Archiv der Kategorie: Handeln

Amtsblatt | Change Work

Ich darf mich mit einem Projekt beschäftigen, dass sich mit der Erstellung eines Leitfadens zum Thema Building Information Management zum Facility Information Management befasst. Beschäftigen sage ich deshalb, weil die Projektgruppe ein KickOff Meeting hatte und der Projektauftraggeber ein leicht flaues Gefühl hat. Zu Recht, wie ich nach den Besprechungsnotizen sagen darf.

Wenn man als Branchenverband ein solches Projekt angeht, dann sollte man einen Leitfaden erstellen, der es der Branche ermöglicht, den Mehrwert und Nutzen an das Management zu kommunizieren. So ein Leitfaden ist ja quasi das Drehbuch für einen guten Pitch – kurz und knapp, alles Wesentliche und als Ziel: Was muss passieren, damit der Kunde welchen Vorteil hat?

Genau das ist nicht passiert. Da werden sich Gedanken über das operative Doing gemacht. Da geht es darum „Was kostet es?“ und „Welche Bedenken haben wir?“ und „Was kann alles schief gehen?“. Also im Prinzip ein Sammelsurium von Bedenken. Als Nicht-Ziel wurde schomal „Was ist der Mehrwert?“ definiert. Ich sage es mal so: So nicht. Also werde ich jetzt daran gehen, ein Konzept zu basteln, dass als Grundlage zur Erstellung eines Leitfadens dient. Das wird dann wohl mehr oder weniger der Projektauftrag. Eventuell bringe ich mich noch in das Projektcontrolling ein.

Der Ansatz ist: Wenn wir das nicht machen als Branche, dann macht es ein Neueintritt – denn der Bedarf ist da. Wir müssen nur daran gehen, dem Kunden klar zu machen, warum es das nicht zum Nulltarif gibt und was sein Mehrwert ist. Das wird bei den Kunden schon schwer genug, weil er gewohnt ist, im Rahmen von Vergaben „Das machen wir einfach mit.“ zu hören…und dann nie wieder etwas davon zu sehen. Insbesondere Reportings und Strategien – da hat er in der Regel keine Leute im Unternehmen, die sich damit befassen. Also klingt das alles toll bei der Vergabe und findet am Ende nicht statt. Also sollte ein Mehrwert sein: Dashboard mit Kennzahlen auf Basis der Gebäudedaten. Zack – keine Monats-, Quartals- oder gar Wochenreports, sondern ein Blick, was meine Investition gerade macht. Spart seine Zeit und unsere. Schauen wir mal, ob man mir da folgt.

Watercooler | Verschieben

Manchmal muss man ja Vorgänge priorisieren. Das ist ein schönes Wort für verschieben. Priorisieren – das klingt einfach danach, als hätte man es im Griff. Als wäre es eine rationale Entscheidung. Man ist Herr seiner Selbst, Schmied seines Glückes, captain of the boat. Der moderne Mensch – homo faber der Autopoiese. Ähnlich wie beim Scheitern mag sich kaum jemand eingestehen, dass wir oft nur Passagiere sind und das wir auch einfach mal keine Lust haben.

Ich verschiebe Dinge in schöner Regelmäßigkeit. Manchmal weil es sich einfach nicht ausgeht – aber manchmal…ok, oft auch einfach, weil es eine Arbeit ist, die ich gerade nicht erledigen mag. Ich belohne mich quasi. Ich belohne mich vorab mit einem guten Gefühl, meine Zeit etwas Schönen zu widmen. Jetzt könnte man annehmen, dass ich dafür hinterher bezahle, wenn ich die Arbeit dann doch und unter Zeitdruck und nur halbherzig mache. Das ist aber in der Regel nicht der Fall. Interessanterweise ist, wenn ich mir das offen zugestehe, dass ich einfach keine Lust habe und die Zeit genieße, eher so, dass ich meine schöne Zeit verdopple. Ich arbeite unter Zeitdruck einfach etwas konzentrierter. Also habe ich den Genuss der Fertigstellung und die Erinnerung, wie schön es war, die Arbeit nicht zu machen. Das insbesondere da ich, ich bin ja doch schon recht alt, gelernt habe, dass selbst wenn ich die Arbeit sofort erledige, ich am Ende nicht mehr Zeit habe – denn neue „wichtige Dinge“ sind immer da.

