Archiv der Kategorie: Wissen

EDUPNX | Alles, was man können muss…

Ende der 90er Jahre bis Anfang der 0er hat eine Seuche grassiert – und ich meine nicht die Start-Up-Economy und den Aktienboom. Ich meine die Idee, die mit Dietrich Schwanitz aufgekommene Seuche einen Bildungskanon zu verfassen. Selbst ein großer Mann wie Reich-Ranicki hat sich dazu hergegeben im Spiegel ein „Alles, was man lesen muss“ zu publizieren. Das zementiert den archaischen Gedanken, dass Menschen mit dem ledergebundenen Brockhaus in der altdeutschen Eiche-Imitat Schrankwand zum Bildungsbürgertum gehören. Es sind deren Kinder, die heute verstohlen auf die AfD schauen und CDU wählen. Es war eine einfache Zeit: Was im Brockhaus – der Ausgabe von 1972 – stand, war der Fall. Die Welt zwischen 52 Buchdeckeln. Man wusste, wo es steht und mehr Bildung war nur etwas für die Professoren, die jedes Jahr die gleiche Vorlesung zu Adorno halten und sich an ihre revolutionären Tage erinnern – die in der Regel daraus bestanden, bei einem Rudi Dutschke Zitat zu nicken und dann brav in die Vorlesung zu gehen, die sie heute wiederholen.

Kleiner Zeitsprung nach vorn: Die Welt ist VUCA – nein, das ist nicht die Freundin von Chewbacca, dem Wookie. Nein, VUCA steht für

  • Volatility
  • Uncertainty
  • Complexity
  • Ambiguity

und das interessante dabei ist: Die Welt war das schon immer. Wir haben das nur nicht so wahrgenommen, da die Prozesse etwas langsamer verliefen und die Wahrnehmung nicht so weitreichend war. Etwas beängstigend dabei ist: Aktuell tritt die unsichtbare Hand noch weiter auf das Gaspedal. Wir beschleunigen. Aus dem Opel Kadett ist auch mittlerweile ein BMW X6 geworden. Wir können uns jetzt überlegen, wie wir weiterkommen, ohne eine Bauchlandung zu machen.

Gott sei Dank hat nicht nur die Fahrzeugtechnik Fortschritte gemacht. Früher konnten wir eine Karte aus Papier nutzen, um uns zu orientieren. Da gab es Hotels an den Autobahnen nach Süden, in denen man Rasten konnte und sich neu orientieren durfte. Dann genoss man die Landschaft während der Fahrt. Der Hund saß mit auf der Rückbank. Die Autos wurden schneller, stärker, größer und die Hotels weniger. Man fuhr durch bis nach Süditalien. Dank des Navigationssystems musste man auch nicht mehr große Karten auffalten und die Kinder waren Dank mobiler Geräte auch pflegeleichter.

Das klingt jetzt alles mal nicht so sehr nach Bildung und dem Thema des Monats der Bildungspunks. Ich könnte jetzt einfach zum Punkt zurückkommen. Wenn wir Bildung heute noch als starre Vermittlung von historischen Weisheiten ansehen, dann werden wir versuchen mit einem Opel Kadett auf der Infrastruktur von 2020 zu fahren. Bildung ist nicht Wissen zwischen Buchdeckeln. Bildung ist, wie ein nie versiegender Quell an Informationen so schön postet:

Ich möchte euch diesen Account auch sehr ans Herz legen – kaum jemand überfordert mich zeitlich so sehr, wie @seni_bl. In positiver Weise. Ihre Artikel stapeln sich auf meiner to-do-Liste.

Weiter im Text. Wir bilden heute – ob in der Schule, im Studium oder im Arbeitsleben – Menschen für etwas aus, von dem Niemand weiß, was es sein wird. Wir vermitteln im Prinzip nicht mehr als Lebensweisheiten. Ich spreche hier nicht von den ersten 6 Jahren der Grundlagen. Ich spreche hier davon, was wir speziell nicht tun: Wir bilden keine kreativen Köpfe aus. Keine Menschen mit Visionen. Wir vermitteln Lehrpläne und reproduzieren uns selbst. Was wir brauchen, um in einer VUCA-Welt zu leben, sind aber Menschen mit Visionen, Verständnis für Komplexität, Klarheit in der Kommunikation und…Agilität.

Jetzt ist mein Menschenbild kein besonders positives. Kaum ein Mensch in meinem Umfeld schafft es, mich über seine Funktion hinaus zu begeistern. Aber wenn es einer oder ich muss sagen eine – und ja, ich arbeite lieber mit Frauen zusammen – schafft, mich durch wachen Blick, Lernwilligkeit und gutes Potential zu begeistern, dann bin ich auch gewillt, was zu vermitteln. Was ich nicht mache, ist ein Lehrplan. Was ich nicht mache ist zusammenzuschreiben, was sie oder er lesen soll. Was ich mache ist: Ich zeige ein Problem und begleite den Lösungsprozess. Man glaubt gar nicht, was ich dabei alles lerne – und mein Padawan gleich mit. Agilität im Prozess der Entwicklung eines Menschen ist für den Lehrenden heute ungemein wichtig – denn niemand mit Verstand kann annehmen, dass er Inhaber der Lösungen ist, die kommende Probleme fordern. Viel wichtiger sind offenes Denken, sich als Lehrender nicht in den Mittelpunkt der Erkenntnis stellen. Keine Lösungen vorbeten und schon gar nicht ein Lösungsbuch verfassen.

Agiles Lernen bedeutet dabei nicht Doxographie – es bedeutet vorzuleben, dass man jetzt nicht eine Stunde Betriebswirtschaft macht, sondern sich darauf einzulassen, sich mit dem Lernenden auf eine gemeinsame Reise zu machen und Erkenntnisklippen zu entdecken – und sich zu trauen darüber zu springen. Wenn man dann eine Vision hat, Situationen analysieren und verstehen gelernt hat, komplexe Sachverhalte klar kommunizieren kann und sich eine Agilität im Denken zu Eigen gemacht hat, um nicht eindeutige Sachlagen zu meistern, dann ist man in der Lage auch neue Situationen zu meistern. Situationen, auf die der Brockhaus nicht vorbereiten kann. Situationen, für die der Brockhaus nicht mal einen Buchstaben hat. Ich habe drei Arten von Padawan:

  • Komplementäre – Darth Koks in meinem Fall. Jemand, der das kann, was ich nicht kann und wir wachsen gemeinsam.
  • Verstärker – Darth Jes in meinem Fall. Jemand, der kann, was ich kann, der aber darauf fokussiert ist, wo ich es in der Oberfläche beherrsche.
  • Symbionten – Darth Bambi in meinem Fall. Jemand, mit dem ich ein Autorennen fahre, wobei sie ein Luftkissenboot fährt und ich ein BMW. Sie wählt die Strecke. Quer durch Holland…und ich lache, wenn ich sie davonfliegen sehe….

