schon – für die, die denken und für die, die fühlen. Der Parasit stirbt dann quasi erst, wenn der Wirt Futter für die Würmer ist. Man könnte also annehmen, dass die Hoffnung in der Tat als letztes stirbt. Ooooder…

….oder man betrachtet die Hoffnung einfach nur als Motor unserer Emotionen. Auf was hoffen wir denn in der Regel? Auf einen Job, auf Geld, auf Gesundheit, auf Liebe – im weitesten Sinne also auf Anerkennung unseres Seins. Anerkennung ist quasi Ausdruck von – ja, das meine ich ernst – Liebe. Liebe ist ja nicht nur „Die moag I schnackseln.“ Liebe ist Ausdruck von Wertschätzung. In all ihren Facetten ist Liebe meiner tiefsten inneren Überzeugung nach die Kernidee des Menschseins. Das Gegenteil von Liebe ist dann eben auch nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit. Im Hass ist auch Anerkennung des anderen. Da bleibt auch noch Hoffnung. Aber in der Gleichgültigkeit liegt die Negierung des Anderen. Es ist egal, ob jemand ist oder nicht. Insofern denke ich, dass die Hoffnung nicht als letztes stirbt. Ich denke, die Liebe und damit die Anerkennung als Mensch stirbt zuletzt. Mindestens zu Liebe zu sich selbst. Insofern mag die dicke Dame wie eine Galeone durch die brennende Kulisse pflügen und den Untergang des Abendlandes herbeischmettern, wenn sie von der Bühne gegangen ist und das Theater leer ist, dann erst geht der Dirigent.

Denkamt | Schleifsteine

Twitter ist ja so ein Umfeld, da findet man alles: Von der Ursuppe geistiger Bausteine bis zur komplexen alternativen Intelligenz – und eben auch Buzzwordbulimie in all seien Facetten.

Ich lebe ja zugegebenermaßen in einer Filterblase. Mein Feed reicht von interessanten über unterhaltsame bis zu motivierenden Leuten. Ok, zugegeben, ich folge auch ein paar Accounts, die finde ich einfach nur attraktiv und schaue mir gern ihre Photos an. Deal with it.

Manchmal wächst so eine Account. Der war zuerst unterhaltsam, dann interessant, dann inspirierend und am Ende ist es ein Baustein. Das ist an sich schon genug – aber ab und an freue ich mich auch über ein Bild…wenn sie wissen, was ich meine.

Ein Account ist gerade in der Entwicklung und er lieferte mir ein Baustein. Der Baustein kam recht trivial daher.

 

Der Satz war mir am Wochenende mehrere Stunden wert. Da wäre „ein Verstand“ schon allein ein Aufsatz wert. Ich mag „ein“ nicht. „Der Verstand“ ist meiner bescheidenen Meinung nach viel passender. Das lässt nämlich offen, ob es so etwas wie „ein Verstand“ gibt oder ob Verstand nicht ein soziales Konstrukt ist. In der Tat folge ich derzeit eher diesem Ansatz . Der Verstand ist ein Metonym für die Herstellung eines Konsens über einen Sachverhalt. Für mich verstehe ich die Sachen immer – ich kann in mir sehr wohl übereinkommen, dass der Himmel gelb ist – solange ich gelb als das visuelle Phänomen von Licht der Wellenlänge 430nm verstehe. Verstehen wird mich halt kaum jemand, der an einem kollektiven Verständnis teilnimmt. Daher also schonmal „Der Verstand“ als das Konglomerat der gemeinsamen Propositionen als Grundlage eines Bezugs auf die Welt. F**k, das klingt wie ein Satz, den G. Fasel hätte schreiben können…

