EDUPNX | Sphärendenken

Die @bildungspunks haben ja nun schon das eine oder andere Mal ein tolles Thema ausgewählt, in das ich mich als nicht-Lehrkraft eingemischt habe und da will ich auch dieses Mal nicht kneifen. Ich bin zwar nicht klassisch Lehrer und wenn ich meine Kinder sehen will, dann veranstalte ich ein Meeting an der Arbeit. Früher hätte ich dafür nur bis zum Morgenappell warten müssen – heute ist das komplexer, aber dafür sind es auch weniger Kinder. Der Vorteil mit weniger Kindern, die noch dazu etwas – nur etwas – homogener sind, ist ja, dass man Sachen ausprobieren kann, die man spannend findet und dass man sich als Pädagoge im wahren Wortsinne betätigen kann. Noch besser ist, dass ich niemanden fragen muss, was ich machen möchte, da … nun, da ich eine ziemlich coole Liberoposition in meinem beruflichen Kontext habe.

Das Thema diesen Monat ist design thinking und ich muss gestehen – es klingt wie arkaner Schabernack. Das Konzept, man müsse nur ein kreatives Umfeld schaffen und die Leute mit einer passenden Kombination an Fähigkeiten zusammenbringen klingt ein wenig nach begging the question – wenn es nicht klappt, dann lag es am Gruppendesign oder am Umfeld. Man könnte auch einen infinite loop basteln denn um ein gutes Umfeld zu designen und die richtigen Leute zu kombinieren braucht man eigentlich auch nur design thinking zu machen. Andersherum ist das Ergebnis dadurch getrieben, wie man das offene und kreative Umfeld gestaltet und die Leute kombiniert – eigentlich ideal, denn damit ist das Ergebnis immer optimal. Das ist quasi der Heilige Gral der politischen Kommissionen. Man kann nichts falsch machen.

Im Kontext des Lernens erschließt sich mir der Sinn von design thinking noch weniger. Ich denke es wäre absurd das gesamte Schulkonzept so aufzubauen, dass es diesem Ansatz – und viel mehr ist es nicht – entspricht. Wie beim Bau eines Hauses benötigt es eine solide Basis – beim Innenausbau und dem Wohnraumdesign ist das sicher möglich. Beim Fundament eher nein. Es erfordert eine gewisse Reife und auch ein Skillset, um in einem offenen und kreativen Umfeld ein Ergebnis zu erzielen. Hinzuzufügen ist, dass es ja weder in der Schule noch in einem beruflichen Kontext um irgendein Ergebnis geht. Es geht eher um ein Ergebnis, dass für den Endkunden einen – nicht unbedingt monetären – Wert hat. Wie im agilen Projektmanagement gibt es ein Backlog, gefüllt mit Userstories, die es zu bearbeiten gilt. Dazu kommt der Lehrer als SCRUM Master und der Lehrplanverantwortliche als Product Owner. Es geht also nicht darum, Leute zu kombinieren und dann mal eine Divergent-Phase zu initiieren, um zu schauen, wo das hingeht und was diese Combo aus der Zeit macht.

Jetzt mal zum Schulkontext: Ich kann im Rahmen einer Schule nicht auswählen, wen ich in das Team einbette. Das Team ist gegeben. Ich kann auch nicht das Ziel wählen, denn wie in einem Stage-Gate-Prozess sind bestimmte Meilensteine zu nehmen und die Zeit ist auch nicht unbegrenzt. Das limitiert die Idee des design thinking doch schon deutlich. Die Komponente „offenes und kreatives Umfeld“ ist aber dann irgendwie das Killerargument. In einem Schulkontext, dass es Lehrern ja schonmal gern verbietet, den Mangel an bereitgestellten Material durch eigene Laptop, Tablets oder PC zu ersetzen, ist das Schaffen von Räumen mit der gewünschten Charakteristik doch nur überschaubar möglich. In einem Konzern wird es da schon eher Möglichkeiten geben. Die Wiener Stadtwerke zum Beispiel haben dafür ihre Denkstüberl im Bildungszentrum. Hier sind die Arbeitsbereiche flexibel – als Landschaft zum flegeln, als Arbeitstische, als Arbeitsgruppen oder als Denkkabinette. Die Wände sind beschreibbar und magnetisch. Es gibt einen interaktiven Monitor … und nicht ganz unwichtig: unendlich Kaffee. Wenn ich hier etwas kreativ erarbeiten will, dann kann ich mir aus 16.000 Leuten die passenden herauspicken, einladen und loslegen. Vorausgesetzt jeder hat Zeit. 