Agilität bedeutet auch alle drei zu entwickeln. Allen drei gerecht zu werden. Anstatt einen Lehrplan – Chancengleichheit und so – gibt es für jeden eine individuelle Lösung und ein gemeinsames Telos: Menschen empowern. Ich liebe es, ein Sith Lord zu sein – und ja, ich breche auch hier mit der Tradition: Nicht nur ein Meister und ein Schüler, sondern ein Ermöglicher und drei Zukunftsträger. Das ist mein Ansatz für mein persönliches Ziel:

I want to put a ding in the universe. Your time is limited, so don’t waste it living someone else’s life. Don’t be trapped by dogma — which is living with the results of other people’s thinking.“

Das kann man nicht mit einem fixen Kanon erreichen. Das kann man nicht durch bornierte Reproduktion des eigenen Selbst erreichen. Das, was Menschen in der Zukunft brauchen lässt sich nicht prognostizieren – aber das wir Menschen ermöglichen, in der Welt als Menschen zu bestehen, das traue ich mir zu vorherzusagen. Alles andere können Maschinen besser.

Danke an die #edupnx für das Thema. Es ist immer wieder eine Wonne von euch zu lesen.

JAM | Toy Story 69 – Woody goes Buzz

In grauer Vorzeit bin ich immer mit dem  nach einem Wochenende in der alten Heimat nach Hamburg gefahren. Jetzt ist der gute Mann und mein bester Freund ja für seine Belesenheit und seine Fähigkeit das Gute im Menschen zu sehen bekannt – für Pünktlichkeit ist er es nicht. Hinzu kam – er hörte gern Musik. Keine schlechte Musik. Aber eben Musik. Laut. Im Auto. Die Frage, warum ich immer so schweige hatte zwei Antworten: Weil ich immer zwei bis drei Stunden auf Dich warten muss und ich Unpünktlichkeit hasse zum Einen. Zum Anderen – ich rede nicht gegen eine Maschine. Da kann man nur verlieren. Heute weiß ich, dass Cicero sein Redetalent entwickelte, indem ihn sein Lehrer gegen die Brandung anlesen lies – und eventuell, wenn er damals etwas mehr Nachdruck hätte walten lassen, hätte ich heute ein Pater Patriae-Titel und die Republik gerettet. Aber damals – es war so kurz nach dem Ostozän – befand ich das doof. Gegen eine Maschine kann man nur verlieren. Die hat kein Erbarmen, kein Einsehen – nein, die stellt man einfach auf 11 und bricht den Knopf ab und dann klimpert das Solo durch.

Vor einigen Tagen durfte ich von der Frau Pinkshot lesen – sie hat eine neue Maschine. Naja, ein Maschinchen. Ein Gerät. Ein Spielzeug. Quasi. Ich durfte davon lesen. Ein sehr ausgefeiltes Stück. Also der Text. Wobei – nicht nur. Die gute Frau ist es auch. Es geht um den Himmel. Nicht den von Franziskus und seinen Haberern – nein, um den säkularen Himmel. Wir sprachen ja bereits davon – es geht um den weiblichen Orgasmus. Oder besser – den Weg dahin. Da hat sich die Frau Pinkshot was schenken lassen. Einen Satisfyer. Das nächste große Ding nach Penis 1.0. Sie können sich schon denken – höher, schneller, weiter. Mit den Worten der wirklich guten Poeten:

„Work it harder
Make it better
Do it faster
Makes us stronger“

Ähnlich wie damals auf den Reisen nach Hamburg, bei denen ich mich um die Gelegenheit einer bereichernden Unterhaltung betrogen sah, war meine Reaktion instinktiv, absolut, störrisch…und falsch.

Meine erste Reaktion war: Na super. Da kann man als durchschnittlicher Mann einpacken. Da muss ich mir keine Illusion machen – allein limitiert durch die Performance der Batterien kann das Ding einfach eine Stamina an den Tag legen, mit der man sich nicht messen kann. Ich glaube selbst die selbsterklärten Duracellbetthasen müssen kapitulieren, denn der Terminator für das männliche Ego macht ja auch genau das, was Frau will und das ohne dämliche Entschuldigungen in Embryonalstellung für Nichterfüllung einfacher Wünsche im Anschluss. Also eigentlich alles was man braucht – und er hinterlässt auch keinen unerwünschten feuchten Fleck, kann mit auf Reisen ohne Zusatzkosten bei den Hotelzimmern und ist eher so der all-around Genügsame. Keine Gespräche am Morgen, keine hochgeklappte Klobrille. Zusammenfassend hat mich das in meinem Ego gekränkt. Ich gestehe auch ein, dass mich der Text von Frau Pinkshot erst einmal auf ganz andere Gedanken gebracht hat – was den Abschuss dann noch etwas schlimmer gemacht. Also den fürs Ego – nicht, was man denken sollte.

Jetzt bin ich aber der Typ, der sich mit einem kaputten Ego für nichts herumschlagen muss. Wenn schon runter ziehen, dann bitte auch noch drei- bis fünfmal darüber nachdenken. Der Gedanke daran, ob das nicht eigentlich eine ziemlich gute Chance sein kann. Das mag jetzt wie die CSU klingen, die mit ihren Stammtischparolen nicht mehr landen kann und daher einfach die AfD umarmt. Aber man möge mir zuhören – das ist meist eine gute Idee, denn es ist eine Gelegenheit etwas zu lernen. Wir wissen um die Limitierungen des durchschnittlichen Mannes. Wir haben zwar gelernt, dass das männliche Sexualorgan der Mercedes unter den Sexualorganen ist, aber seien wir ehrlich – ein Mercedes ist auch nicht mehr das, was er noch nie war. Jetzt haben die Frauen eine Ergänzung bekommen, um Dinge zu erleben, die eben nicht immer gehen. Wenn man jetzt als Mann die Größe hat sich dem zu stellen, dann ist der Satisfyer doch eine gute Gelegenheit neues zu lernen. Man könnte sich zum Beispiel des Befriedigers bedienen, um mal ihren Körper zu erkunden. Sehen, wo sie wie reagiert. Sie auf das Plateau heben, auf das man sich sonst gerade so kämpft, um dann das maskuline Gipfelkreuz zu pflanzen, ohne überhaupt zu bemerken, dass sie erst bei Basecamp 2 ist. Dann selbst einsteigen. Man – also Frau Pinkshot – versicherte mir, dass in der Tat ein Mann durchaus noch seinen Reiz hat. So eine Geschirrspülmaschine räumt das Ding dann eben doch nicht aus…

…also mein Fazit aus der Betrachtung: Das Ding ist keine Bedrohung. Es ist eine gelungene Ergänzung. Es ist auch irrig anzunehmen, dass selbst in einer erfüllenden Beziehung keiner der Partner ohne selbst Hand anzulegen auskommt. Also dafür taugt es. Es taugt aber auch, um die Möglichkeiten zu erweitern und um gemeinsam neue Dinge zu entdecken. Erst wenn sie anfängt seinen Namen beim Sex mit ihm zu rufen – dann wird es kritisch.