„braucht Bücher“ – über braucht gibt es nicht viel zu sagen. Das ist eine Meinung. Da sind wir mal kulant. Bücher aber, Bücher sind ja mal dicke Briefe an Freunde. Per se braucht der Verstand keine Bücher – er braucht Kontext. Ein Netzwerk. Er braucht – Menschen. Besser noch, er braucht andere denkende Entitäten. Ich schreibe das so weit, da ich ein Verfechter alternativer Intelligenzen bin und diese nicht ausgrenzen mag. Auch alternative Intelligenzen müssen sich auf eine gemeinsame Umwelt beziehen, sonst wird es schwierig sie in einen gemeinsamen Verstand zu integrieren. Dass sie daneben eventuell noch ihren eigenen Kosmos haben – geschenkt. Aber wenn wir sie wollen, dann nur über Kooperation und Kollaboration. Folge ich also meinem Ansatz, dass es nur den Verstand gibt und nicht einen Verstand – im Gegensatz zu „einem anderen Verstand“ – dann braucht es keine Bücher. Dann braucht es Input-Output. Es braucht, um ein systemisch-evolutionäres System zu sein, Erregung, Vernetzung und Bewertung. Es braucht also nicht nur Ego, sondern auch Alter. Bücher sind ein Medium – keine Essenz.

„wie ein Schwert“ halte ich ja auch eher für ungeschickt genutzt. Der Verstand ist – oder sollte – sein wie ein Skalpell, nicht wie ein Schwert. Ein Schwert trennt den gordischen Knoten – nicht besonders klug, aber teleologisch betrachtet zweckmäßig. Ein Skalpell schafft Komplexität, wo Kompliziertheit war. Es entfernt unnötiges, störendes und schädliches. Es schafft Essenz. Ich bin mir schon im Klaren darüber, dass man hin und wieder auch mit einem Breitschwert ganz gut voran kommt – wie ein General mit einem 400er Edding seinen Plan auf die Karte bringt und der Stab dann die Feinheiten ausarbeitet. Aber man darf nicht übersehen, dass um die große Linie zu zeichnen man sehr klug analysiert haben muss. Der 400er Edding ist Ausdruck von Klugheit, denn er reduziert das zu kommunizierende auf eine abstrakte Ebene – das macht ihn nicht zum Schwert, sondern zu einer sehr scharfen Klinge.

„den Schleifstein“ – ich habe jetzt mal nichts auszusetzen. Ich mag nur das Bild des konstanten Schleifens nicht. Ein Verstand muss genutzt werden, um scharf zu bleiben – aber schleifen an sich zum Selbstzweck ist einfach nur sinnfreier Verbrauch des Materials. Sicher kann ich in meinem Elfenbeinturm konstant am Verstand arbeiten und dabei meine Lebenszeit verbrauchen – nur welchen Beitrag liefert das? Eher keinen – also braucht der Verstand Interaktion – nicht schleifen.

Mein Satz würde also eher lauten:

„Der Verstand braucht Interaktion wie ein Skalpell konstanten Gebrauch.“

Das klingt bei weitem nicht so schön und ist auch nicht so eingängig. Sind ja auch nur meine zwei Cent. Danke für das schöne Wochenende – sie waren mir ein toller Schleifstein, um meine Gedanken zu wetzen.

 

Denkamt | Sorcerer vs. Wizard vs. Mage

Arthur C. Clarke konstatiert in einem seiner Gesetze, dass jede ausreichend fortschrittliche Technologie für die nicht Eingeweihten von Magie nicht zu unterscheiden ist. Betrachtet man die Technologie „Management“, unabhängig ob im wirtschaftlichen, politischen oder militärischen Kontext, dann glaubt jeder, er versteht es, kann es besser und es erscheint alle so simpel. Jeder kleine Leutnant kann das Korps besser führen, wenn man ihn nur lassen würde.

Jetzt könnte man annehmen, dass Management keine Technologie ist – ich denke, dass Management eine Technologie ist. Man kann sie lernen – im Gegensatz zum Unternehmertum. Management ist eine angelernte Fähigkeit zur Leitung und Optimierung. Da ich mal davon ausgehe, dass ich Recht habe, springen wir über diesen Punkt hinweg.