Denkstüberl im Bildunsgzentrum der Wiener Stadtwerke.

Das offene und kreative Umfeld – im Bildungszentrum kombiniert mit Kleingruppenarbeitsräumen – ist wirklich zielführend. Ob es so etwas in Schulen gibt und ob es in ausreichender Anzahl vorhanden ist, um damit in der gesamten Schule einen Mehrwert zu erzielen, sei dahingestellt.

Die Teams, in denen ich das Vergnügen habe keine unmaßgebliche Rolle zu spielen, haben als Kriterium, dass das offene und kreative Umfeld eher im Kopf ist. Wie im SCRUM ist es eher ein Mindset und die Zusammenstellung des Teams eher eine langfristige Prägungsphase. Dabei habe ich gelernt, dass ich insbesondere mich selbst zurücknehmen muss und darauf Acht geben muss, dass ich die Leute nicht zu Kopien von mir ausbilde. In der Regel wähle ich die Menschen danach aus, dass sie etwas können, was ich nicht kann, damit wir im Rahmen des Prozesses voneinander lernen können. Dabei betrachte ich mich eher als Begleiter im Arbeitsprozess – ohne in Anspruch zu nehmen, dass ich alles kann und alles verstehe. Ich verstehe nur das Ergebnis – und darauf hin gestalte ich die Convergent-Phase.

Wie auch in einer Schule denke ich, dass dies in einem Projektkontext wirklich gut funktionieren kann – mit Abstrichen, weil no kid left behind und so. Ich kann ja das hochbegabte Kind von einflussreichen Helikoptereltern nicht für „organisiere das Catering“ abstellen. Da wäre der Schulrat aber schneller da als man „special needs parents“ sagen kann. Für die Linie – im beruflichen als auch im schulischen Kontext – glaube ich eher nicht, dass der Ansatz taugt. In diesem Kontext ist design thinking das, was ein Developer Team im SCRUM macht und von daher auch nur eine Ergänzung zu einem Kontext, der per se schon hohe Anforderungen an alle Handelnden stellt. Gemessen daran, dass die Herausforderungen, die sich in Zukunft stellen – für die heute Lernenden und die Problemlöser von Morgen – komplexer werden, ist es sicher nicht verkehrt einen skeptischen Blick in die Richtung design thinking zu werfen. Viel erwarten sollte man sich aber nicht.

Was hat das jetzt mit Sphären zu tun – design thinking besteht eben nicht nur daraus, dass man verschiedene Kompetenzträger in einem geeigneten Raum vernetzt. Es erfordert Menschen, die integrativ und konvergierend denken, die verschiedene Aspekte sehen und verschiedene Perspektiven einnehmen können. Die in einer Emergenzphase auch erlerntes außer Acht lassen können, um verrückte Ideen zu entwickeln. Kurz, Menschen, die sich in verschiedenen Sphären bewegen können – sine ira et studio. Solche Menschen zu finden, zu empowern und auf die Welt loszulassen ist die Aufgabe von Schule – und Eltern, aber da ist in Acht zu stellen, dass Eltern eher try&error-Prozesse in der Erfüllung ihrer Rolle durchlaufen. Dazu benötigt es eine Basis und dann das Experiment, die Verifizierung und dann das Optimieren. Nicht mit der komplexen Methode oder dem Ansatz beginnen. Design thinking – oder um es beim Namen zu nennen, Agiles Denken – ist nichts für die Grundlagenlehrer – sondern für das Optimieren von Charakter, Geist und Fähigkeit. Sphären zu beherrschen ist die Königsdisziplin – mit dem Quadrat beginnen und dann mehr und mehr Ecken hinzufügen, bis es ein Kreis wird.

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