Damals auf der Reise nach Hamburg haben wir uns einfach geeinigt, dass wir reden und wenn ein Lied kommt, das er hören mag, dann wird eben Musik laut gemacht und wir lauschen. Dann können wir weiter reden. Ebenso sehe ich das jetzt: Manchmal für den guten Orgasmus und für die Bereicherung ist das gut. Aber einen Partner oder Liebe kann es nicht ersetzen. Genauso wenig wie einen Cumshot. So. MannesEgo wieder hergestellt.

JAM | Parallelität nicht Doppelhelix

Eines muss mal gesagt werden: Dies ist keine Challenge. Es ist ein DOOC – ein Double Open Online Course. Wenn Sie wissen wollen, wer hier der Lehrer und wer der ungezogene Zögling ist – die Frau Pinkshot69 hat angefangen. Weil ich sie aber mag, werde ich mal im Sinne eines interaktiven Lernens darauf eingehen. Ja, man kennt mich als wirklich großmütigen Menschen. Also meine Mutter zumindest. Ich weiß nicht, ob die Erwähnung meiner Mutter Freud einen feuchten Traum bescheren würde im Kontext dieses Textes, aber … weiter im Text.

Vorab mal: Polyamorie. Das ist aus meiner Sicht absolut falsch. Das geht gar nicht. Es ist Multiamorie oder Polyphilia. Der Plebs kann ja machen, was er mag, aber das hier ist ein parlieren zwischen Magistern…Magistraern…naja, pfeifen wir mal auf das Gendern.

Wie Frau Pinkshot69 so schön beginnt – es geht nicht um Moral. Moral ist immer eine Frage des Kulturkreises und der Zeit. O tempora, o mores, wie ein alter Freund der gepflegten Knabenlieben so gern rief. Nein, hier ist nicht der von mir überaus geschätzte Gregor H. Toerlesz gemeint. Hier ist es Cicero der alte Schwerenöter. Aber lesen mag ich beide gern.

So. Weiter im Text – will ja keiner ewig hier lesen. Haben ja alles was anderes zu tun. Lieben zum Beispiel. Da wären wir schon bei einem wirklich sehr wichtigen Punkt, der FrauPinkshot und mich unterscheidet. Frau Pinkshot hat die Idee, dass man Leben dupliziert. Sie hat ein wundervolles Bild von drei Häusern – eine getrennte Fassade – die durch einen Garten, unsichtbar für alle, verbunden sind. Drei mal das gleiche Leben. Ein Mann für drei Familien. Das ist quasi Zellteilung. Aus so einer Situation ist nachvollziehbar, dass auch Fragen auftauchen: Was, wenn jemand anders besser kann, was ich mit ihm habe. Was wenn der andere Mensch besser Kaffee kocht, sinnvoller küsst oder einfach Cumshots mag, auf die meine Gesichtshaut allergisch reagiert. Das – so sehe ich das mal – ist der Anfang vom Ende einer offenen Beziehung. Das wäre ein falsches Leben im Richtigen. Liebe ist aber kein sui generis Begriff. Liebe hat Facetten … und wenn ich etwas gelernt habe, dann das niemand, kein Mensch, kein Lebewesen und kein Ding alle Facetten bedienen kann.

Dazu muss man wissen, dass ich Liebe viel weniger romantisch sehe, als das gemeinhin scheinen mag. Liebe ist ein Prozess, der zum Leben gehört. Ohne Liebe wird es kaum ein gelungenes Leben geben. Liebe ist aber viel weniger Blümchen und Schmetterlinge. Es ist eine Form der Ruhe, der Ausgeglichenheit, des Vertrauens und des Gemeinsamen. Es ist viel mehr Rationalität als man denken mag. Es ist, wie schon gesagt, eine Verbindung von Gedanken, Seelen und Körpern. Wenn ich mit jemanden zusammen bin, dem ich eine Facette – oder mehrere – von Liebe gegenüber empfinde, dann ist das wie ein Zen Moment. Das kann auch Sex sein – muss es aber nicht. Das kann auch einfach nur sein beim Kaffee zu sitzen und zu plaudern ohne sich konzentrieren zu müssen. Ok, Sex ist toll, aber habt ihr schonmal geschafft, den Kopf auszuschalten. Nur durch die Ruhe, die ein anderer Mensch einem gewährt. Ok, der gemeine Sauerstoffverbraucher schaltet den Kopf in der Regel nicht an – bei mir ist das eher so „Augen auf – Denken an.“ Das geht so bis „Augen zu – Denken aus.“ Dabei brenne ich in der Regel auf 120 Prozent – diese Momente, in denen ich einfach abschalten kann, die sind selten und sie sind wichtig. Für diese Momente liebe ich meine Facettenbesitzer. Mein Eingeständnis: Das Gefühl hatte ich auch bei meinem #kokain. Das fehlt mir sehr, denn diese Facette zu besetzen wird aus meiner Sicht ein Ding der Unmöglichkeit. Wie singen Pizzera & Jaus so treffen: Wenn du enttäuscht bist, dann bist du ent-täuscht. Muss nur im Kopf ankommen.