Man könnte nun auch annehmen, dass Management in etwas so etwas ist, wie Feuer machen. Eine Technologie, die die Menschheit seit Jahrtausenden beherrscht und daher nicht besonders fortschrittlich ist. Jetzt fragen sie mal den durchschnittlichen Sauerstoffverbraucher in der Krakatoaecke ihres Unternehmens, ein Feuer in Gang zu bringen, ohne sein Zippo zu nutzen. Vor diese Herausforderung gestellt, kann man sich bald auf die Schulter klopfen, den Gesundheitszustand des Unternehmens optimiert zu haben. Wir reden hier nicht mal von Baum fälle, Schiff bauen, Nähen oder einfache Werkzeuge herstellen. In der Tat ist Management eine sehr alte Technologie und im Grunde genommen folgt sie auch gleichen Regeln und Einschränkungen, wie seit der Zeit, als man sich überlegt hat, dass es besser ist, drei Leute zusammen zu bringen, um das dicke Mammut zu jagen.

Ich glaube, dass jeder Management erlernen kann. Aber wirkliche Manager – Menschen, die diesen Job beherrschen und sich nicht durch den Job beherrschen lassen – praktizieren Magie. Aus meiner Sicht ist die Quelle ihrer Magie nur unterschiedlich. Das bringt mich – sie können Aufatmen – zum Punkt meines Textes: Die unterschiedliche Herangehensweise von Magier, Sorcerern und Wizards.

Der Magier ist ein beeindruckender Wissender. Er hat sich seine Kenntnisse durch Bücher, Studium und konstante Entwicklung seiner Fähigkeiten erarbeitet. Er basiert seine Fähigkeit auf rigorose Anwendung von Buchwissen und kennt eine große Bandbreite an Modellen, Konzepten und Tools, um den Anforderungen des Alltags an seinen Job zu meistern. Er ist nicht besonders resiliient, wenn eine Situation auftaucht, die sich nicht auf Basis von historischen Daten oder akademischer Analyse einordnen lässt. In diesen Fällen könnte er sich von der Situation beherrschen lassen, als sie zu beherrschen. Solange aber alles in geordneten Bahnen läuft, wird er das Optimum für das Unternehmen erreichen – wohlgemerkt, das Optimum gemäß der Bücher. Nichts extraordinäres, keine außergewöhnlichen Risiken mit entsprechender Chance wahrnehmen. Der Magier ist das Metronom des Managements und in Branchen oder Konzernen, die Stabilität, Struktur und Quasi-Monopol bieten können, wird er brillieren.

Der Sorcerer ist ein Manager, der von seiner Abstammung profitiert. Er hat Charisma und Fähigkeiten, weil er sie mit der Muttermilch aufgesogen hat. Seine Art ein Unternehmen zu führen ist im besten Fall eine vertrauensvolle und fürsorgliche, die darauf basiert, dass seine Familie immer wusste, was gut für alle war. Im schlimmsten Fall ist es eher ein spoiled brat, der seinen Willen durchsetzt. Nicht unbedingt zum Nachteil des Unternehmens, aber eben ohne Rücksicht auf Verluste. Ein Gordon Gecko Typ eben. Er erzielt Ergebnisse – solange er sich nicht in formale Strukturen einordnen muss. Solange er Freiheiten hat, die ihm gewährt werden und er sein Handeln nicht begründen muss, kann er performen. Das Problem des Sorcerers ist, dass er in der Regel nicht strukturiert arbeiten kann – und schon gar nicht im Team. Er abhängig von seinem Talent und davon, dass es ihm durch alle Höhen und Tiefen führt. Failure is no option – it is his downfall. Er ist nichts anders und er kann in der Regel nichts anderes – schon gar nicht lernen.

