Archiv der Kategorie: Denkbereich

JAM | Change Work

In der Regel sind Sachverhalte nicht überraschend. Sachverhalte folgen – jedenfalls in meinem perzeptiven Universum – Kausalitäten und Zufälle sind Kausalitäten, die wir noch nicht ergründet haben. Es ist durchaus möglich, dass Entwicklungen nicht so passieren, wie man sich das erhofft hat. In einer perfekten Welt könnte man alle Informationen in eine Bewertung einbinden und es würde sich eine Prognose entwickeln, die eigentlich keine Prognose, sondern eine Darstellung der Entwicklung, die sich notwendig so darstellen wird. In der Realität müssen Prognosen mit optionalen Entwicklungssträngen mit Wahrscheinlichkeiten entwickelt werden. Der Stochastik folgend können also auch Optionen realisiert werden, die einen eher geringen Wahrscheinlichkeitsweg haben.

Es gibt ab und an einen Sachverhalt, den analysiere ich nicht und den bewerte ich nicht. Den lebe ich einfach. Den erlebe ich. Dazu müssen die Menschen passen und diese Gelegenheiten sind selten. Dieser Fall tritt immer dann ein, wenn ich einen Freund brauche. Ich habe eigentlich nur vier Freunde – einer hat sich, weil ihn seine Frau betrogen hat gegen einen Baum gefahren und ist tot, einer ist seit langem aus meinem Leben raus und einer ist weit weg. Der vierte und wichtigste Freund ist meine Frau. Jetzt brauche ich einen Freund. Das ist für mich ein großes Ding. Das war ein Projekt, dass ich seit fast fünf Jahren verfolge. Mit Rückschlägen und mit so vielen emotionalen Kosten, dass ich rational schon lange aufgeben müsste. Ich kann aber nicht.

Es ist also an der Zeit, einen Schritt zurück zu nehmen und zu sehen, was sich ändern muss, damit ich wieder atmen kann. Derzeit kann ich das nicht. Derzeit kostet mich das Nachdenken und das Überspielen von emotionalem Sturm so viel Energie, dass ich kaum dazu komme, die Dinge zu tun, die ich normalerweise gut mache – Denken, Lernen und Steuern.

Aktuell muss ich also sortieren, was ich machen sollte, was ich machen kann und was ich machen will. Ich kann das Projekt nicht einfach abschließen. Ich kann in dem Projekt nicht mehr gewinnen. Ich kann das Projekt nicht auf die rationale Ebene ziehen. Ich habe nicht mal jemanden, um Ideen zu pitchen. Im Grunde genommen kann ich nur mit mir selbst ins Reine kommen. Das wird eine neue Erfahrung – und das ist ja auch, was Leben bedeutet. Selbst mit 50.

Im Prinzip werde ich also Dinge aus meinem Leben aussortieren müssen, die ich aktuell nicht brauche und mich auf Dinge konzentrieren, die ich nicht aussortieren kann. Das wird Change Work – und dazu gehört auch ein Tal der Tränen.

JAM | Gedankentetris

Ich habe ja das sagenhafte Glück, dass ich meiner Passion in der Firma nachgehen darf: Ich bin ein Informationsjunkie und darf hier eine Datenkrake sein. Das hat schon so seine Vorteile. Es hat aber auch Nachteile.

Der wesentliche Vorteil ist, ich kann und darf und manchmal soll ich auch bei allen Dingen mitreden. Das kommt mir entgegen, denn „an idle mind is the devils playground“. Das haben meine Chefs schnell mitbekommen und versorgen mich mit meinem Treibstoff: Informationen und Tätigkeiten. Wenn ich da nicht ausgelastet bin, dann suche ich mir Beschäftigung und das geht meist für andere nicht gut aus. Da fallen die Bausteine sehr rational und wenn es funktioniert – was es bis dato immer getan hat – dann verschwinden die Reihen und ein wohliges Gefühl der Zufriedenheit stellt sich ein. Auch wenn sie mal schneller fallen – es gibt immer eine Lösung. Aktuell darf ich vier Jobs machen und das ist so unsagbar erfüllen, ich kann gar nicht sagen, was schöner ist.

Doch. Es gibt etwas, das schöner ist. Das ist der Nachteil. Solange alles sach- und fachbezogen gehandhabt wird, könnte ich auch noch einen fünften Job machen. Wenn es aber nicht mehr rational zu erfassen ist – wenn man eine Obsession hat – dann wird es schwierig. Ich habe ja in der Regel kein Problem Menschen wie Bausteine zu behandeln und wenn sie nicht funktionieren, werden sie so lange gedreht, bis sie verschwinden. Nur bei meinen Kindern – den Adelskindern – ist das anders. Speziell bei ihr. da ist nichts rational. Da sieht das Spiel derzeit so aus

Da verschwindet nichts – auf der rechten Seite könnte ich schon alles locker weg haben, aber ich kämpfe auf der linken Seite. Verzweifelt. Sie wissen schon – die Hoffnung stirbt zuletzt, dass der richtige Stein kommt. Aber es gibt keinen richtigen Stein. Es gibt nur die Steine die kommen.