Ich gebe FrauPinkshot recht, wenn sie schreibt, dass es sehr schwer ist, jemandem, der Polyphilia in einer multilateralen Partnerschaft lebt, zu gewinnen. Da geht es aber nicht darum, dass er jemanden fragen muss. Gefragt haben muss er schon weit vorher – beim eingehen der Partnerschaft. Ich halte es für ausgesprochen gefährlich eine Partnerschaft einzugehen und dann im Anlassfall zu fragen. Sowas ist basal und muss vorab geklärt werden. Bevor sich einer verliebt und sich mehr als bilaterale Beziehungen nicht vorstellen mag. Für jemanden, der sich darauf einlassen mag, einen Polyphilio zu gewinnen, muss klar sein, dass er eine Facette der Liebe haben will. Da geht es nicht per se um Sex. Da geht es um etwa, das man teilt. Darauf kommt es an – der Polyphilio hat eine Facette, die in seinem derzeitigen Kontext unbesetzt ist. Die ist füllbar. Nichts, was einem anderen weggenommen wird. Aber wie bei jeder anderen Form der Liebe auch – es ist ein Prozess des Verliebens. Da küssen sich Seelen – egal auf welcher Ebene. Daher ist es auch kein Fremdgehen – fremdgehen ist das dümmste, was man machen kann. Es ist ein offenes Teilen und das Eingeständnis: Ich kann nicht bester Vater, bester Ehemann, bester Freund, bester Mitbewohner, bester Lover und was nicht alles gleichzeitig sein. Wem das gelingt – Hut ab. Wie gesagt – ich glaube, das kann niemand. Für niemanden. Wenn ich also mit dem besagten Toerlesz H. Gregor eine politisch-intellektuelle Beziehung habe, die für mich schon eine Form der Liebe ist, denn die Art des Umgangs, die wir pflegen, ist für mich immer Herzklopfen pur, ein Lustgewinn an Episteme – ein inneres Fichtennadelschaumbad.

Um beim Bild von FrauPinkshot zu bleiben: Bei mir wären die Häuser eher ein Schloss, eine Bibliothek und ein Reihenhaus. Die Familien wären einmal mit Kind und einem mit Büchern. Einmal mit Bett und einmal mit Kissen-Couch-Landschaft. Das wäre keine verwobene Helix, das wären parallele Linien, die alle zu einer werden, wenn man rauszoomt – und wie eine Packung Spagetti nicht zu zerbrechen ist, wenn sie im Paket gehalten werden, aber jeder für sich, einzeln sehr fragil ist.

Wer profitiert ist hier auch eine sehr ungewöhnliche Frage. Alle. Alle, die wissen, um was es dabei geht. Ein zufriedenes Leben zu führen. Ich will meine Beziehung nicht aufgeben. Ich liebe einen Menschen als besten Freund und als beste Ehefrau. Das ist mein Hafen. Aber ein Hafen allein ist mir zu wenig. Ich brauche einen politsch-intellektuellen Segeltörn, ich brauche eine akademische Frachtroute und ich brauche auch hin und wieder eine Regatta. Allein um mir zu zeigen, dass ich noch im Wettbewerb mithalten kann. Ja, auch fürs Ego. Aber ich würde nie etwas verschweigen und ich würde niemals etwas tun, dass ich nicht klar kommunizieren kann.

Mein Fazit für diesen kleinen DOOC: Polyphilia ist ein Weg, der Komplexität einer Person gerecht zu werden und langfristig alle Aspekte – inklusive der Entwicklung einer Persönlichkeit – gerecht zu werden. Bedürfnisse wandeln sich ja und damit auch die Bedürfnissbefriediger. Es ist in der Tat schwer – eigentlich unmöglich – mehr als eine Beziehung ganzheitlich zu führen. Bei Polyphilia geht es aber darum, ein Leben in all seinen Facetten ganzheitlich zu führen. Ich habe meine kleine Blume, mein Gänseblümchen, mein Kokain – ja, auch das gehört zu meinem Leben – und ich habe Gregor und ich habe mich. Auch das gehört dazu: Sich selbst zu lieben.

So, der Trommelwirbel verhallt. Die Schwaden senken sich über dem Feld. Die FrauPinkshot69 hat es so gewollt. Auch sie ist eine Facette.

JAM | Weiß doch ´eh jeder

Ich treffe in meinem täglichen Leben immer wieder auf Menschen, die mit Begriffen um sich werfen, von denen sie nicht wissen, was sie bedeuten. Da spreche ich nicht einmal von den Fremdwörterkatapulten, die einfach falsche Wörter nutzen, sondern von Menschen, die Wörter verwenden, ohne sich Gedanken zu machen. Platons Dialog des Sokrates mit Laches über die Tapferkeit. Solange man nur darüber redet, dass jemand tapfer sei, passt auch alles. Scheinbar. Doch wenn man dann fragt, was damit gemeint sein soll, dann stellen die Menschen recht häufig fest, dass sie nicht wissen, von was sie sprechen – oder sie halten den Fragenden für dumm, denn wie kann man nur so eine Frage stellen. Ganz grundsätzlich stellt das auch kein Problem dar, denn in der Regel reden zwei Blinde über die Farbe Rot und beide meinen die Farbe sei schön. Der Zweck des Gesprächs ist damit erfüllt und man geht in der Tagesordnung weiter. Beide wissen ja, wovon sie sprechen. Einer von Signalrot und einer von Cayennerot. Macht aber nix – sind ja ohnehin Blinde. Genau so geht es auch beim Thema Wissen. In einem täglichen Gespräch muss ich mein Wissen nicht bis zu fundamentalen Bausteinen zurück verfolgen – da genügt es, wenn beide die Prämisse akzeptieren, dass der Gesprächsgegenstand wahr und begründet ist. Die Tiefe der Begründung wird erst relevant, wenn es eine Unstimmigkeit gibt und dann muss man Tiefenbohrungen anstellen – wobei bei den meisten reicht ein wenig Scharren mit dem Fuß in der Lithosphäre ihrer geistigen Geröllwüste. Bei Begriffen wie Tapferkeit, Gerechtigkeit, Wahrheit oder ob Bibi nun Gottes Geschenk an die Menschheit oder ein  Blib im Buch der Menschheit ist, wird man sich doch eher schnell einigen. Schwerer wird es dann schon bei den Dingen, die eigentlich nur jeder für sich entscheiden kann. Bei diesen Begriffen, die aber durchaus moralische und sittliche Implikationen haben, muss ich für mich entscheiden, ob ich einer Norm folge oder mein Glück suche. Trotzdem redet jeder darüber, als gebe es da nur einen Inhalt – bei einem Begriff wie Liebe.