Insofern habe ich meine eigene Eisenhower Matrix und sie schließt „verschieben“ und „genießen“ mit ein. Ich lebe etwas entspannter. Ich bekomme meine Arbeit fertig. Nicht zuletzt lebe ich.

JAM | Change Work

In der Regel sind Sachverhalte nicht überraschend. Sachverhalte folgen – jedenfalls in meinem perzeptiven Universum – Kausalitäten und Zufälle sind Kausalitäten, die wir noch nicht ergründet haben. Es ist durchaus möglich, dass Entwicklungen nicht so passieren, wie man sich das erhofft hat. In einer perfekten Welt könnte man alle Informationen in eine Bewertung einbinden und es würde sich eine Prognose entwickeln, die eigentlich keine Prognose, sondern eine Darstellung der Entwicklung, die sich notwendig so darstellen wird. In der Realität müssen Prognosen mit optionalen Entwicklungssträngen mit Wahrscheinlichkeiten entwickelt werden. Der Stochastik folgend können also auch Optionen realisiert werden, die einen eher geringen Wahrscheinlichkeitsweg haben.

Es gibt ab und an einen Sachverhalt, den analysiere ich nicht und den bewerte ich nicht. Den lebe ich einfach. Den erlebe ich. Dazu müssen die Menschen passen und diese Gelegenheiten sind selten. Dieser Fall tritt immer dann ein, wenn ich einen Freund brauche. Ich habe eigentlich nur vier Freunde – einer hat sich, weil ihn seine Frau betrogen hat gegen einen Baum gefahren und ist tot, einer ist seit langem aus meinem Leben raus und einer ist weit weg. Der vierte und wichtigste Freund ist meine Frau. Jetzt brauche ich einen Freund. Das ist für mich ein großes Ding. Das war ein Projekt, dass ich seit fast fünf Jahren verfolge. Mit Rückschlägen und mit so vielen emotionalen Kosten, dass ich rational schon lange aufgeben müsste. Ich kann aber nicht.

Es ist also an der Zeit, einen Schritt zurück zu nehmen und zu sehen, was sich ändern muss, damit ich wieder atmen kann. Derzeit kann ich das nicht. Derzeit kostet mich das Nachdenken und das Überspielen von emotionalem Sturm so viel Energie, dass ich kaum dazu komme, die Dinge zu tun, die ich normalerweise gut mache – Denken, Lernen und Steuern.

Aktuell muss ich also sortieren, was ich machen sollte, was ich machen kann und was ich machen will. Ich kann das Projekt nicht einfach abschließen. Ich kann in dem Projekt nicht mehr gewinnen. Ich kann das Projekt nicht auf die rationale Ebene ziehen. Ich habe nicht mal jemanden, um Ideen zu pitchen. Im Grunde genommen kann ich nur mit mir selbst ins Reine kommen. Das wird eine neue Erfahrung – und das ist ja auch, was Leben bedeutet. Selbst mit 50.

Im Prinzip werde ich also Dinge aus meinem Leben aussortieren müssen, die ich aktuell nicht brauche und mich auf Dinge konzentrieren, die ich nicht aussortieren kann. Das wird Change Work – und dazu gehört auch ein Tal der Tränen.

Amtsblatt | Invasive Transformation

Die Bildungspunks rufen und das hört man, auch wenn man kein Lehrer ist. Wobei ich ja den Begriff Pädagoge mehr schätze und das sollte man im wahrsten Sinne des Wortes auch als Führungskraft sein. Jemand, der den Nachwuchs leitet, führt, zieht, schiebt und … hin und wieder nudged. Nudging – mein Lieblingswerkzeug bei der Entwicklung meiner Adelskinder. Aber ich schweife ab.

Die Bildungspunks interessieren sich diesen Monat für das Thema Change Management im Bereich der Digitalisierung…und wie bekomme ich die das Urgestein einer Firma, die Gordon Gekkos auf der Brücke und die vielen Räder im Getriebe der modernen Zeiten ins Boot.

Aktuell reden die Flaggoffiziere über die Notwendigkeit der Digitalisierung, die Offiziere sind zu sehr damit beschäftigt den Dampfer am Laufen zu halten, die Bootsmänner haben „das noch nie gebraucht in ihren 20 Jahren der Seefahrt“ und die Matrosen sind hier für die Heuer und den Besuch im nächsten Hafen. Ich betrachte mich ja in diesem Bild als den Adjutant des Admirals. Gesegnet mit recht vielen Freiheiten und dem Wissen, dass ich diese Freiheit nutzen kann, weil ohnehin kaum jemand versteht, was ich mache und auch in der Regel nicht fragt, weil ich ja der Adjutant bin.