Hinzu kommt, dass wir hier mit der Situation „Scorched Earth“ arbeiten. Beide Seiten verbrennen alles unter ihrer Kontrolle. Sie kann aber besser „Ablegen und vergessen“ als ich – auch, weil mir sehr viel an ihr liegt.

Daher also kann ich derzeit nicht auf der rationalen Seite voran kommen. Dafür gehen aktuell zu viele Ressourcen dafür drauf, das Bild einer ruhigen See zu zeigen, wenn innerlich der Sturm wütet. Restart des Spiels ist ausgeschlossen. Das geht nu auf der rechten Seite. Die linke Seite ist wie sie ist – und ich bin etwas betrübt darüber, dass ich nicht davon lassen kann.

ich frage mich, ob das mit richtigen Kindern genauso ist – und wenn ja, bin ich froh, dass ich keine habe.

Watercooler | Müßiggang ist aller Anfang

Also vorab – der Text von @blume_bob auf seinem Blog ist wie ein emotionaler Tag am Meer. Ich habe kaum jemand gelesen, der mir beim Lesen dieses Gefühl von Brandung in die Synapsen pflanzt. Wenn jemand also einen kurzen Stressbreak braucht: Da hin gehen und lesen.

Ich kann mich auch nur dem Kerngedanken anschließen: Müßiggang ist nicht Faulheit. Müßiggang ist der Beginn von Innovation. Es ist auch der Weg zu Innovation. Die Arbeitsstättenverordnung fordert nicht ohne Grund, dass Büroarbeitsplätze Fenster haben sollen. Wer verpasst, ab und an inne zu halten und mal aus dem Fenster zu sehen – oder auch nur mal sich zurück zu lehnen und an die Decke zu starren, um einfach am Gedankendrifting zu betreiben – der wird kaum produktiv bleiben können. Es wird ja ohne Probleme akzeptiert, wenn der Zug der Nikotinsüchtlinge zur Raucherinsel zieht, um sich über dies und das zu unterhalten – ohne Mehrwert. Aber zwischen zwei Meetings einfach mal 5 Minuten Kopf frei machen – das ist „Schau mal, der hat nichts zu tun.“

Dieses Recht sollte man sich einfach nehmen – sicher wird nicht jeder die Möglichkeit haben, seinen Mitarbeitern einen Tag im Monat frei zu geben, um zu tun, was er will, Hauptsache er teilt die Ergebnisse mit den Kollegen und der Firma.  Ganz egal, wie produktiv das langfristig ist. Aber ihnen die Möglichkeit zu geben, zu reflektieren, einmal auf neutral zu schalten oder auf die Werkseinstellung zurück zu gehen – das sollte drin sein.

Dazu zählt auch digitaler Müßiggang. Man muss auch manchmal – um es mit den Worten von Peter Lustig zu sagen – abschalten. Darauf pfeifen erreichbar zu sein. Ich habe solche Momente – um 6 Uhr in der Früh auf einer Bank am Hohen Graben. Wenn die Stadt erwacht. Alles noch ruhig ist und man die Seele der Stadt atmen kann. Ab und an auch beim Rasenmähen – da kann mich keiner ansprechen. Hin und wieder beim Wandern – wenn nur der Wald rauscht und das so weit die Beine tragen. Gerade wenn man zu viel zu tun hat und eigentlich keine Zeit hat – oder wie mein alter Bataillonskommandeur gesagt hat: Macht langsam – wir haben es eilig und viel zu tun.

Den schönsten Müßiggang gönne ich mir aber ab und an, indem ich per google street view durch London spaziere. Das ist Urlaub und dabei kommen mir Ideen. Müßiggang. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Amtsblatt | Invasive Transformation

Die Bildungspunks rufen und das hört man, auch wenn man kein Lehrer ist. Wobei ich ja den Begriff Pädagoge mehr schätze und das sollte man im wahrsten Sinne des Wortes auch als Führungskraft sein. Jemand, der den Nachwuchs leitet, führt, zieht, schiebt und … hin und wieder nudged. Nudging – mein Lieblingswerkzeug bei der Entwicklung meiner Adelskinder. Aber ich schweife ab.

Die Bildungspunks interessieren sich diesen Monat für das Thema Change Management im Bereich der Digitalisierung…und wie bekomme ich die das Urgestein einer Firma, die Gordon Gekkos auf der Brücke und die vielen Räder im Getriebe der modernen Zeiten ins Boot.