Liebe gibt es in so vielen Schattierungen und in so vielen Wesensarten, dass es eigentlich abstrus anmuten muss, einen Begriff dafür zu haben. Ja, man könnte mit den Wittgensteinschen Familienähnlichkeiten beginnen, aber auch das erscheint meiner Meinung nach kaum zielführend. So ad hoc meine ich mal: Es gibt keine Liebe. Es gibt das, was jeder Mensch zu jedem Subjekt und Objekt in seinem perzeptiven und kognitiven Umfeld fühlt. Das wir den Begriff der Liebe brauchen hat rein kommunikationsbezogene Gründe. Ich habe zum Beispiel früher wenig davon gehalten, Menschen „Ich liebe Dich.“ zu sagen – man weiß ja nie. Am Ende war es nur Triebsteuerung. Ich möchte hier einen Menschen zitieren, der viel damit zu tun hat, dass ich heute schon bedeutend menschlicher bin, als zum Zeitpunkt, an dem er mich fand. Auf die Frage „Wenn der andere ´eh weiß, dass man ihn liebt, muss man ihm das auch noch sagen?“ antwortete er:

„Natürlich. Laut und immer wieder!“

Man beachte, dass ich entgegen meiner Ansicht, dass Ausrufezeichen etwas für Leute ohne ausdrucksstarke Formulierungsfähigkeit sind, doch eines gesetzt habe. Der Nachdruck, der aus seiner Augen drang macht das Satzzeichen so notwendig. Ich brauche also ein Wort, um zu transportieren, was eigentlich nicht zu transportieren war. Liebe. Dabei ist es auch nicht wirklich relevant, ob alles, was in mir ist, damit beim anderen ankommt: Wichtig ist, dass der andere versteht, dass das, was in mir ist – implizit – und für dass ich Äonen brauchte, um es zu erzählen, mehr ist als nur „Cool mit Dir abzuhängen.“ Alle Versuche, das in Worte zu packen, ist wie im Unterricht einen Frosch zu sezieren: Keiner möchte da sein, am wenigsten der Frosch. Am Ende habt man eine Sauerei, ist keinen Deut klüger und der Frosch ist tot.

Ich liebe verhältnismäßig wenige Menschen. Besagten Zitatgeber auf einer tiefen menschlichen Ebene. Meine Frau so ziemlich ganzheitlich. Mein Sonnenschein auf intellektueller Ebene. Meine Mutter aus Bewunderung. Mein Kokain – und das war ein langer Prozess des Eingestehens – auf einer Begehrensebene. Alles Liebe. Alles auf einer anderen Basis und ohne jemand etwas weg nehmen zu müssen. Weder liebe ich mein Auto, noch Geld noch eine Bücher. Polyamorie – eigentlich Polyphilia oder Multriamorie wenn man genau sein möchte – ist etwas, dass ich mir schon lange zuschreibe. Nicht, weil ich Fremdgehen gut sprechen möchte, ganz im Gegenteil. Fremdgehen ist bescheuert. Menschen gehen nicht, weil man andere Menschen auch liebt, sondern weil man nicht offen und ehrlich miteinander umgeht. Liebe hat viele Facetten und irgendwie auch kaum eine Konstante. Aber eine muss es geben – sonst wäre der Begriff in der Tat inhaltsleer…

 

…eventuell sollte man sich aber, wie beim Begriff des Wissens, nicht zu sehr darauf versteifen eine Begründung zu finden, sondern einfach in sich hinein hören. In der Regel hört man dann, ob es Liebe ist. Dann weiß man es auch. Liebe ist immer der, das oder die Andere – und Liebe geht nur im Netzwerk.

Amtsblatt | Atomspaltung

Ich suche eine Definition. Ein guter Philosoph würde jetzt erst einmal anfangen, zu beschreiben, was eine Definition ausmacht, um dann zu ergründen, was seine Definition im speziellen beinhalten muss. Ein guter Philosoph. Ein Denker würde sich erstmal überlegen: Wozu brauche ich so etwas? Ich versuche mich mal als Denker und überlege mir: Was ist der Platz des zu Definierenden im Rahmen meines Gedankengebäudes. Damit habe ich gleich zwei Fliegen mit einer Klappe erschlagen: Ich habe mich als Kohärentisit geoutet – macht ein guter Philosoph auch nicht, denn es legt mich ja gleich fest – und ich habe klar gemacht, dass ich eher teleologisch als doxastisch denken. Mir geht es nicht um Lehrbuchdefinition, sondern um eine praktische. Nicht einer Denkschule mit all ihren Dogmen folgend, sondern einfach darauf los zu überlegen.

Naja, ok. Ich habe schon gute Gründe, warum ich die Kohärenz dem Fundamentalismus vorziehe. Es liegt in der Atomspaltung. Das Problem des Fundamentalismus ist ja, dass man die Proposition auf basale Aussagen, die ihrerseits nicht weiter zergliederbar sind und zweifelsfrei bewiesen sind, zurückführt. Das Ganze ohne Zirkelschluss. Man ahnt schon – der Fundamentalismus ist das Arbeitsamt der Erkenntnistheoretiker. Es gibt so etwas wie unstrittige Aussagen – Axiome – die keiner mehr angreift oder die sich nicht weiter zergliedern lassen, in der Philosophie nicht. Es findet sich immer jemand mit einem „Ja, aber…“ Selbst „2+2=4“ ist eine Aussage, bei der irgendjemand aufsteht und „Sagt wer?“ ruft. Ganz davon zu schweigen, dass es in einem komplexen System auf irgendeine verschwurbelte Weise immer einen Zirkelschluss geben wird. Trotzdem kann ich sagen, dass ich gern Philosophie betreibe. Das kann einem kein Mensch weg nehmen.

Wie dem auch sei – Atomspalterei mag ich nicht und ich denke auch, dass eine fundamentalistische Erkenntnistheorie einer komplexen Welt nicht gerecht wird. Es reduziert Beziehungen zwischen Sachverhalten auf eine unzulässige Weise. Daraus eine Erkenntnis abzuleiten ist wie die Anekdote vom Suchenden im Licht der Straßenlaterne – dort hat er den Schlüssel zwar nicht verloren, aber dort Drüben im Dunkeln findet er ja nie was er sucht. Es liefert Antworten, die auf gut Glück richtig sein können – aber das ist kein Wissen. Damit wären wir beim Thema: Was ist Wissen? Ich denke mal nach.

Amtsblatt | Warum Zwangsbeschulung?

Durch meinen neuen Kommunikationskreis auf Twitter darf ich ja ab und an – ok, eigentlich dauernd – neue Perspektiven auf Dinge erfahren, die mir ohne diese tollen Menschen nicht so präsent wären.

Der Blog Bildungsdesign hat in einem Post die Rede eines Schulleiters aus Anlass der Verleihung der Hochschulreife wiedergegeben und das hat mich – nicht zuletzt, weil ich mich ja gerade intensiv mit Wissen beschäftigen darf – zum Nachdenken über „Zwangsbeschulung“ gebracht.

In der Rede gibt es einen Punkt, der mich in der Tat angestachelt hat:

„Es gibt in unserer Gesellschaft drei Gebäudetypen, die sich erschreckend ähnlich sehen: Schulen, Kasernen und Gefängnisse. Alle drei Gebäudetypen stammen aus der Neuzeit und dienen demselben Zweck: Menschen tauglich zu machen für eine Gesellschaft, die sich immer mehr ökonomischen Zwängen unterwirft.“

Vorab: In Deutschland gibt es keine Wehrpflicht, aber eine Schulpflicht. In Deutschland gibt es eine sehr liberale Strafjustiz – bei der Schulpflicht gibt es da eher weniger Spielraum. Aber zum Kern der Sache – es gibt nur in einer Hinsicht einen Zwang und dieser hat genau den gleichen Grund, wie die Straffreiheit für Körperverletzung, wenn sie durch einen Chirurgen im Rahmen einer Notoperation vorgenommen wird: Man will das Beste für jemanden, der aktuell darüber nur bedingt entscheiden kann.