Also zurück zum Shift: Jeder Mitarbeiter weiß, dass wir ein Computer Aided Facility Management System benötigen, wenn wir weiter kommen wollen. Jeder Mitarbeiter – nein, eigentlich weiß es keiner. Keiner weiß, warum wir das brauchen und es macht eigentlich auch nur mehr Arbeit und „ich will doch nur Techniker sein und nicht meine Zeit vor dem Tablet verbringen…“. Mein Ansatz ist: Suche Dir sehr wenige Multiplikatoren und beginne beim Change ganz unten.

Die Multiplikatoren in meinem Fall war eine Mitarbeiterin aus dem Vertragsmanagement, die Erfahrung in der Umsetzung von IT-Projekten im administrativen Bereich hat  Keine IT-Frau, sondern eher eine durchsetzungsstarke Persönlichkeit mit der Fähigkeit die Sprache des Management und die Sprache der Techniker zu sprechen. Das war mein Brecheisen. Das oberste Management an Bord zu bekommen war kein Problem – man verspreche Ihnen einfach Kennzahlen. Management loves Kennzahlen. Die Basis waren dann Techniker und die unterste Führungsebene – Leute am Beginn ihrer Karriere. Leute, die zwar auch im Tagesgeschäft ertrinken, aber die auch einen Zug sehen und rechtzeitig einsteigen, denn es hebt sie von den Dinosauriern ab.  Tricky ist, dass das ein long-shot ist. Das kostet auch einen breiten Rücken, denn die Basis muss lange und ausdauernd geschützt werden. Gerade gegenüber dem mittleren Management. Dazu gehört auch ein ständiges promoten von quick wins als deren Verdienst  gegenüber dem obersten Management. Das ist der Nukleus, um den sich der Change entwickelt. Spätestens wenn das Management sieht, wie die Basis – diese kleine Gruppe – Mehrwert produziert. Wie sich deren Verantwortungsbereiche steuern lassen und sich als komplexe Systeme mit Hilfe digitaler Transformation zu einem power house verwandelt, dann hat man es geschafft. Dann kann man diese „Invasiven Mitarbeiter“ in anderen Bereichen als Sandkorn setzen, auf das es Perlen werden. Das ganze gesteuert durch den Multiplikator. Das ist „Team Future“ in meiner Firma und ich freue mich darauf, das Ergebnis bis zu meinem Ruhestand zu sehen.

Marina Weisband hat etwas interessantes über Kinder getwittert:

In der Tat sind sie hier und sollen sie uns ersetzen. Das ist die Chance. Wenn wir die Kinder erreichen und ihnen den Freiraum geben, dann kommt der Change unausweichlich. Das mag länger dauern, ist aber nachhaltiger. Man kann auch brachial top down den Wandel erzwingen – aber dann machen Menschen nur was sie sollen und nicht, was sinnvoll ist. Aber gewachsenen Wandel – das ist Zukunft bauen.

Das habe ich auch mit meinen Adelskindern gemacht. Nebenbei: der Begriff Adelskinder resultiert, weil die Geschäftsführung zwei Königskinder hat und die Abteilungsleiter ihre Fürstenkinder – meine sind eben Adelskinder. Allerdings Industrieadel – die beiden arbeiten für ihre Erfolge. Bei meinen Ansprüchen mehr und intensiver als der durchschnittliche Mitarbeiter. Ich helfe ihnen, wo ich kann und sorge nur dafür, dass ihre Leistung „gesehen“ wird. Nepotismus – ja, aber sie zahlen auch mit höheren Ansprüchen, die sie erreichen müssen. Investitionen in Kinder haben das beste ROI – und Wandel ist in ihrer Natur. Alles was es braucht, ist ein wenig nudging.

Leistungsfähigkeit – absolut oder relational

Ich habe ja einen Impulsgeber. So nenne ich jemanden, der einen interessanten Gedanken hat, von dem ich mir einen kleinen Baustein herausnehme, der mich beschäftigt. Nicht, dass Sie jetzt denken, dass ich diesen Baustein auswähle. Nein, der Baustein ist wie ein Mückenstich, der nur halb so schlimm wäre, wenn man nicht dauernd daran herum kratzen würde. Aber manche Dinge kann man sich nicht ausdenken und immer noch besser, als sich mit der Obsession beschäftigten.