Aktuell reden die Flaggoffiziere über die Notwendigkeit der Digitalisierung, die Offiziere sind zu sehr damit beschäftigt den Dampfer am Laufen zu halten, die Bootsmänner haben „das noch nie gebraucht in ihren 20 Jahren der Seefahrt“ und die Matrosen sind hier für die Heuer und den Besuch im nächsten Hafen. Ich betrachte mich ja in diesem Bild als den Adjutant des Admirals. Gesegnet mit recht vielen Freiheiten und dem Wissen, dass ich diese Freiheit nutzen kann, weil ohnehin kaum jemand versteht, was ich mache und auch in der Regel nicht fragt, weil ich ja der Adjutant bin.

Also zurück zum Shift: Jeder Mitarbeiter weiß, dass wir ein Computer Aided Facility Management System benötigen, wenn wir weiter kommen wollen. Jeder Mitarbeiter – nein, eigentlich weiß es keiner. Keiner weiß, warum wir das brauchen und es macht eigentlich auch nur mehr Arbeit und „ich will doch nur Techniker sein und nicht meine Zeit vor dem Tablet verbringen…“. Mein Ansatz ist: Suche Dir sehr wenige Multiplikatoren und beginne beim Change ganz unten.

Die Multiplikatoren in meinem Fall war eine Mitarbeiterin aus dem Vertragsmanagement, die Erfahrung in der Umsetzung von IT-Projekten im administrativen Bereich hat  Keine IT-Frau, sondern eher eine durchsetzungsstarke Persönlichkeit mit der Fähigkeit die Sprache des Management und die Sprache der Techniker zu sprechen. Das war mein Brecheisen. Das oberste Management an Bord zu bekommen war kein Problem – man verspreche Ihnen einfach Kennzahlen. Management loves Kennzahlen. Die Basis waren dann Techniker und die unterste Führungsebene – Leute am Beginn ihrer Karriere. Leute, die zwar auch im Tagesgeschäft ertrinken, aber die auch einen Zug sehen und rechtzeitig einsteigen, denn es hebt sie von den Dinosauriern ab.  Tricky ist, dass das ein long-shot ist. Das kostet auch einen breiten Rücken, denn die Basis muss lange und ausdauernd geschützt werden. Gerade gegenüber dem mittleren Management. Dazu gehört auch ein ständiges promoten von quick wins als deren Verdienst  gegenüber dem obersten Management. Das ist der Nukleus, um den sich der Change entwickelt. Spätestens wenn das Management sieht, wie die Basis – diese kleine Gruppe – Mehrwert produziert. Wie sich deren Verantwortungsbereiche steuern lassen und sich als komplexe Systeme mit Hilfe digitaler Transformation zu einem power house verwandelt, dann hat man es geschafft. Dann kann man diese „Invasiven Mitarbeiter“ in anderen Bereichen als Sandkorn setzen, auf das es Perlen werden. Das ganze gesteuert durch den Multiplikator. Das ist „Team Future“ in meiner Firma und ich freue mich darauf, das Ergebnis bis zu meinem Ruhestand zu sehen.

Marina Weisband hat etwas interessantes über Kinder getwittert:

In der Tat sind sie hier und sollen sie uns ersetzen. Das ist die Chance. Wenn wir die Kinder erreichen und ihnen den Freiraum geben, dann kommt der Change unausweichlich. Das mag länger dauern, ist aber nachhaltiger. Man kann auch brachial top down den Wandel erzwingen – aber dann machen Menschen nur was sie sollen und nicht, was sinnvoll ist. Aber gewachsenen Wandel – das ist Zukunft bauen.

Das habe ich auch mit meinen Adelskindern gemacht. Nebenbei: der Begriff Adelskinder resultiert, weil die Geschäftsführung zwei Königskinder hat und die Abteilungsleiter ihre Fürstenkinder – meine sind eben Adelskinder. Allerdings Industrieadel – die beiden arbeiten für ihre Erfolge. Bei meinen Ansprüchen mehr und intensiver als der durchschnittliche Mitarbeiter. Ich helfe ihnen, wo ich kann und sorge nur dafür, dass ihre Leistung „gesehen“ wird. Nepotismus – ja, aber sie zahlen auch mit höheren Ansprüchen, die sie erreichen müssen. Investitionen in Kinder haben das beste ROI – und Wandel ist in ihrer Natur. Alles was es braucht, ist ein wenig nudging.

Amtsblatt | Warum Zwangsbeschulung?

Durch meinen neuen Kommunikationskreis auf Twitter darf ich ja ab und an – ok, eigentlich dauernd – neue Perspektiven auf Dinge erfahren, die mir ohne diese tollen Menschen nicht so präsent wären.

