Denkamt | Schleifsteine

Twitter ist ja so ein Umfeld, da findet man alles: Von der Ursuppe geistiger Bausteine bis zur komplexen alternativen Intelligenz – und eben auch Buzzwordbulimie in all seien Facetten.

Ich lebe ja zugegebenermaßen in einer Filterblase. Mein Feed reicht von interessanten über unterhaltsame bis zu motivierenden Leuten. Ok, zugegeben, ich folge auch ein paar Accounts, die finde ich einfach nur attraktiv und schaue mir gern ihre Photos an. Deal with it.

Manchmal wächst so eine Account. Der war zuerst unterhaltsam, dann interessant, dann inspirierend und am Ende ist es ein Baustein. Das ist an sich schon genug – aber ab und an freue ich mich auch über ein Bild…wenn sie wissen, was ich meine.

Ein Account ist gerade in der Entwicklung und er lieferte mir ein Baustein. Der Baustein kam recht trivial daher.

 

Der Satz war mir am Wochenende mehrere Stunden wert. Da wäre „ein Verstand“ schon allein ein Aufsatz wert. Ich mag „ein“ nicht. „Der Verstand“ ist meiner bescheidenen Meinung nach viel passender. Das lässt nämlich offen, ob es so etwas wie „ein Verstand“ gibt oder ob Verstand nicht ein soziales Konstrukt ist. In der Tat folge ich derzeit eher diesem Ansatz . Der Verstand ist ein Metonym für die Herstellung eines Konsens über einen Sachverhalt. Für mich verstehe ich die Sachen immer – ich kann in mir sehr wohl übereinkommen, dass der Himmel gelb ist – solange ich gelb als das visuelle Phänomen von Licht der Wellenlänge 430nm verstehe. Verstehen wird mich halt kaum jemand, der an einem kollektiven Verständnis teilnimmt. Daher also schonmal „Der Verstand“ als das Konglomerat der gemeinsamen Propositionen als Grundlage eines Bezugs auf die Welt. F**k, das klingt wie ein Satz, den G. Fasel hätte schreiben können…

„braucht Bücher“ – über braucht gibt es nicht viel zu sagen. Das ist eine Meinung. Da sind wir mal kulant. Bücher aber, Bücher sind ja mal dicke Briefe an Freunde. Per se braucht der Verstand keine Bücher – er braucht Kontext. Ein Netzwerk. Er braucht – Menschen. Besser noch, er braucht andere denkende Entitäten. Ich schreibe das so weit, da ich ein Verfechter alternativer Intelligenzen bin und diese nicht ausgrenzen mag. Auch alternative Intelligenzen müssen sich auf eine gemeinsame Umwelt beziehen, sonst wird es schwierig sie in einen gemeinsamen Verstand zu integrieren. Dass sie daneben eventuell noch ihren eigenen Kosmos haben – geschenkt. Aber wenn wir sie wollen, dann nur über Kooperation und Kollaboration. Folge ich also meinem Ansatz, dass es nur den Verstand gibt und nicht einen Verstand – im Gegensatz zu „einem anderen Verstand“ – dann braucht es keine Bücher. Dann braucht es Input-Output. Es braucht, um ein systemisch-evolutionäres System zu sein, Erregung, Vernetzung und Bewertung. Es braucht also nicht nur Ego, sondern auch Alter. Bücher sind ein Medium – keine Essenz.

„wie ein Schwert“ halte ich ja auch eher für ungeschickt genutzt. Der Verstand ist – oder sollte – sein wie ein Skalpell, nicht wie ein Schwert. Ein Schwert trennt den gordischen Knoten – nicht besonders klug, aber teleologisch betrachtet zweckmäßig. Ein Skalpell schafft Komplexität, wo Kompliziertheit war. Es entfernt unnötiges, störendes und schädliches. Es schafft Essenz. Ich bin mir schon im Klaren darüber, dass man hin und wieder auch mit einem Breitschwert ganz gut voran kommt – wie ein General mit einem 400er Edding seinen Plan auf die Karte bringt und der Stab dann die Feinheiten ausarbeitet. Aber man darf nicht übersehen, dass um die große Linie zu zeichnen man sehr klug analysiert haben muss. Der 400er Edding ist Ausdruck von Klugheit, denn er reduziert das zu kommunizierende auf eine abstrakte Ebene – das macht ihn nicht zum Schwert, sondern zu einer sehr scharfen Klinge.

„den Schleifstein“ – ich habe jetzt mal nichts auszusetzen. Ich mag nur das Bild des konstanten Schleifens nicht. Ein Verstand muss genutzt werden, um scharf zu bleiben – aber schleifen an sich zum Selbstzweck ist einfach nur sinnfreier Verbrauch des Materials. Sicher kann ich in meinem Elfenbeinturm konstant am Verstand arbeiten und dabei meine Lebenszeit verbrauchen – nur welchen Beitrag liefert das? Eher keinen – also braucht der Verstand Interaktion – nicht schleifen.

Mein Satz würde also eher lauten:

„Der Verstand braucht Interaktion wie ein Skalpell konstanten Gebrauch.“

Das klingt bei weitem nicht so schön und ist auch nicht so eingängig. Sind ja auch nur meine zwei Cent. Danke für das schöne Wochenende – sie waren mir ein toller Schleifstein, um meine Gedanken zu wetzen.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.