EDUPNX | Alles, was man können muss…

Ende der 90er Jahre bis Anfang der 0er hat eine Seuche grassiert – und ich meine nicht die Start-Up-Economy und den Aktienboom. Ich meine die Idee, die mit Dietrich Schwanitz aufgekommene Seuche einen Bildungskanon zu verfassen. Selbst ein großer Mann wie Reich-Ranicki hat sich dazu hergegeben im Spiegel ein „Alles, was man lesen muss“ zu publizieren. Das zementiert den archaischen Gedanken, dass Menschen mit dem ledergebundenen Brockhaus in der altdeutschen Eiche-Imitat Schrankwand zum Bildungsbürgertum gehören. Es sind deren Kinder, die heute verstohlen auf die AfD schauen und CDU wählen. Es war eine einfache Zeit: Was im Brockhaus – der Ausgabe von 1972 – stand, war der Fall. Die Welt zwischen 52 Buchdeckeln. Man wusste, wo es steht und mehr Bildung war nur etwas für die Professoren, die jedes Jahr die gleiche Vorlesung zu Adorno halten und sich an ihre revolutionären Tage erinnern – die in der Regel daraus bestanden, bei einem Rudi Dutschke Zitat zu nicken und dann brav in die Vorlesung zu gehen, die sie heute wiederholen.

Kleiner Zeitsprung nach vorn: Die Welt ist VUCA – nein, das ist nicht die Freundin von Chewbacca, dem Wookie. Nein, VUCA steht für

  • Volatility
  • Uncertainty
  • Complexity
  • Ambiguity

und das interessante dabei ist: Die Welt war das schon immer. Wir haben das nur nicht so wahrgenommen, da die Prozesse etwas langsamer verliefen und die Wahrnehmung nicht so weitreichend war. Etwas beängstigend dabei ist: Aktuell tritt die unsichtbare Hand noch weiter auf das Gaspedal. Wir beschleunigen. Aus dem Opel Kadett ist auch mittlerweile ein BMW X6 geworden. Wir können uns jetzt überlegen, wie wir weiterkommen, ohne eine Bauchlandung zu machen.

Gott sei Dank hat nicht nur die Fahrzeugtechnik Fortschritte gemacht. Früher konnten wir eine Karte aus Papier nutzen, um uns zu orientieren. Da gab es Hotels an den Autobahnen nach Süden, in denen man Rasten konnte und sich neu orientieren durfte. Dann genoss man die Landschaft während der Fahrt. Der Hund saß mit auf der Rückbank. Die Autos wurden schneller, stärker, größer und die Hotels weniger. Man fuhr durch bis nach Süditalien. Dank des Navigationssystems musste man auch nicht mehr große Karten auffalten und die Kinder waren Dank mobiler Geräte auch pflegeleichter.

Das klingt jetzt alles mal nicht so sehr nach Bildung und dem Thema des Monats der Bildungspunks. Ich könnte jetzt einfach zum Punkt zurückkommen. Wenn wir Bildung heute noch als starre Vermittlung von historischen Weisheiten ansehen, dann werden wir versuchen mit einem Opel Kadett auf der Infrastruktur von 2020 zu fahren. Bildung ist nicht Wissen zwischen Buchdeckeln. Bildung ist, wie ein nie versiegender Quell an Informationen so schön postet:

Ich möchte euch diesen Account auch sehr ans Herz legen – kaum jemand überfordert mich zeitlich so sehr, wie @seni_bl. In positiver Weise. Ihre Artikel stapeln sich auf meiner to-do-Liste.

Weiter im Text. Wir bilden heute – ob in der Schule, im Studium oder im Arbeitsleben – Menschen für etwas aus, von dem Niemand weiß, was es sein wird. Wir vermitteln im Prinzip nicht mehr als Lebensweisheiten. Ich spreche hier nicht von den ersten 6 Jahren der Grundlagen. Ich spreche hier davon, was wir speziell nicht tun: Wir bilden keine kreativen Köpfe aus. Keine Menschen mit Visionen. Wir vermitteln Lehrpläne und reproduzieren uns selbst. Was wir brauchen, um in einer VUCA-Welt zu leben, sind aber Menschen mit Visionen, Verständnis für Komplexität, Klarheit in der Kommunikation und…Agilität.