Der Blog Bildungsdesign hat in einem Post die Rede eines Schulleiters aus Anlass der Verleihung der Hochschulreife wiedergegeben und das hat mich – nicht zuletzt, weil ich mich ja gerade intensiv mit Wissen beschäftigen darf – zum Nachdenken über „Zwangsbeschulung“ gebracht.

In der Rede gibt es einen Punkt, der mich in der Tat angestachelt hat:

„Es gibt in unserer Gesellschaft drei Gebäudetypen, die sich erschreckend ähnlich sehen: Schulen, Kasernen und Gefängnisse. Alle drei Gebäudetypen stammen aus der Neuzeit und dienen demselben Zweck: Menschen tauglich zu machen für eine Gesellschaft, die sich immer mehr ökonomischen Zwängen unterwirft.“

Vorab: In Deutschland gibt es keine Wehrpflicht, aber eine Schulpflicht. In Deutschland gibt es eine sehr liberale Strafjustiz – bei der Schulpflicht gibt es da eher weniger Spielraum. Aber zum Kern der Sache – es gibt nur in einer Hinsicht einen Zwang und dieser hat genau den gleichen Grund, wie die Straffreiheit für Körperverletzung, wenn sie durch einen Chirurgen im Rahmen einer Notoperation vorgenommen wird: Man will das Beste für jemanden, der aktuell darüber nur bedingt entscheiden kann.

Wenn wir davon ausgehen, dass Kindern gern lernen – und lernen wollen – dann erübrigt sich auch schon das Wort Zwang. Es handelt sich dabei eher um einen Schutzschirm. Wer hier gezwungen wird, sind nicht die Lernenden, sondern die Eltern. Die Schulpflicht gründet sich darauf, dass es ein übergeordnetes Interesse gibt, Kindern einen Start zu ermöglichen, den Eltern unter Umständen nicht sehen. Hier schützt der Staat die Option ein mündiger Staatsbürger zu werden gegenüber den Partikularinteressen „Alles, was mein Kind braucht, lernt es auf der Baustelle.“ Das ist kein Zwang – das ist Fürsorge. Dass unser Schulsystem nicht perfekt ist, dass es nur bedingt für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts geeignet ist und dass man immer mehr machen könnte – ja, das sei zugestanden. Aber mir ist die Schulpflicht lieber, als dass Chantal und Kevin aus Marzahn ihre Kindheit in „Freiheit“ verbringen und dann das Werkzeug, ihr Leben selbst zu entwickeln, fehlt.

Zurück zur Kasernenanalogie: Wer heute militärische Ausbildung sieht, der wird sich von einem Kasernenhofdrill weit entfernt finden. Ja, es gibt eine Grundausbildung – stehen, rennen, grüßen, melden. Alles formal. Das ist, als würde man das Alphabet lernen – da gibt es kein Projektlernen. Da gibt es bessere und schlechtere Ausbilder. Da gibt es Sinnvermittler und es gibt Frontalunterrichter. Aber weiterführende Ausbildungen – da kann man sich gar nicht leisten, auf Zwang zu setzen, denn das Wissen, was heute notwendig ist, um eine komplexe Materie zu verstehen, vermittelt man nicht über Zwang – sondern über Verständnis der Absicht. Zum Gefängnisgleichnis kann ich nur sagen: Grenzen ziehen beide – bei einem möchte man nur die Gesellschaft vor den Bewohnern schützen und bei dem anderen den Bewohnern ein wenig einen geschützten Raum bieten – zum lernen, leben, lachen und wachsen.

Insofern stimme ich nicht damit überein, dass wir uns von der „Zwangsbeschulung“ lösen sollten. Wir sollten sie nur so gestalten, dass nach den Grundlagen das Lernen im Vordergrund steht und nicht das erreichen imaginärer Werte.

Denkamt | Digitalfeudalismus

Also @DerLinkshaender entpuppt sich ja mehr und mehr als der Impulsgeber für Beiträge – wenn ich ihm nicht schon folgen würde, ich würde es glatt tun. Sein letzter Streich war ein geteilter Beitrag über Machtvorstellung und Vormachtstellung im digitalen Kontext. Da mich das Thema Macht durchaus auch schon akademisch beschäft hat, fühle ich mich bemüssigt, meine 2 Cent – das waren mal 4 Pfennig – dazu zu geben.

Es kommt ja selten vor, aber ich würde den Grundtenor des Beitrags von @blume_bob unterschreiben. Ja, werte Leser, das steht da wirklich. Ich stimme jemandem zu, der nicht nur wiederholt, was ich gesagt habe. In dem Fall sage ich das mal, weil der Autor unmöglich meine verkorksten Seminararbeiten aus dem Studium gelesen haben dürfte – selbst den Dozenten stand ja damals der Schweiß auf der Stirn, dass ich mal „Macht“ in einem wesentlichen Ausmaß bekommen könnte und haben die Arbeiten sicher verschwinden lassen.

