EDUPNX | suum cuique

Der gute alte Fritz hat mit meiner Sozialisation so einiges zu tun. Nicht nur im Allgemeinen als Exempel an soldatischer Tugend – alles im Kontext seiner Zeit – und als aufgeklärter Absolutist, nein auch durch die Gründung eines reitenden Feldjägerkorps. Zusammen mit dem Bezug auf dieses und dem Schwarzen Adlerorden mitsamt der dazugehörigen Inschrift wurde ich neben meinem Elternhaus geprägt. Ich mag dieses Wahlsatz – auch, wenn seine Übersetzung eine Pervertierung durch das Dritte Reich erfahren hat. Im Grunde genommen hat es mich mehr geprägt als meine Kindheit in der DDR oder meine Erfahrungen im bundesrepublikanischen Kontext. „Jedem seins.“ gefällt mir immer wieder – sei es als Verweis darauf, dass Karma eine kaltherzige Herrin mit einem übermäßigen technischen Hilfsmittel zur Simulation von koitalen Vorgängen ist, oder sei es im Rahmen von Gerechtigkeits- und Fairnessdebatten.

Das ist jetzt kein guter Einstieg in einen Gedanken, der sich mit einer Methode zur Vermittlung von Wissen im schulischen Kontext befasst. Oder eventuell doch – umso früher man Heranwachsenden vermittelt, dass man Wissenschaft zwar kritisch hinterfragen kann und soll, desto eher hat man neue Mitstreiter im Kampf gegen die wachsende Gemeinde derer, die meinen, dass nur weil sich Wissenschaft entwickelt, sie auch nur eine Meinung oder ein Glaubenssatz ist. Manche Dinge lernt man mit drastischen Worten – wie manche eben Schwimmen lernen, indem man sie ins Wasser wirft. Yours truly hat so zum Beispiel sein Seepferdchen bekommen. Sicher nicht moderne Pädagogik – aber auch hier gilt: Manchmal ist der Griff auf die Herdplatte notwendig, wenn der Lerneffekt für den Schüler nachvollziehbar, nachhaltig und nutzungsorientiert erreicht wird.

Das ist aber auch nicht das Thema des heutigen – fortgeführten – Gedankengangs, der durch die @bildungspunks gestartet und durch viele Menschen – zuletzt @Le_Pi – weiter getragen wurde.

Zusammengefasst lässt sich sagen: Ich denke nicht, dass design thinking eine Methode, ein Konzept, ein Methodenmix oder eine Kunst der Unterrichtsgestaltung ist. Ich denke nicht einmal, dass es ein besonders gutes Konzept im Allgemeinen ist. Das mag an der eingangs erwähnten Sozialisierung liegen – ich bin nämlich grundsätzlich skeptisch, ob selbstorganisierte Teams funktionieren. Mein Verdacht war und meine Beobachtungen – ich weiß, kleines Sample – zeigen, dass es in Teams ohne formelle Strukturen informelle Führer gibt. Es etabliert sich ein Lead-Follow-System. In einem guten Team kann die Lead Funktion wechseln – aber in der Regel gibt es immer einen Teammanager.

Aber ich drifte in einen anderen Gedanken ab – um was es mir eigentlich geht ist ein Tweet von @Le_Pi – der einen Gedanken aufgreift, der sich bei mir schon eingeschlichen hatte:

Frage Eins: Ist design thinking für jedermann und immer? Definitiv: Nein. Es ist nicht für immer. Das würde den Rahmen einer Schule sprengen – zeitlich und kompetenztechnisch. Man darf ja nicht vergessen, dass man für divergent-emergent-convergent nur begrenzt Zeit hat. Im Optimalfall 12 Schuljahre. Dann darf man nicht vergessen, dass Lehrer eigentlich ständig in der convergent-Phase stecken – die Schüler auf das Lehrplanziel hinzuleiten. Das emergent schaffen die Schüler von ganz allein – denn ich bin fest der Überzeugung, dass Staunen-Zweifeln-Betroffensein den Menschen innewohnt – man darf es halt nicht abtöten durch (auswendig-)lernen-(auswendig-)lernen-nochmals(auswendig-)lernen. Es gibt eben Inhalte, die sind zu vermitteln – durch vormachen-erklären-nachmachen-üben. Das mag ein wenig – oder sehr – gestrig wirken, aber Schule hat nun einmal auch den Zweck, Grundlagen zu schaffen. Grundlagen für weiterentwickeln. Nicht alles muss, kann und soll „frei“ sein.

