EDUPNX | Wir sind leider nicht mehr in Preussen…

Wenn der Begriff „Preussen“ ins Spiel kommt, kann man sich beinahe sicher sein, dass es in einem Kontext ist, der mich reflexartig an den Paragraphen 111 StGB denken lässt:

„Wer einen anderen in einer für einen Dritten wahrnehmbaren Weise einer verächtlichen Eigenschaft oder Gesinnung zeiht oder eines unehrenhaften Verhaltens oder eines gegen die guten Sitten verstoßenden Verhaltens beschuldigt, das geeignet ist, ihn in der öffentlichen Meinung verächtlich zu machen oder herabzusetzen…“

Jetzt im Ernst – Kadavergehorsam, Beamtenmuff, Soldatengesellschaft, Absolutismus. Alles Dinge, die wir heute gern mit Preussen assoziieren. Schön aus dem Kontext herausgerissen und in unserem hochwohlgeborenen modernen, vermeintlich liberalen Denken. Preussen war aber in seiner Zeit hochprogressiv, freigeistig und in der Folge Grundstein für die weiteren gesellschaftlichen und technologischen Sprünge auf dem Kontinent.

Einer dieser Sprünge war die Erkenntnis, dass das Schulsystem der alten Zeit nicht mehr die notwendigen Outputs produzierte, den eine industrialisierte Gesellschaft benötigt. Hatte man bis dahin Bildung als ein Privileg höherer Schichten angesehen oder im Rahmen der Reproduktion des klerikalen Standes verwirklicht, wurden in Preussen Elementarschulen eingeführt. Wir sprechen hier sicher nicht von einem modernen Bildungssystem mit gut ausgebildetem Lehrkörper, Curriculum und „eingehen auf individuelle Bedürfnisse“ – da gab es noch nicht den Blick und das Bedürfnis. Hinzu kam ein Schulgeld, dass nicht jeder aufbringen konnte und die Unmöglichkeit genügend Personal aus dem Stand heraus generieren zu können.

Wie so oft war es aber eine Krise und der damit verbundene Neuanfang, der Preussen dazu veranlasste, per königlicher Order „durch geistige Kräfte [zu] ersetzen, was er an physischen verloren“ hat. Passenden zu den sozialen Lockerungen – Gewerbefreiheit, freie Berufswahl, Wegfall der Leibeigenschaft – kam es zur Hinwendung zu einer Meritokratie. Nicht mehr die Geburtslotterie, sondern Fähigkeiten, Talente und Engagement sollten die Zukunft des Individuums bestimmen. Mit der Humboldtsche Bildungsreform wandte sich das Bildungssystem hin zu einer einheitlichen Nationalschule, um eine flächendeckende Bildung des Nachwuchs in Verbindung mit dem leistungsorientierten Zugang zu höheren Schulen zu erreichen – dies trug dem gewachsenen Bedarf an fähigen Bürgern Rechnung. Den mündigen Bürger im Sinne der Aufklärung heranzubilden war das Ziel. Ihn zu befähigen, sich sowohl als Individuum als auch in seiner Rolle als Staatsbürger, zum Nutzen des Staates beizutragen, war ein Anliegen des preussischen Staates.

“ Die öffentlichen allgemeinen Schulen sollen mit dem Staate und seinem Endzwecke in dem Verhältnis stehen, dass sie als Stamm und Mittelpunkt für die Erziehung des Volks die Grundlage der gesamten Nationalerziehung bilden. Die Erziehung der Jugend für ihre bürgerliche Bestimmung auf ihre möglichst allgemein menschliche Ausbildung zu gründen, sie dadurch zum Eintritt in die Staatsgemeinschaft zweckmäßig vorzubereiten und ihr treue Liebe für König und Staat einzuflößen, muss ihr durchgängiges, eifriges Bestreben sein.“

Sicher, der Staatsbürger sollte sich als treuer Gefolgsmann des bestehenden Staates reproduzieren. Das darf man aber nicht im Lichte des heutigen Kontext sehen – sondern im damaligen: Man wollte einen starken Nationalstaat, der damals als ideale Staatsform gesehen wurde. Damals wurde das Ziel einer „einheitlichen Menschenbildung“ nicht von jedem geteilt – die Ungleichheit von Menschen war so tief in der Gesellschaft zementiert, dass die Idee, dass allen Menschen eine gleiche Chance gewährleistet werden sollte, war für das Ancient Regime nicht einsichtig – es wurde sogar als Staatsbedrohung gesehen. Mit der Überwindung der Staatskrise nach der Niederlage Napoleons wurde auch die Notwendigkeit von Reformen in Frage gestellt – no change without crisis. Zwar ging der Ausbau des Schulsystems weiter, aber die Bahnen der Bildung richteten sich weiter nach dem Stand. Erste die wirtschaftliche Notwendigkeit änderte den Bedarf an Ausbildung für die breite Masse, um die komplexer werdenden Produktionsvorgänge umsetzen zu können. Speziell technisch-wissenschaftliche Schwerpunktbildung im Gegensatz zur alten latein-griechischen Ausbildung – Realanstalten im Vergleich zu humanistischen Anstalten – gewannen an Bedeutung.