Kommen wir zur Sache – was Bob Blume beschreibt zeichnet einen klaren Grundriss, wie Politik gemacht wird. Dabei ist es per se unerheblich ob das Schulhofpolitik ist oder die ganz große Politik im Kreistag Wanne-Eickel. Es geht darum, seine eigene Sendekraft zu erhöhen und das schafft man über … Anhänger. Das Medium skaliert dabei  den Effekt enorm. Es entwertet aber auch die Nachricht – es geht nur noch um das Folgen. Coolness by association.  Daher braucht man die Nachricht auch nicht mehr prüfen. Wenn es der Mann an der Spitze sagt, dann schaut man noch verstohlen zum Nebenmann – oder zur Nebenfrau – und wenn der skandiert, dann kann man eigentlich gar nicht anders. Letztens las ich von einem Lehrer, der mit seinen Schülern über den Echo-Eklat sprach. Alle fanden die … ok, nennen wir sie mal Künstler, cool. Der Inhalt war völlig egal – denn andere fanden die ja auch cool. Nachdem man über den Inhalt sprach, war die Gefolgschaft schnell dahin. Da war dann eher Ekel und Abscheu. Im Gegenzug darf man auch nicht unterschätzen, wie vergänglich diese Macht ist – denn wer nicht mehr sendet, der wird vergessen. Ferner kann die Gruppe auch insgesamt einfach übernommen werden. Viele Schafe treibt man leichter in eine Richtung als einen Wolf.

Die Macht besteht darin, die Rahmenbedingungen zu setzen, so dass jeder aus eigenem Antrieb folgt. Es passiert ja nichts schlimmes. Erinnert sich noch jemand an das Verhör Captain Picards durch die Cardassianer – er sollte nur zugeben, dass da fünf Lichter sind, anstatt der tatsächlich vorhanden vier. Oder an Orwells „Freedom is the freedom to say that two plus two makes four. If that is granted, all else follows“. Macht ist, die Menschen zu desensibilisieren in marginalen Dingen, um den Effekt dann zu skalieren. Ich bin mir nicht sicher, ob die Digitalfürsten wirklich Macht haben oder ob sie ein Rad im System sind – eine Art Verstärker. Fakt ist, sie haben eine Gefolgschaft und sie können Unheil damit anrichten – oder Gutes. Am Ende des Tages kommt es – wie immer bei der Macht – auf den Träger an.

Leistungsfähigkeit – absolut oder relational

Ich habe ja einen Impulsgeber. So nenne ich jemanden, der einen interessanten Gedanken hat, von dem ich mir einen kleinen Baustein herausnehme, der mich beschäftigt. Nicht, dass Sie jetzt denken, dass ich diesen Baustein auswähle. Nein, der Baustein ist wie ein Mückenstich, der nur halb so schlimm wäre, wenn man nicht dauernd daran herum kratzen würde. Aber manche Dinge kann man sich nicht ausdenken und immer noch besser, als sich mit der Obsession beschäftigten.

In diesem Fall ist es der empfehlenswerte Text von Armin Hanisch zum Thema Beruf, Erfahrung, Leistung, Mentoring. Danke schon mal vorab dafür.

Aus dem Beitrag würde ich ja ein Bild stehlen, aber da ich mich mit Urheberrecht und Lizenzen und all dem Kram nicht auskenne…ach, ich mach das einfach mal. Management und so…

Original von Armin Hanisch https://www.arminhanisch.de/images/2018/05/procurve.jpg

Es geht um die Entwicklung von von Erfahrung und Leistung. Die x-Achse ist die Zeit im Beruf. Was mich nun damit beschäftigt ist: Welche Art von Leistungsfähigkeit. In dem entsprechenden Gebiet, ok. Aber ist das absolute Leistungsfähigkeit – also bedeutet die x-Achse auch einfach Lebensalter und die Leistungsfähigkeit würde sich auch so erschöpfen. Alternativ wäre auch eine Lesart denkbar, nach der Leistungsfähigkeit in Relation zu gemachten Erfahrungen stehen würde.

Erstere Lesart würde ich – ad hoc – eher nicht unterschreiben. Das würde bedeuten, dass Menschen ihre Leistungsfähigkeit gleich entfalten und diese sich auch gleich entwickelt. Zumindest in ihrem fachlichen Gebiet.