Wenn wir davon ausgehen, dass Kindern gern lernen – und lernen wollen – dann erübrigt sich auch schon das Wort Zwang. Es handelt sich dabei eher um einen Schutzschirm. Wer hier gezwungen wird, sind nicht die Lernenden, sondern die Eltern. Die Schulpflicht gründet sich darauf, dass es ein übergeordnetes Interesse gibt, Kindern einen Start zu ermöglichen, den Eltern unter Umständen nicht sehen. Hier schützt der Staat die Option ein mündiger Staatsbürger zu werden gegenüber den Partikularinteressen „Alles, was mein Kind braucht, lernt es auf der Baustelle.“ Das ist kein Zwang – das ist Fürsorge. Dass unser Schulsystem nicht perfekt ist, dass es nur bedingt für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts geeignet ist und dass man immer mehr machen könnte – ja, das sei zugestanden. Aber mir ist die Schulpflicht lieber, als dass Chantal und Kevin aus Marzahn ihre Kindheit in „Freiheit“ verbringen und dann das Werkzeug, ihr Leben selbst zu entwickeln, fehlt.

Zurück zur Kasernenanalogie: Wer heute militärische Ausbildung sieht, der wird sich von einem Kasernenhofdrill weit entfernt finden. Ja, es gibt eine Grundausbildung – stehen, rennen, grüßen, melden. Alles formal. Das ist, als würde man das Alphabet lernen – da gibt es kein Projektlernen. Da gibt es bessere und schlechtere Ausbilder. Da gibt es Sinnvermittler und es gibt Frontalunterrichter. Aber weiterführende Ausbildungen – da kann man sich gar nicht leisten, auf Zwang zu setzen, denn das Wissen, was heute notwendig ist, um eine komplexe Materie zu verstehen, vermittelt man nicht über Zwang – sondern über Verständnis der Absicht. Zum Gefängnisgleichnis kann ich nur sagen: Grenzen ziehen beide – bei einem möchte man nur die Gesellschaft vor den Bewohnern schützen und bei dem anderen den Bewohnern ein wenig einen geschützten Raum bieten – zum lernen, leben, lachen und wachsen.

Insofern stimme ich nicht damit überein, dass wir uns von der „Zwangsbeschulung“ lösen sollten. Wir sollten sie nur so gestalten, dass nach den Grundlagen das Lernen im Vordergrund steht und nicht das erreichen imaginärer Werte.

Amtsblatt | Persönliches Wachsen

Ich bin ja seit meinem neuesten Denkansatz ein herber Verfechter der Ansicht, dass man Wissen als soziales Konstrukt sehen muss. Das betrifft sowohl den epistemischen Aspekt, den Aspekt Wissensgenerierung und auch Wissenstransfer. Aber ich schweife ab – was ich sagen möchte, ich erkenne gerade ein paar Dinge – ich generiere also Wissen über mich – durch einen ausgesprochen gewinnbringenden Austausch. Cicero hat einmal angemerkt, dass Bücher dicke Briefe an Freunde sind – ich betrachte diese Blogposts hier ja als therapeutische Maßnahme für mich selbst und als kleines Campfire für Leute, die sich daran erwärmen können und etwas zu den Geschichten beitragen wollen.

@DerLinkshaender hat mit seinem weiteren Text zum Thema Scheitern einen neuen Denkimpuls gesetzt, der mir etwas bewusst gemacht hat: Ich bin schon massiv gescheitert und habe das immer kaschiert, obgleich es dazu angetan war, mich nachhaltig wachsen zu lassen. Weder mir, noch meiner Umwelt habe ich eingestanden: Ich bin gescheitert – und das war gut so.

Ich war in der Schule ein sehr mittelmäßiger Schüler. Unteres Mittelmaß um genau zu sein. Das war nicht per se die Schuld meiner Lehrer – ich war einfach faul und es gab auch keine Bonifikation gut zu sein. Ganz im Gegenteil – die coolen Typen waren die, die eher auf die Schule gepfiffen haben. Die haben dann die Mädls bekommen. Das war damals die einzig relevante Messgröße. In der 11. Klasse dann hat es eben nicht mehr gereicht. Ich durfte die Klasse wiederholen – und keiner außer mir trägt dafür die Verantwortung. Meine „Kumpels“ waren alle clever genug, eben das „drauf pfeifen“ nur so weit zu treiben, dass sie trotzdem noch einigermaßen dastanden. Also nächstes Jahr – neue Klasse, neues Curriculum und neue Lehrer. Tapetenwechsel. Mit der gleichen coolen Masche in die neue Klasse. Wird schon werden.

Jetzt war ich nicht dumm und mir Schulwissen anzueignen fiel mir immer schon leicht. Ich wusste eben nur nie „Wozu?“. Dann geriet ich an den richtigen Lehrer – Herr Dulinski. Leistungskurs Geschichte. Ich kann mit Fug und Recht sagen – er hatte es nicht leicht, aber hat es immer leicht aussehen lassen. Er war das Idealbild eines Lehrers. In diesem kleinen und verschworenen Rahmen „Leistungskurs Geschichte“ habe ich erfahren, dass Wissen Wertschätzung bring. Einer der wenigen Menschen, die ich heute Freund nenne, hat damals gesagt: „Erster Eindruck war halt `Typischer Dummbatz`und dann hab ich dich mit einem Buch gesehen und dachte, dass Du so dumm ja nicht sein kannst.“ Das war die Initialzündung. Von da ab war es ein Wissensspiel – wir waren die Stars. Im Denken, im Reden und im … naja, bei den Mädls eben. Denn man wurde von den schicken Mädls ja gesucht, um ihnen den Stoff zu erklären. Kurzfristig war das die Motivation – aber langfristig hat das Sitzenbleiben, die neue Umgebung und die neue peer group in mir einen Durst nach Wissensaggregation entfacht, der bis heute anhält. Ja, ok, damals war Wissen halt der Weg zu den Mädls und heute ist Wissen Macht und daher in keinem Fall ein hehrer Grund zu lernen, aber es zeigt, wie mich Scheitern nach vorn katapultiert hat. Ich wäre heute ein mittelmäßiger Mensch mit einem langweiligen Job in meiner Heimatstadt.