Jetzt ist mein Menschenbild kein besonders positives. Kaum ein Mensch in meinem Umfeld schafft es, mich über seine Funktion hinaus zu begeistern. Aber wenn es einer oder ich muss sagen eine – und ja, ich arbeite lieber mit Frauen zusammen – schafft, mich durch wachen Blick, Lernwilligkeit und gutes Potential zu begeistern, dann bin ich auch gewillt, was zu vermitteln. Was ich nicht mache, ist ein Lehrplan. Was ich nicht mache ist zusammenzuschreiben, was sie oder er lesen soll. Was ich mache ist: Ich zeige ein Problem und begleite den Lösungsprozess. Man glaubt gar nicht, was ich dabei alles lerne – und mein Padawan gleich mit. Agilität im Prozess der Entwicklung eines Menschen ist für den Lehrenden heute ungemein wichtig – denn niemand mit Verstand kann annehmen, dass er Inhaber der Lösungen ist, die kommende Probleme fordern. Viel wichtiger sind offenes Denken, sich als Lehrender nicht in den Mittelpunkt der Erkenntnis stellen. Keine Lösungen vorbeten und schon gar nicht ein Lösungsbuch verfassen.

Agiles Lernen bedeutet dabei nicht Doxographie – es bedeutet vorzuleben, dass man jetzt nicht eine Stunde Betriebswirtschaft macht, sondern sich darauf einzulassen, sich mit dem Lernenden auf eine gemeinsame Reise zu machen und Erkenntnisklippen zu entdecken – und sich zu trauen darüber zu springen. Wenn man dann eine Vision hat, Situationen analysieren und verstehen gelernt hat, komplexe Sachverhalte klar kommunizieren kann und sich eine Agilität im Denken zu Eigen gemacht hat, um nicht eindeutige Sachlagen zu meistern, dann ist man in der Lage auch neue Situationen zu meistern. Situationen, auf die der Brockhaus nicht vorbereiten kann. Situationen, für die der Brockhaus nicht mal einen Buchstaben hat. Ich habe drei Arten von Padawan:

  • Komplementäre – Darth Koks in meinem Fall. Jemand, der das kann, was ich nicht kann und wir wachsen gemeinsam.
  • Verstärker – Darth Jes in meinem Fall. Jemand, der kann, was ich kann, der aber darauf fokussiert ist, wo ich es in der Oberfläche beherrsche.
  • Symbionten – Darth Bambi in meinem Fall. Jemand, mit dem ich ein Autorennen fahre, wobei sie ein Luftkissenboot fährt und ich ein BMW. Sie wählt die Strecke. Quer durch Holland…und ich lache, wenn ich sie davonfliegen sehe….

Agilität bedeutet auch alle drei zu entwickeln. Allen drei gerecht zu werden. Anstatt einen Lehrplan – Chancengleichheit und so – gibt es für jeden eine individuelle Lösung und ein gemeinsames Telos: Menschen empowern. Ich liebe es, ein Sith Lord zu sein – und ja, ich breche auch hier mit der Tradition: Nicht nur ein Meister und ein Schüler, sondern ein Ermöglicher und drei Zukunftsträger. Das ist mein Ansatz für mein persönliches Ziel:

I want to put a ding in the universe. Your time is limited, so don’t waste it living someone else’s life. Don’t be trapped by dogma — which is living with the results of other people’s thinking.“

Das kann man nicht mit einem fixen Kanon erreichen. Das kann man nicht durch bornierte Reproduktion des eigenen Selbst erreichen. Das, was Menschen in der Zukunft brauchen lässt sich nicht prognostizieren – aber das wir Menschen ermöglichen, in der Welt als Menschen zu bestehen, das traue ich mir zu vorherzusagen. Alles andere können Maschinen besser.

Danke an die #edupnx für das Thema. Es ist immer wieder eine Wonne von euch zu lesen.

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