Zweitere Lesart ist spannend. Da würde ich die Kurve nicht unterschreiben. Im Zusammenhang mit meiner bescheidenen Auffassung von Wissen und einen rationalen und leistungsbereiten Menschen vorausgesetzt, würde die Kurve meiner Meinung nach eher so verlaufen:

Die grüne Linie wäre in dem Fall ein Komplexitätssprung im Fachgebiet. Zum Beispiel, wenn man von der Position Controller in die Position CFO wechselt. Man kann noch von den Erfahrungen zehren, muss aber recht schnell neues Wissen hinzu erwerben, um on top zu bleiben. Solche Sprünge kann und wird es mehrere geben. Nach meiner Lesart wäre die Leistungsfähigkeit immer, was ich aus dem Wissen und den Erfahrungen mache. Nicht, was mein Körper hergibt – sondern wie ich Dinge verwehrte. Je mehr ich weiß und je mehr Erfahrungen ich mache, umso mehr steigt meine Leistungsfähigkeit – und ersetzt auch ab und an fehlendes Wissen durch educated guesses und exploratives Lernen…und das lebenslang. Mehr Wissen und Erfahrung verschiebt das Gewicht von guess zu educated. Mir fällt es dann auch leichter nach einem Komplexitätssprung aufzuholen, weil ich dann schon aufbauen kann auf den Erfahrungen und das Wissen, dass ich besitze und meine Fähigkeit zu lernen. Im heutigen Berufsleben kann ich auch im Herbst meiner beruflichen Laufbahn noch einmal ein junger Sprinter sein –  wenn ich vom CFO zum Tischler in der Toskana oder zum Fischer in Friesland werde. Aber ich weiß, wie ich lerne – und das ist das wahre Gold einer erfolgreichen beruflichen Laufbahn.

Was nun den Bedarf an Mentoren angeht – ich denke, dass man einen Mentor in jedem Abschnitt seiner fachlichen Laufbahn brauchen kann. Ebenso, dass man durchaus in jedem Stadium – wenn man das Wesen dazu hat – auch Mentor sein kann. Beides kann sogar gleichzeitig sein – ich werde als CFO von meinem Vorgänger betreut und betreue gleichzeitig das up and coming Finanztalent in der Firma. So lernen wir dann als Phyle – also Gemeinschaft und dann…ja, dann generieren wir wirklich Wissen.

 

Amtsblatt | Warum in Manager investieren?

Die Leute munkeln schon. Mir aber egal. Wenn ich mal jemanden gefunden habe, der mich zum Denken bringt – und hier sind P. und E. und H.H. und nun auch A. ganz weit vorn – dann lese ich halt, was dort in den Köpfen herumspukt.

Jemand, also der A., hat einen interessanten Tweet geteilt.

Wenn ich das lese, dann fällt mir als erstes immer ein, dass es ja einen wesentlichen Unterschied zwischen Unternehmertum und Management gibt. Wenn man sich nun die wesentliche Aufgabe eines Managers ansieht, dann erscheint es mir wenig schlüssig, warum wir dafür noch Menschen einsetzen. Es wurde ja schon mehr als einmal dargelegt, dass Management zu einem großen Anteil aus der Kombination von Glück besteht – zur richtigen Zeit auf das richtige Pferd gewettet. Ein Manager verwaltet, optimiert und setzt um. Der Unternehmer wettet auf etwas, von dem noch keiner weiß, wie es ausgeht. Der Manager optimiert nur den Wettprozess. Das Risiko liegt immer beim Unternehmer.

Wenn es also um evidence based decision making geht, dann sollten Alternative Intelligenzen doch wesentlich besser sein, aus den vorhandenen Daten ohne Bias folgerichtige Schlüsse zu ziehen. Sicher, Computer treffen dann auch Entscheidungen, die nicht gerade von Herzenswärme getrieben sind, aber sie treffen Entscheidungen, die im Kontext korrekt sind. Wie beim Go ist es am Ende nur der Gesamterfolg, der über zweckmäßig oder nicht-zweckmäßig entscheidet. Kein gut und böse – keine politische Einflussnahme. Keine „anderen Beweggründe“. In einem Manager zu investieren ist meiner Meinung nach nur eine Art Sitzredakteur zu haben – jemand, der die Schuld trägt, wenn es schief läuft. Manager geben diese Verantwortung gern Back-2-Back an Berater weiter – dann sind sie wenigstens gegenüber den Mitarbeitern fein raus.

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Go_board.jpg

Den wesentlichen Unterschied zwischen Manager und Unternehmer sieht man bei Leuten wie Elon Musk und Steve Jobs. Leute, die einfach machen, von was sie überzeugt sind. Leute, die nicht an die nächste Bilanz denken, sondern „to make a ding in the world“. Etwas zu bewegen, zu verändern und etwas besser zu machen. Das kann meiner Meinung nach eine Alternative Intelligenz in der absehbaren Zukunft nicht leisten. Denken, Träumen, Zweifeln und Betroffensein – dazu müssten wir diese ganz anders in die Lebensumwelt einbinden. Aber managen – managen kann eine Maschine besser als jeder Menschen. Insbesondere in einer Welt wachsender Komplexität und der Notwendigkeit kybernetischer Führung. Ganz zu schweigen von den persönlichen Befindlichkeiten und einer Unzahl an Bias.