Dann wäre da noch der Wizard. Der Wizard  ist quasi ein natural born manager. Das ist jemand, der sich nicht auf seinen Stallgeruch verlassen kann. Er hat Talent – und die wirklich guten haben auch noch Ausdauer und Geduld. Matthias Sutter schreibt in der Brand Eins, dass Geduld schlägt Talent immer. Für einen Wizard kann Geduld eine Herausforderung sein – denn er hat kein erzogenes Verständnis für die Unzulänglichkeiten von anderen. Er kann dann harsch und patriarchalisch – oder matriarchalisch – wirken. Ein Wizard mit einer passenden Erziehung und dem  richtigen Training kann alle anderen schlagen. Er beherrscht dann Linie und Projekt – Prozess und ad hoc Entscheidungen in einer VUCA-Welt. Wizards sind rar – und doch sind sie der Schlüssel zu einer ständig akzelerierenden Welt.

Wir werden auch gewöhnliche Sterbliche in der Riege der Wirtschaftskapitäne finden – die hier genannten sind aber Lotsen. Hochspezialisiert und trotzdem eher Glaskanonen, denn sie sind angreifbar. Nicht jeder versteht ihr wirken und nicht jeder hat die Cojones, sie ihr Ding machen zu lassen.  Zu viele von ihnen in einer Organisation sind auch nicht perfekt. Perfekt sind sie als Philosophenkönige – Entscheider, die das Schiff dann steuern, wenn die Kapitäne etwas braucht, was man nicht lernen kann. Was man Erfahren muss.

Amtsblatt | Change Work

Ich darf mich mit einem Projekt beschäftigen, dass sich mit der Erstellung eines Leitfadens zum Thema Building Information Management zum Facility Information Management befasst. Beschäftigen sage ich deshalb, weil die Projektgruppe ein KickOff Meeting hatte und der Projektauftraggeber ein leicht flaues Gefühl hat. Zu Recht, wie ich nach den Besprechungsnotizen sagen darf.

Wenn man als Branchenverband ein solches Projekt angeht, dann sollte man einen Leitfaden erstellen, der es der Branche ermöglicht, den Mehrwert und Nutzen an das Management zu kommunizieren. So ein Leitfaden ist ja quasi das Drehbuch für einen guten Pitch – kurz und knapp, alles Wesentliche und als Ziel: Was muss passieren, damit der Kunde welchen Vorteil hat?

Genau das ist nicht passiert. Da werden sich Gedanken über das operative Doing gemacht. Da geht es darum „Was kostet es?“ und „Welche Bedenken haben wir?“ und „Was kann alles schief gehen?“. Also im Prinzip ein Sammelsurium von Bedenken. Als Nicht-Ziel wurde schomal „Was ist der Mehrwert?“ definiert. Ich sage es mal so: So nicht. Also werde ich jetzt daran gehen, ein Konzept zu basteln, dass als Grundlage zur Erstellung eines Leitfadens dient. Das wird dann wohl mehr oder weniger der Projektauftrag. Eventuell bringe ich mich noch in das Projektcontrolling ein.

Der Ansatz ist: Wenn wir das nicht machen als Branche, dann macht es ein Neueintritt – denn der Bedarf ist da. Wir müssen nur daran gehen, dem Kunden klar zu machen, warum es das nicht zum Nulltarif gibt und was sein Mehrwert ist. Das wird bei den Kunden schon schwer genug, weil er gewohnt ist, im Rahmen von Vergaben „Das machen wir einfach mit.“ zu hören…und dann nie wieder etwas davon zu sehen. Insbesondere Reportings und Strategien – da hat er in der Regel keine Leute im Unternehmen, die sich damit befassen. Also klingt das alles toll bei der Vergabe und findet am Ende nicht statt. Also sollte ein Mehrwert sein: Dashboard mit Kennzahlen auf Basis der Gebäudedaten. Zack – keine Monats-, Quartals- oder gar Wochenreports, sondern ein Blick, was meine Investition gerade macht. Spart seine Zeit und unsere. Schauen wir mal, ob man mir da folgt.