Zweiter Teil: Es ist auch nicht für jedermann. Da liegt der eigentliche Hase im Pfeffer begraben. Eine Schule ist inklusiv. Eine Schule – also die institutionalisierte Schule als Organisation sollte soziale, intellektuelle und monetäre Grenzen durch das Schaffen einer einheitlichen Ausgangsbasis für alle Beteiligten aufbrechen. Wenn ich ein Konzept implementiere, bei dem ich schon davon ausgehe, dass es nicht für jedermann ist, dann schaffe ich keine Lokomotive, die andere mitzieht, sondern ich schaffe eine Fluchtkapsel für Wenige, um vom brennenden Schiff der Allgemeinbildung wegzukommen – und lasse den Rest zurück. Wer soll das selektieren, wer soll rechtfertigen, dass dafür die Allgemeinheit aus Steuergeldern aufkommt. Also eine Methode, die nur dazu gut ist, Spitzenleute zu fördern, kann nicht die Lösung für bessere Didaktik sein. Sicher – damit kitzle ich die nächsten 10% Mehrleistung aus den Alpha-Kindern raus. Aber eben auf Kosten der Schaffung eines Nukleus an Sternenstürmern und einer breiten Masse, die sich schon aufgibt, bevor es richtig losgegangen ist.

Ursprünglich hatte ich noch den Gedanken verfolgt, wie ich ihn auch im Rahmen des Projektmanagements sehe: Für alles das richtige Tool. Einzelne Elemente können SCRUM sein – einzelne Elemente und Strukturen können klassisch geplant sein. Wenn ich eine Aufbauorganisation entwickle, kann ich das zu entwickelnde ERP als Lieferobjekt per SCRUM entwickeln lassen und den Personalaufbau klassisch Wasserfall. In der Schule aber wird das immer dazu führen, dass einige dabei sind und einige nicht. Wir waren in meiner Schule eine Sprachklasse – wir waren in der ganze Stadt die einzige Sprachklasse. Wir waren die Schneeflocken. Eigentlich waren wir nichts besonderes – wir hatten eben nur jeweils 2 Jahre früher eine neue Fremdsprache. Aber wir sind aufgetreten wie die Herren der Welt. Das hat auch dazu geführt, dass wir ein hervorragendes Zusammenhaltsgefühl hatten – aber auch auf Kosten „Wir“ und „Die“. Förderlich für „Die“ war das nicht, denn ihnen war sehr bald bewusst, dass wir mal eine Funktionselite sein würden – zumindest sehr viel wahrscheinlicher als „der Rest“. Das kann nicht Ziel einer Organisation sein, die es schaffen sollte, dass alle die Chance auf den gleichen Absprungpunkt für das Leben bekommen sollen.

Was mir aber wirklich gefällt an dem Post von Le_Pi ist Frage Zwei – technisch keine Frage, aber ich nehme mir diese Freiheit: Warum gleich im Silicon Valley Klassenzimmer anfangen? Warum nicht erstmal die Multiplikatoren empowern? Warum nicht weg vom Lehrerzimmer mit all den düsteren Vorstellungen, die man als Schüler von diesem arkanen Refugium so hatte und hin zu einem Lern-, Denk- und Wachstumsraum. Besser noch, man könnte das als wirklichen offenen Raum gestalten – wie es mal mit der Bibliothek der Bundeswehruniversität Hamburg gedacht war. Eine Bibliothek, mit Lehrern, die für Schüler ansprechbar sind. Ein Raum, der dazu einladen würde, hier auch zu arbeiten und gegebenenfalls Unterrichte ganzheitlich zu planen. In dem Korrekturen eventuell mit den Schülern gemeinsam vorgenommen werden könnten. Das wäre ein Ansatz, den ich gut finde. Aber ein Produktentwicklungsprozess in eine Schule zu bringen erscheint mir ein schlechtes Zeichen – in einer Schule sollte es nämlich kein Produkt geben. In einer Schule sollte es Denken geben.

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