In diesem Fall ist es der empfehlenswerte Text von Armin Hanisch zum Thema Beruf, Erfahrung, Leistung, Mentoring. Danke schon mal vorab dafür.

Aus dem Beitrag würde ich ja ein Bild stehlen, aber da ich mich mit Urheberrecht und Lizenzen und all dem Kram nicht auskenne…ach, ich mach das einfach mal. Management und so…

Original von Armin Hanisch https://www.arminhanisch.de/images/2018/05/procurve.jpg

Es geht um die Entwicklung von von Erfahrung und Leistung. Die x-Achse ist die Zeit im Beruf. Was mich nun damit beschäftigt ist: Welche Art von Leistungsfähigkeit. In dem entsprechenden Gebiet, ok. Aber ist das absolute Leistungsfähigkeit – also bedeutet die x-Achse auch einfach Lebensalter und die Leistungsfähigkeit würde sich auch so erschöpfen. Alternativ wäre auch eine Lesart denkbar, nach der Leistungsfähigkeit in Relation zu gemachten Erfahrungen stehen würde.

Erstere Lesart würde ich – ad hoc – eher nicht unterschreiben. Das würde bedeuten, dass Menschen ihre Leistungsfähigkeit gleich entfalten und diese sich auch gleich entwickelt. Zumindest in ihrem fachlichen Gebiet.

Zweitere Lesart ist spannend. Da würde ich die Kurve nicht unterschreiben. Im Zusammenhang mit meiner bescheidenen Auffassung von Wissen und einen rationalen und leistungsbereiten Menschen vorausgesetzt, würde die Kurve meiner Meinung nach eher so verlaufen:

Die grüne Linie wäre in dem Fall ein Komplexitätssprung im Fachgebiet. Zum Beispiel, wenn man von der Position Controller in die Position CFO wechselt. Man kann noch von den Erfahrungen zehren, muss aber recht schnell neues Wissen hinzu erwerben, um on top zu bleiben. Solche Sprünge kann und wird es mehrere geben. Nach meiner Lesart wäre die Leistungsfähigkeit immer, was ich aus dem Wissen und den Erfahrungen mache. Nicht, was mein Körper hergibt – sondern wie ich Dinge verwehrte. Je mehr ich weiß und je mehr Erfahrungen ich mache, umso mehr steigt meine Leistungsfähigkeit – und ersetzt auch ab und an fehlendes Wissen durch educated guesses und exploratives Lernen…und das lebenslang. Mehr Wissen und Erfahrung verschiebt das Gewicht von guess zu educated. Mir fällt es dann auch leichter nach einem Komplexitätssprung aufzuholen, weil ich dann schon aufbauen kann auf den Erfahrungen und das Wissen, dass ich besitze und meine Fähigkeit zu lernen. Im heutigen Berufsleben kann ich auch im Herbst meiner beruflichen Laufbahn noch einmal ein junger Sprinter sein –  wenn ich vom CFO zum Tischler in der Toskana oder zum Fischer in Friesland werde. Aber ich weiß, wie ich lerne – und das ist das wahre Gold einer erfolgreichen beruflichen Laufbahn.

Was nun den Bedarf an Mentoren angeht – ich denke, dass man einen Mentor in jedem Abschnitt seiner fachlichen Laufbahn brauchen kann. Ebenso, dass man durchaus in jedem Stadium – wenn man das Wesen dazu hat – auch Mentor sein kann. Beides kann sogar gleichzeitig sein – ich werde als CFO von meinem Vorgänger betreut und betreue gleichzeitig das up and coming Finanztalent in der Firma. So lernen wir dann als Phyle – also Gemeinschaft und dann…ja, dann generieren wir wirklich Wissen.

 

Amtsblatt | Persönliches Wachsen

Ich bin ja seit meinem neuesten Denkansatz ein herber Verfechter der Ansicht, dass man Wissen als soziales Konstrukt sehen muss. Das betrifft sowohl den epistemischen Aspekt, den Aspekt Wissensgenerierung und auch Wissenstransfer. Aber ich schweife ab – was ich sagen möchte, ich erkenne gerade ein paar Dinge – ich generiere also Wissen über mich – durch einen ausgesprochen gewinnbringenden Austausch. Cicero hat einmal angemerkt, dass Bücher dicke Briefe an Freunde sind – ich betrachte diese Blogposts hier ja als therapeutische Maßnahme für mich selbst und als kleines Campfire für Leute, die sich daran erwärmen können und etwas zu den Geschichten beitragen wollen.