JAM | Aristokratie

Mein Adelskind geht zum Feedbackgespräch. Ich muss früher anfangen. Kinder, die man fördern will, muss man auch rechtzeitig loslassen. Im vorliegenden Fall ist das etwas schwerer als sonst, denn mein Adelskind ist … mehr. Trotzdem war es mir wichtig, sie in ein Förderprogramm zu bringen, ihr interessante Projekte mit entsprechender Facetime bei den Entscheidungsträgern zu verschaffen und die Weiterbildungen durchzubringen.

Jetzt hat sie das Assessementcenter hinter sich und heute bekommt sie das Feedback von der Konzernpersonalentwicklung. Das wird mindestens hilfreich, denn ich kann ja nur meine Sicht kund tun. Wenn das alles so kommt, wie ich das derzeit geplant habe, dann wird sie bald von meinem Bereich in einen anderen operativen Bereich wechseln. Ein Bereich, in dem sie viel bewegen kann, in dem sie lernen kann und in dem sie … wundervoll sein wird. Das ist förderlich, denn mit dem Spektrum, dass sie dann in 3 bis 4 Jahren hat, wird sie besser aufgestellt sein, als alle anderen. Dann muss ich sie nur noch zu einem akademischen Titel bringen.

Ich liebe es Menschen zu formen – aber noch mehr liebe ich es, meine Kinder zur Blüte zur bringen. Mehr noch liebe ich diesen Menschen.

Watercooler | Verschieben

Manchmal muss man ja Vorgänge priorisieren. Das ist ein schönes Wort für verschieben. Priorisieren – das klingt einfach danach, als hätte man es im Griff. Als wäre es eine rationale Entscheidung. Man ist Herr seiner Selbst, Schmied seines Glückes, captain of the boat. Der moderne Mensch – homo faber der Autopoiese. Ähnlich wie beim Scheitern mag sich kaum jemand eingestehen, dass wir oft nur Passagiere sind und das wir auch einfach mal keine Lust haben.

Ich verschiebe Dinge in schöner Regelmäßigkeit. Manchmal weil es sich einfach nicht ausgeht – aber manchmal…ok, oft auch einfach, weil es eine Arbeit ist, die ich gerade nicht erledigen mag. Ich belohne mich quasi. Ich belohne mich vorab mit einem guten Gefühl, meine Zeit etwas Schönen zu widmen. Jetzt könnte man annehmen, dass ich dafür hinterher bezahle, wenn ich die Arbeit dann doch und unter Zeitdruck und nur halbherzig mache. Das ist aber in der Regel nicht der Fall. Interessanterweise ist, wenn ich mir das offen zugestehe, dass ich einfach keine Lust habe und die Zeit genieße, eher so, dass ich meine schöne Zeit verdopple. Ich arbeite unter Zeitdruck einfach etwas konzentrierter. Also habe ich den Genuss der Fertigstellung und die Erinnerung, wie schön es war, die Arbeit nicht zu machen. Das insbesondere da ich, ich bin ja doch schon recht alt, gelernt habe, dass selbst wenn ich die Arbeit sofort erledige, ich am Ende nicht mehr Zeit habe – denn neue „wichtige Dinge“ sind immer da.

Insofern habe ich meine eigene Eisenhower Matrix und sie schließt „verschieben“ und „genießen“ mit ein. Ich lebe etwas entspannter. Ich bekomme meine Arbeit fertig. Nicht zuletzt lebe ich.

Amtsblatt | Atomspaltung

Ich suche eine Definition. Ein guter Philosoph würde jetzt erst einmal anfangen, zu beschreiben, was eine Definition ausmacht, um dann zu ergründen, was seine Definition im speziellen beinhalten muss. Ein guter Philosoph. Ein Denker würde sich erstmal überlegen: Wozu brauche ich so etwas? Ich versuche mich mal als Denker und überlege mir: Was ist der Platz des zu Definierenden im Rahmen meines Gedankengebäudes. Damit habe ich gleich zwei Fliegen mit einer Klappe erschlagen: Ich habe mich als Kohärentisit geoutet – macht ein guter Philosoph auch nicht, denn es legt mich ja gleich fest – und ich habe klar gemacht, dass ich eher teleologisch als doxastisch denken. Mir geht es nicht um Lehrbuchdefinition, sondern um eine praktische. Nicht einer Denkschule mit all ihren Dogmen folgend, sondern einfach darauf los zu überlegen.