Was ich sagen möchte: Es fehlt der Wille dazu, sich einzugestehen, dass Alternative Intelligenzen in diesem Bereich besser sind und diese High Power und High Salary Jobs eigentlich übergeben gehören – und wir sollten viel mehr Träumer, Denker und Künstler heranziehen in unserem Schulsystem und nicht BWL-Automaten.

Amtsblatt | Persönliches Wachsen

Ich bin ja seit meinem neuesten Denkansatz ein herber Verfechter der Ansicht, dass man Wissen als soziales Konstrukt sehen muss. Das betrifft sowohl den epistemischen Aspekt, den Aspekt Wissensgenerierung und auch Wissenstransfer. Aber ich schweife ab – was ich sagen möchte, ich erkenne gerade ein paar Dinge – ich generiere also Wissen über mich – durch einen ausgesprochen gewinnbringenden Austausch. Cicero hat einmal angemerkt, dass Bücher dicke Briefe an Freunde sind – ich betrachte diese Blogposts hier ja als therapeutische Maßnahme für mich selbst und als kleines Campfire für Leute, die sich daran erwärmen können und etwas zu den Geschichten beitragen wollen.

@DerLinkshaender hat mit seinem weiteren Text zum Thema Scheitern einen neuen Denkimpuls gesetzt, der mir etwas bewusst gemacht hat: Ich bin schon massiv gescheitert und habe das immer kaschiert, obgleich es dazu angetan war, mich nachhaltig wachsen zu lassen. Weder mir, noch meiner Umwelt habe ich eingestanden: Ich bin gescheitert – und das war gut so.

Ich war in der Schule ein sehr mittelmäßiger Schüler. Unteres Mittelmaß um genau zu sein. Das war nicht per se die Schuld meiner Lehrer – ich war einfach faul und es gab auch keine Bonifikation gut zu sein. Ganz im Gegenteil – die coolen Typen waren die, die eher auf die Schule gepfiffen haben. Die haben dann die Mädls bekommen. Das war damals die einzig relevante Messgröße. In der 11. Klasse dann hat es eben nicht mehr gereicht. Ich durfte die Klasse wiederholen – und keiner außer mir trägt dafür die Verantwortung. Meine „Kumpels“ waren alle clever genug, eben das „drauf pfeifen“ nur so weit zu treiben, dass sie trotzdem noch einigermaßen dastanden. Also nächstes Jahr – neue Klasse, neues Curriculum und neue Lehrer. Tapetenwechsel. Mit der gleichen coolen Masche in die neue Klasse. Wird schon werden.

Jetzt war ich nicht dumm und mir Schulwissen anzueignen fiel mir immer schon leicht. Ich wusste eben nur nie „Wozu?“. Dann geriet ich an den richtigen Lehrer – Herr Dulinski. Leistungskurs Geschichte. Ich kann mit Fug und Recht sagen – er hatte es nicht leicht, aber hat es immer leicht aussehen lassen. Er war das Idealbild eines Lehrers. In diesem kleinen und verschworenen Rahmen „Leistungskurs Geschichte“ habe ich erfahren, dass Wissen Wertschätzung bring. Einer der wenigen Menschen, die ich heute Freund nenne, hat damals gesagt: „Erster Eindruck war halt `Typischer Dummbatz`und dann hab ich dich mit einem Buch gesehen und dachte, dass Du so dumm ja nicht sein kannst.“ Das war die Initialzündung. Von da ab war es ein Wissensspiel – wir waren die Stars. Im Denken, im Reden und im … naja, bei den Mädls eben. Denn man wurde von den schicken Mädls ja gesucht, um ihnen den Stoff zu erklären. Kurzfristig war das die Motivation – aber langfristig hat das Sitzenbleiben, die neue Umgebung und die neue peer group in mir einen Durst nach Wissensaggregation entfacht, der bis heute anhält. Ja, ok, damals war Wissen halt der Weg zu den Mädls und heute ist Wissen Macht und daher in keinem Fall ein hehrer Grund zu lernen, aber es zeigt, wie mich Scheitern nach vorn katapultiert hat. Ich wäre heute ein mittelmäßiger Mensch mit einem langweiligen Job in meiner Heimatstadt.

Trotzdem – und das ist der springende Punkt, den @DerLinkshaender aufzeigt: Ich habe das immer verheimlicht. Vor der Masse meiner Familie bis heute. Vor Freunden und Kollegen. Dabei konnte mir nichts besseres Passieren als früh zu scheitern – sonst hätte ich den Makel, mich mit dem Mittelmaß zufrieden zu geben, nicht abstreifen können.