@DerLinkshaender hat mit seinem weiteren Text zum Thema Scheitern einen neuen Denkimpuls gesetzt, der mir etwas bewusst gemacht hat: Ich bin schon massiv gescheitert und habe das immer kaschiert, obgleich es dazu angetan war, mich nachhaltig wachsen zu lassen. Weder mir, noch meiner Umwelt habe ich eingestanden: Ich bin gescheitert – und das war gut so.

Ich war in der Schule ein sehr mittelmäßiger Schüler. Unteres Mittelmaß um genau zu sein. Das war nicht per se die Schuld meiner Lehrer – ich war einfach faul und es gab auch keine Bonifikation gut zu sein. Ganz im Gegenteil – die coolen Typen waren die, die eher auf die Schule gepfiffen haben. Die haben dann die Mädls bekommen. Das war damals die einzig relevante Messgröße. In der 11. Klasse dann hat es eben nicht mehr gereicht. Ich durfte die Klasse wiederholen – und keiner außer mir trägt dafür die Verantwortung. Meine „Kumpels“ waren alle clever genug, eben das „drauf pfeifen“ nur so weit zu treiben, dass sie trotzdem noch einigermaßen dastanden. Also nächstes Jahr – neue Klasse, neues Curriculum und neue Lehrer. Tapetenwechsel. Mit der gleichen coolen Masche in die neue Klasse. Wird schon werden.

Jetzt war ich nicht dumm und mir Schulwissen anzueignen fiel mir immer schon leicht. Ich wusste eben nur nie „Wozu?“. Dann geriet ich an den richtigen Lehrer – Herr Dulinski. Leistungskurs Geschichte. Ich kann mit Fug und Recht sagen – er hatte es nicht leicht, aber hat es immer leicht aussehen lassen. Er war das Idealbild eines Lehrers. In diesem kleinen und verschworenen Rahmen „Leistungskurs Geschichte“ habe ich erfahren, dass Wissen Wertschätzung bring. Einer der wenigen Menschen, die ich heute Freund nenne, hat damals gesagt: „Erster Eindruck war halt `Typischer Dummbatz`und dann hab ich dich mit einem Buch gesehen und dachte, dass Du so dumm ja nicht sein kannst.“ Das war die Initialzündung. Von da ab war es ein Wissensspiel – wir waren die Stars. Im Denken, im Reden und im … naja, bei den Mädls eben. Denn man wurde von den schicken Mädls ja gesucht, um ihnen den Stoff zu erklären. Kurzfristig war das die Motivation – aber langfristig hat das Sitzenbleiben, die neue Umgebung und die neue peer group in mir einen Durst nach Wissensaggregation entfacht, der bis heute anhält. Ja, ok, damals war Wissen halt der Weg zu den Mädls und heute ist Wissen Macht und daher in keinem Fall ein hehrer Grund zu lernen, aber es zeigt, wie mich Scheitern nach vorn katapultiert hat. Ich wäre heute ein mittelmäßiger Mensch mit einem langweiligen Job in meiner Heimatstadt.

Trotzdem – und das ist der springende Punkt, den @DerLinkshaender aufzeigt: Ich habe das immer verheimlicht. Vor der Masse meiner Familie bis heute. Vor Freunden und Kollegen. Dabei konnte mir nichts besseres Passieren als früh zu scheitern – sonst hätte ich den Makel, mich mit dem Mittelmaß zufrieden zu geben, nicht abstreifen können.

Warum mich der Text vom @DerLinkshaender auch lächeln hat lassen ist, dass mein damals bester Freund den gleichen Wandel vom gesetzten Biologen zum IT-Fachmann durchgemacht hat. Er wird von seiner Familie bis heute dafür als Gescheitert angesehen.

Die Essenz des hier gesagten: Own that shit! Dinge, die anders ausgehen als geplant gehören dazu. Menschen, die sich anders entwickeln sind mir lieber, als Menschen die sich nicht entwickeln. Schlimmer als dafür gescholten zu werden, IT-Fachmann anstatt Biologe zu werden, sind doch Leute, die sich – nur um nicht als gescheitert zu gelten – in einem Entwicklungspfad wiederzufinden, der gar nicht mehr ihrer ist.

Dies ist dann mein kleiner Brief an mich – ich habe meinen Frieden damit gemacht, weil mich mein Lernen an den Ort gebracht hat, an dem ich heute bin. Fuck what everybody else thinks!