Naja, ok. Ich habe schon gute Gründe, warum ich die Kohärenz dem Fundamentalismus vorziehe. Es liegt in der Atomspaltung. Das Problem des Fundamentalismus ist ja, dass man die Proposition auf basale Aussagen, die ihrerseits nicht weiter zergliederbar sind und zweifelsfrei bewiesen sind, zurückführt. Das Ganze ohne Zirkelschluss. Man ahnt schon – der Fundamentalismus ist das Arbeitsamt der Erkenntnistheoretiker. Es gibt so etwas wie unstrittige Aussagen – Axiome – die keiner mehr angreift oder die sich nicht weiter zergliedern lassen, in der Philosophie nicht. Es findet sich immer jemand mit einem „Ja, aber…“ Selbst „2+2=4“ ist eine Aussage, bei der irgendjemand aufsteht und „Sagt wer?“ ruft. Ganz davon zu schweigen, dass es in einem komplexen System auf irgendeine verschwurbelte Weise immer einen Zirkelschluss geben wird. Trotzdem kann ich sagen, dass ich gern Philosophie betreibe. Das kann einem kein Mensch weg nehmen.

Wie dem auch sei – Atomspalterei mag ich nicht und ich denke auch, dass eine fundamentalistische Erkenntnistheorie einer komplexen Welt nicht gerecht wird. Es reduziert Beziehungen zwischen Sachverhalten auf eine unzulässige Weise. Daraus eine Erkenntnis abzuleiten ist wie die Anekdote vom Suchenden im Licht der Straßenlaterne – dort hat er den Schlüssel zwar nicht verloren, aber dort Drüben im Dunkeln findet er ja nie was er sucht. Es liefert Antworten, die auf gut Glück richtig sein können – aber das ist kein Wissen. Damit wären wir beim Thema: Was ist Wissen? Ich denke mal nach.

JAM | Change Work

In der Regel sind Sachverhalte nicht überraschend. Sachverhalte folgen – jedenfalls in meinem perzeptiven Universum – Kausalitäten und Zufälle sind Kausalitäten, die wir noch nicht ergründet haben. Es ist durchaus möglich, dass Entwicklungen nicht so passieren, wie man sich das erhofft hat. In einer perfekten Welt könnte man alle Informationen in eine Bewertung einbinden und es würde sich eine Prognose entwickeln, die eigentlich keine Prognose, sondern eine Darstellung der Entwicklung, die sich notwendig so darstellen wird. In der Realität müssen Prognosen mit optionalen Entwicklungssträngen mit Wahrscheinlichkeiten entwickelt werden. Der Stochastik folgend können also auch Optionen realisiert werden, die einen eher geringen Wahrscheinlichkeitsweg haben.

Es gibt ab und an einen Sachverhalt, den analysiere ich nicht und den bewerte ich nicht. Den lebe ich einfach. Den erlebe ich. Dazu müssen die Menschen passen und diese Gelegenheiten sind selten. Dieser Fall tritt immer dann ein, wenn ich einen Freund brauche. Ich habe eigentlich nur vier Freunde – einer hat sich, weil ihn seine Frau betrogen hat gegen einen Baum gefahren und ist tot, einer ist seit langem aus meinem Leben raus und einer ist weit weg. Der vierte und wichtigste Freund ist meine Frau. Jetzt brauche ich einen Freund. Das ist für mich ein großes Ding. Das war ein Projekt, dass ich seit fast fünf Jahren verfolge. Mit Rückschlägen und mit so vielen emotionalen Kosten, dass ich rational schon lange aufgeben müsste. Ich kann aber nicht.