Warum mich der Text vom @DerLinkshaender auch lächeln hat lassen ist, dass mein damals bester Freund den gleichen Wandel vom gesetzten Biologen zum IT-Fachmann durchgemacht hat. Er wird von seiner Familie bis heute dafür als Gescheitert angesehen.

Die Essenz des hier gesagten: Own that shit! Dinge, die anders ausgehen als geplant gehören dazu. Menschen, die sich anders entwickeln sind mir lieber, als Menschen die sich nicht entwickeln. Schlimmer als dafür gescholten zu werden, IT-Fachmann anstatt Biologe zu werden, sind doch Leute, die sich – nur um nicht als gescheitert zu gelten – in einem Entwicklungspfad wiederzufinden, der gar nicht mehr ihrer ist.

Dies ist dann mein kleiner Brief an mich – ich habe meinen Frieden damit gemacht, weil mich mein Lernen an den Ort gebracht hat, an dem ich heute bin. Fuck what everybody else thinks!

Amtsblatt | Weitere Gedanken zum Scheitern

Was die @bildungspunks da losgetreten haben ist schon beachtlich. Eigentlich sollte ich meine Konzentration auf #wissen und #denkenbisderpsychaterkommt lenken – geht aber nicht, wenn gerade was anderes lockt.

@DerLinkshaender hat einen wirklich lesenswerten Artikel zum Thema „Scheitern“ verfasst und ich muss da drauf reagieren.

Scheitern als Chance ist mir das erste Mal bewusst gemacht worden durch ein Buch von Weick zum Thema Resilienz. Auch dort ging es darum, dass wenn man clever scheitert, kann man es als Chance – und im weitesten Sinne als Erfolg verbuchen.

Das nächste Mal kam es mir bei Nassim Taleb vor – scheitere oft und früh. Das hat Vorteile für den Scheiternden und für das Gesamtsystem. Wenn man nicht erfolgreiche Unternehmungen frühzeitig scheitern lassen würde – so lange sie nicht systemtragend sind – kann man den Schaden klein und den Gewinn unter Umständen hoch halten.

In jedem Fall geht es aber darum, etwas zu lernen. Das muss nicht immer zum Medizinnobelpreis führen oder die Abläufe auf einem Flugzeugträger optimieren. Was wichtig ist, ist das jeder Mensch etwas lernen kann – aus dem kleinen Scheitern, die uns jeden Tag in unserem Umfeld unterlaufen. In der Summe – als komplexes soziales System – haben wir alle einen Mehrwert davon. Wenn man jetzt noch Wissen aus der Perspektive des Konnektivismus sieht Lernen aus der Kollaboration, dann könnte man meinen, dass wenn jeder im Kleinen scheitert und daraus für die gesamte Phyle lernt – und das gelernte in einen größeren Zusammenhang bringt und gegebenenfalls noch gemeinsam die lessons learned nutzt…also ich glaube ja, dass wir dann unglaublich viel Wissen über uns, unsere soziale und ökologische Umwelt generieren könnten.

Was mir dann noch fehlt wäre die Einbindung von alternativen Intelligenzen. Von Datenbanken, von digitalen Entitäten und von Mustern, die eine andere Perspektive bieten, als wir sie gewohnt sind. Menschen tendieren – und das ist nur eine persönlich Erfahrung – dazu, ihre Lebenswelt als Maßstab wahrzunehmen. Dazu gehört Vergänglichkeit und all die kleinen Biases, die das Leben mit sich bringt. Alternative Intelligenzen denken in anderen Mustern und anderen Dimensionen. Das muss man sich zu Nutze machen. Das darf man nicht abtun als „kein Denken“. Das muss man einbinden, wenn man die anstehenden Probleme lösen möchte.

Die von @DerLinkshaender angesprochenen Checklisten wären ein guter Weg dazu. Denn Checklisten sind binär. Check or No-Check – das können selbst die Computer des 20. Jahrhunderts in ihrer von-Neumann-Struktur. Hier wäre eine gute Brücke zur Einbindung von Alternativen Intelligenzen in unsere Lebensumwelt. Babysteps aber wenigstens Steps. Es geht dabei nicht um die Auslagerung von Checks an den Computer – es geht um das Ergänzen. Der Pilot checkt „Triebwerk da“ – der Computer checkt „keine Materialermüdung“. Vom Ergebnis profitieren beide – der Pilot weiß mehr über den Zustand seiner Maschine und der Computer versteht – ein hehres Ziel – Vertrauen.

Um was es mir geht ist beim Scheitern ist – jeder erlebt es. Heute erlebt es jeder für sich, da es wichtig ist, nicht beim scheitern ertappt zu werden. Scheitern im Stillen ist aber ein verschenken des Mehrwerts von Scheitern. Werfen wir den Konex Scheitern und Schuld doch einfach auf den … Scheiterhaufen.