Trotzdem – und das ist der springende Punkt, den @DerLinkshaender aufzeigt: Ich habe das immer verheimlicht. Vor der Masse meiner Familie bis heute. Vor Freunden und Kollegen. Dabei konnte mir nichts besseres Passieren als früh zu scheitern – sonst hätte ich den Makel, mich mit dem Mittelmaß zufrieden zu geben, nicht abstreifen können.

Warum mich der Text vom @DerLinkshaender auch lächeln hat lassen ist, dass mein damals bester Freund den gleichen Wandel vom gesetzten Biologen zum IT-Fachmann durchgemacht hat. Er wird von seiner Familie bis heute dafür als Gescheitert angesehen.

Die Essenz des hier gesagten: Own that shit! Dinge, die anders ausgehen als geplant gehören dazu. Menschen, die sich anders entwickeln sind mir lieber, als Menschen die sich nicht entwickeln. Schlimmer als dafür gescholten zu werden, IT-Fachmann anstatt Biologe zu werden, sind doch Leute, die sich – nur um nicht als gescheitert zu gelten – in einem Entwicklungspfad wiederzufinden, der gar nicht mehr ihrer ist.

Dies ist dann mein kleiner Brief an mich – ich habe meinen Frieden damit gemacht, weil mich mein Lernen an den Ort gebracht hat, an dem ich heute bin. Fuck what everybody else thinks!

Amtsblatt | Weitere Gedanken zum Scheitern

Was die @bildungspunks da losgetreten haben ist schon beachtlich. Eigentlich sollte ich meine Konzentration auf #wissen und #denkenbisderpsychaterkommt lenken – geht aber nicht, wenn gerade was anderes lockt.

@DerLinkshaender hat einen wirklich lesenswerten Artikel zum Thema „Scheitern“ verfasst und ich muss da drauf reagieren.

Scheitern als Chance ist mir das erste Mal bewusst gemacht worden durch ein Buch von Weick zum Thema Resilienz. Auch dort ging es darum, dass wenn man clever scheitert, kann man es als Chance – und im weitesten Sinne als Erfolg verbuchen.

Das nächste Mal kam es mir bei Nassim Taleb vor – scheitere oft und früh. Das hat Vorteile für den Scheiternden und für das Gesamtsystem. Wenn man nicht erfolgreiche Unternehmungen frühzeitig scheitern lassen würde – so lange sie nicht systemtragend sind – kann man den Schaden klein und den Gewinn unter Umständen hoch halten.

In jedem Fall geht es aber darum, etwas zu lernen. Das muss nicht immer zum Medizinnobelpreis führen oder die Abläufe auf einem Flugzeugträger optimieren. Was wichtig ist, ist das jeder Mensch etwas lernen kann – aus dem kleinen Scheitern, die uns jeden Tag in unserem Umfeld unterlaufen. In der Summe – als komplexes soziales System – haben wir alle einen Mehrwert davon. Wenn man jetzt noch Wissen aus der Perspektive des Konnektivismus sieht Lernen aus der Kollaboration, dann könnte man meinen, dass wenn jeder im Kleinen scheitert und daraus für die gesamte Phyle lernt – und das gelernte in einen größeren Zusammenhang bringt und gegebenenfalls noch gemeinsam die lessons learned nutzt…also ich glaube ja, dass wir dann unglaublich viel Wissen über uns, unsere soziale und ökologische Umwelt generieren könnten.

Was mir dann noch fehlt wäre die Einbindung von alternativen Intelligenzen. Von Datenbanken, von digitalen Entitäten und von Mustern, die eine andere Perspektive bieten, als wir sie gewohnt sind. Menschen tendieren – und das ist nur eine persönlich Erfahrung – dazu, ihre Lebenswelt als Maßstab wahrzunehmen. Dazu gehört Vergänglichkeit und all die kleinen Biases, die das Leben mit sich bringt. Alternative Intelligenzen denken in anderen Mustern und anderen Dimensionen. Das muss man sich zu Nutze machen. Das darf man nicht abtun als „kein Denken“. Das muss man einbinden, wenn man die anstehenden Probleme lösen möchte.

Die von @DerLinkshaender angesprochenen Checklisten wären ein guter Weg dazu. Denn Checklisten sind binär. Check or No-Check – das können selbst die Computer des 20. Jahrhunderts in ihrer von-Neumann-Struktur. Hier wäre eine gute Brücke zur Einbindung von Alternativen Intelligenzen in unsere Lebensumwelt. Babysteps aber wenigstens Steps. Es geht dabei nicht um die Auslagerung von Checks an den Computer – es geht um das Ergänzen. Der Pilot checkt „Triebwerk da“ – der Computer checkt „keine Materialermüdung“. Vom Ergebnis profitieren beide – der Pilot weiß mehr über den Zustand seiner Maschine und der Computer versteht – ein hehres Ziel – Vertrauen.

Um was es mir geht ist beim Scheitern ist – jeder erlebt es. Heute erlebt es jeder für sich, da es wichtig ist, nicht beim scheitern ertappt zu werden. Scheitern im Stillen ist aber ein verschenken des Mehrwerts von Scheitern. Werfen wir den Konex Scheitern und Schuld doch einfach auf den … Scheiterhaufen.

Aus dem Studium: Schreiben III

Einer der wichtigsten Philosophen des 20. Jahrhunderts sagte zum Thema Satzzeichen mal:

“Multiple exclamation marks,‘ he went on, shaking his head, ‚are a sure sign of a diseased mind.”

― Terry Pratchett, Eric

Man kann daraus lernen, dass die Anzahl der Satzzeichen sich nicht nach Nominativ, Komparativ und Superlativ kategorisieren lassen. Nur verwirrte Köpfe glauben, dass man mittels mehrerer Satzzeichen die Aussagekraft oder auch den Nachdruck in seinen Sätzen steigert. Ich finde ja, dass es höchst selten tatsächlich eines signum exclamationis bedarf. Man kann Sätzen viel einfacher – ok, nicht einfacher, aber schöner – Aussagekraft verleihen. Nehmen wir zum Beispiel:

„Er ging gern angeln.“

Das ist an sich ein klarer Satz mit einer klaren Aussage. Man kann sich kaum widersetzen, den Inhalt zu verstehen. Im richtigen Kontext absolut ok. Versuchen wir es mal mit einer Steigerung:

„Er verspürte ständig den unbändigen Drang, angeln zu gehen.“

So wird schon etwas deutlicher, dass er nicht nur gern angeln geht, sondern dass er das Angeln als Bedürfnis, bei Maslow scheinbar recht weit unten, in sich trug. Man kann das nun noch etwas bildlicher beschreiben:

„Der Drang zum Angeln loderte wie die Feuer der Hölle in ihm.“

Das ist nun schon eine Qualität, welche die Umwelt des Protagonisten etwas unruhig werden lassen kann. Nicht nur, weil Angeln an sich eine recht unspannende Angelegenheit ist, sondern weil man mit so einem Drang auch gern Hindernisse aus dem Weg zu räumen bereit ist. Hindernisse wie Familie zum Beispiel. Aber es geht noch eins besser und hier lassen wir einen Meister zu Wort kommen:

„He piled upon the whale’s white hump the sum of all the general rage and hate felt by his whole race from Adam down; and then, as if his chest had been a mortar, he burst his hot heart’s shell upon it.“

Herman Melville

Der Mann wusste, wie man seinen unbändigen Drang, einen Fisch nach Hause zu bringen, Ausdruck verleiht. Das alles funktioniert ohne multiple Satzzeichen. Mal ehrlich, ist die Steigerung nicht auch viel offensichtlicher als „Er ging gern angeln!!!“. Das einzige Bild, was sich dabei bei mir im Kopf entwickelt ist ein älterer Herr mit wirrem Haar und Badehose, der mit einer Rouladennadel versucht Forellen aufzuspießen.

Was ich mit all dem zu sagen beabsichtigte ist, dass Sprache genug Möglichkeiten bietet, um Steigerung zum Audruck zu bringen. Dazu sei auch auf einen Großmeister der Sprache hingewiesen – im Club der toten Dichter:

“So avoid using the word ‘very’ because it’s lazy. A man is not very tired, he is exhausted. Don’t use very sad, use morose. Language was invented for one reason, boys – to woo women – and, in that endeavor, laziness will not do. It also won’t do in your essays.”

Aus dem Studium: Schreiben II

Nachdem meine Frau ihre kreative Phase bis zur Erschöpfung ausufern hat lassen, fühle ich mich bemüssigt, gleich den zweiten Teil zu verfassen.

Kreativität geht in der Regel – wie Frau Jottpunkt schon bemerkte – nicht auf Knopfdruck. Es geht aber auch nicht, indem man sich einfach aufs Klo stellt – wobei Dusche ganz gut geht, aber man hat selten was zu schreiben dabei und so verpuffen die Ideen wie die Entwicklungshilfe in Dritteweltdiktaturen.

Nachdem wir uns aber schon mit den grundsätzlichen Quellen für kreatives Schreiben beschäftigt haben, geht es nun um die Umsetzung. Dazu ist es erstmal wichtig, die Inspiration zu ordnen. Da einen so ein Impuls schonmal an den ungewöhnlichsten Orten übermannenmenschen kann, sollte man sich überlegen, wie man sowas notiert, organisiert und abrufbar macht. Ich für mein Teil merke mir das – wenn man das etwas Old-School machen will, nimmt man ein Notizbuch. Ist man Frau Jottpunkt, dann hat man OneNote auf jedem erdenklichen Gerät. Aus solchen Ideen spinne ich dann im Kopf schonmal ein Grundgerüst. Steht das Konzept im Kopf soweit, kann man anfangen zu tippen. Früher – also in den 90ern – hat man dafür bei der Truppe den Spruch „Denken – Drücken – Sprechen“ gehabt. Das bezog sich auf Funken und hatte den wesentlichen Inhalt „Erstmal nachdenken, was man sagen will, dann kurz fassen, dann Sprechfunktaste drücken – dann reden“. Da hat sich nix geändert. Ausser, dass man anstatt der Sprechfunktaste eben die Computertasten drückt und statt reden schreiben passieren sollte.

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Quelle: http://pbs.twimg.com/media/BYc4B2xIMAA-OOa.png:large

Der Leser hat ja nun auch nicht alle Zeit der Welt und will gern gefesselt werden. Der Kunde ist quasi König und daher will gelernt sein, wie man ihn so erzieht, dass er dran bleibt. Das gelingt eher nicht mit „Hör ma…“ sondern eher mit einem guten Einstiegssatz. Was einen guten Einstiegssatz ausmacht, hängt nun wieder davon ab, wen man eigentlich als Leserschaft gewinnen will. Der Oberstudienrat im 54. Lebensjahr mit einer Affinität für Thomas Mann, Franz Schubert und BDSM wird kaum auf einen hippen Text ansprechen. Probieren wir mal den Einstiegssatz für ihn:

„Zu den sanften Klängen von Schuberts Forelle betrat der Zögling das Zimmer des Rektors.“

Damit könnte man ihn fesseln. Ob man sich auf dieses Niveau begeben mag, um einen Oberstudienrat in den illustren Kreis der eigenen Leserschaft zu locken bleibt jedem selbst überlassen. Will man jedoch den 23jährigen BWL-Studenten mit Hang zum Veganismus und der Freude an auflockernden Substanzen gewinnen, dann wäre folgender Satz eventuell besser geeignet:

„Während aus Bens Zimmer noch der derbe Bass hämmerte, prüfte Mia den Stand des Dax. Fuck. Weed and Greed don´t mix.“

Hippe englische Vokabeln. Ein für BWL-Verhälntnisse schlaues Mädchen – warum würde sie sonst den Dax checken. Jeder weiß, dass nichts den Markt schlägt. Dazu etwas Mucke im Hintergrund. So klappt das mit dem Nachbarn. Als dritte Gruppe wäre zu überlegen, wie man einen durchschnittlichen Mitarbeiter im Bereich Hochbau erreichen könnte:

„OPFER DES SEXTERRORS! Wir waren Freiwild. Waren die Migranten schuld?“(frei nach http://www.krone.at vom 05.01.2015)

Das ist mal ein anderes Kaliber. Aber alles im Sinne des Konsumenten. Immerhin hat er da alles, was man so braucht, um das harte Tagewerk zu vergessen. Latenter Voyeurismus, etwas Sex, etwas Gewalt und am Ende hat man es ja ohnehin immer gewusst, dass sowas immer von Migranten kommt. Einen Einstiegssatz haben wir noch:

„When Mr. Bilbo Baggins of Bag End announced that he would shortly be celebrating his eleventy-first birthday with a party of special magnificence, there was much talk and excitement in Hobbiton.“

Damit bekommt man mich. Solche Sätze, gern auch Bronzesätze, denn sie sind wert, dass man sie in Bronze gießt, vergisst man so schnell nicht.

Wir können also sehen, dass Einstiegssätze wichtig sind – aber auch davon abhängen, wen man haben will auf seiner Seite. Das nächste Mal geht es dann um mehr Sätze. Ganze Ab-Sätze quasi. Wie sie sehen – I prefer my puns intended.