Es ist also an der Zeit, einen Schritt zurück zu nehmen und zu sehen, was sich ändern muss, damit ich wieder atmen kann. Derzeit kann ich das nicht. Derzeit kostet mich das Nachdenken und das Überspielen von emotionalem Sturm so viel Energie, dass ich kaum dazu komme, die Dinge zu tun, die ich normalerweise gut mache – Denken, Lernen und Steuern.

Aktuell muss ich also sortieren, was ich machen sollte, was ich machen kann und was ich machen will. Ich kann das Projekt nicht einfach abschließen. Ich kann in dem Projekt nicht mehr gewinnen. Ich kann das Projekt nicht auf die rationale Ebene ziehen. Ich habe nicht mal jemanden, um Ideen zu pitchen. Im Grunde genommen kann ich nur mit mir selbst ins Reine kommen. Das wird eine neue Erfahrung – und das ist ja auch, was Leben bedeutet. Selbst mit 50.

Im Prinzip werde ich also Dinge aus meinem Leben aussortieren müssen, die ich aktuell nicht brauche und mich auf Dinge konzentrieren, die ich nicht aussortieren kann. Das wird Change Work – und dazu gehört auch ein Tal der Tränen.

Watercooler | Müßiggang ist aller Anfang

Also vorab – der Text von @blume_bob auf seinem Blog ist wie ein emotionaler Tag am Meer. Ich habe kaum jemand gelesen, der mir beim Lesen dieses Gefühl von Brandung in die Synapsen pflanzt. Wenn jemand also einen kurzen Stressbreak braucht: Da hin gehen und lesen.

Ich kann mich auch nur dem Kerngedanken anschließen: Müßiggang ist nicht Faulheit. Müßiggang ist der Beginn von Innovation. Es ist auch der Weg zu Innovation. Die Arbeitsstättenverordnung fordert nicht ohne Grund, dass Büroarbeitsplätze Fenster haben sollen. Wer verpasst, ab und an inne zu halten und mal aus dem Fenster zu sehen – oder auch nur mal sich zurück zu lehnen und an die Decke zu starren, um einfach am Gedankendrifting zu betreiben – der wird kaum produktiv bleiben können. Es wird ja ohne Probleme akzeptiert, wenn der Zug der Nikotinsüchtlinge zur Raucherinsel zieht, um sich über dies und das zu unterhalten – ohne Mehrwert. Aber zwischen zwei Meetings einfach mal 5 Minuten Kopf frei machen – das ist „Schau mal, der hat nichts zu tun.“

Dieses Recht sollte man sich einfach nehmen – sicher wird nicht jeder die Möglichkeit haben, seinen Mitarbeitern einen Tag im Monat frei zu geben, um zu tun, was er will, Hauptsache er teilt die Ergebnisse mit den Kollegen und der Firma.  Ganz egal, wie produktiv das langfristig ist. Aber ihnen die Möglichkeit zu geben, zu reflektieren, einmal auf neutral zu schalten oder auf die Werkseinstellung zurück zu gehen – das sollte drin sein.

Dazu zählt auch digitaler Müßiggang. Man muss auch manchmal – um es mit den Worten von Peter Lustig zu sagen – abschalten. Darauf pfeifen erreichbar zu sein. Ich habe solche Momente – um 6 Uhr in der Früh auf einer Bank am Hohen Graben. Wenn die Stadt erwacht. Alles noch ruhig ist und man die Seele der Stadt atmen kann. Ab und an auch beim Rasenmähen – da kann mich keiner ansprechen. Hin und wieder beim Wandern – wenn nur der Wald rauscht und das so weit die Beine tragen. Gerade wenn man zu viel zu tun hat und eigentlich keine Zeit hat – oder wie mein alter Bataillonskommandeur gesagt hat: Macht langsam – wir haben es eilig und viel zu tun.

Den schönsten Müßiggang gönne ich mir aber ab und an, indem ich per google street view durch London spaziere. Das ist Urlaub und dabei kommen mir Ideen. Müßiggang. Man gönnt sich ja sonst nichts.