Fast Forward – wo stehen wir heute? Wir haben heute eine politische Krise und eine wirtschaftliche Krise. Die politische Krise, die liberale und demokratische Errungenschaften und Prinzipien in Frage stellt erfordert eine breite Aufklärung von Bevölkerungsschichten, die mehr und mehr den Glauben an sie und sich verliert. Wir sind politisch heute nicht mehr auf den Nationalstaat fixiert – zumindest bei denen, die es schaffen das komplexe Gesamtbild der politischen Entwicklungen und Interdependenzen zu erkennen. Heute sind wir bestrebt über das Bildungssystem einen mündigen europäischen – eventuell sogar einen post-staatlichen Bürger heranzubilden. Dabei ist es uns nicht gelungen die breite Masse zu gewinnen – wir haben keine breite Mittelschicht mehr, sondern eine breite Unterschicht, die abgekoppelt vom Erfolg des europäischen Wirtschaftsraums und der damit verbundenen liberalen Werte ihr Heil in einer glorifizierten Vergangenheit, die es so, wie sie konstruiert wird, nie gab. Es gelingt nicht, die Masse erkennen zu lassen, dass heutige komplexe Probleme nicht mit den einfachen Antworten der Demagogen zu beantworten sind…zumindest nicht, ohne massiv die Mehrwerte des Systems zu zerstören. Wir sind also mehrheitlich in einer inneren Krise – aber die Bedrohung der globalisierten Gesellschaft durch nationalistische Regierungen ist auch eine externe Krise. Eine Reform des Bildungssystems – ein wirklich disruptiver Wandel auf Basis der aktuellen Probleme – wäre der Wandel, den es braucht, um in der breiten Masse nicht nur Verständnis für die Probleme zu verankern, sondern auch um einen mündigen Bürger für die moderne Gesellschaft heranzubilden.

Die wirtschaftliche Krise ist auch offensichtlich – nicht die Instabilität von Banken bedroht uns, sondern die Ausbildung von Linienarbeitern für eine Wissensgesellschaft. Wir haben heute nicht genug Lehrer für notwendige Schulsysteme, wir benötigen eine Hinwendung zu MINT-Fächern, wir benötigen eine soziale und technische Ausbildung mit der Vermittlung von Wissenstechniken und nicht von doxographischem Wissen, dass den Anforderungen der Zukunft nicht mehr gewachsen ist. Das alles unter dem konstanten Ansturm von retardierenden Bestrebungen – sexuelle Aufklärung, wissenschaftliche Grundlagen und Methoden, soziale Zusammenhänge, politische Normen – die dazu dienen, die Augen vor Komplexität zu verschließen, weil die Antworten darauf unbequem sind. Bei manchen Gauländern, Farragierern und Strachisten ist es sicher auch Agenda: Einfache Antworten sichern die Zustimmung der Massen und damit die Absicherung der eigenen Machtposition – und Denken tut nunmal weh wie uns schon Plato der alte Höhlenmolch erklären konnte.

Mein Punkt also zum Thema: Preussen stand per se vor der gleichen Herausforderung wie wir heute – und hatte ähnliche Antworten bei den Reformen sowie ähnliche Reaktionen bei den Gegnern. Langfristig musste sich das Lernen wandeln, um Schritt zu halten – die Alternative wäre die Abkopplung vom Wettlauf der Staaten gewesen. Preussen hat sich der Herausforderung gestellt. Lernen in ist ständig in Bewegung – sei es, weil sich die Methoden wandeln, sei es weil Lehrende und Lernende sich wandeln, weil sich Wissen weiterentwickelt oder weil die Anforderungen sich ändern. „Wir sind nicht mehr in Preussen“ stimmt, denn wir haben nicht mehr das 19. Jahrhundert Zeit, um uns am Wandel zu versuchen. Wir sind einem Preussen auf Speed – wir müssen uns viel schneller wandeln und wir müssen uns radikaler wandeln. Preussen kann uns viel lehren – was gut und was schlecht lief. Preussen als starren Pluderhosenstaat zu verteufeln hilft dabei nicht. Deutschland wäre nicht zu einem führenden Industriestaat geworden, ohne die Bildungsreform. Preussen wäre nicht die Keimzelle eines stabilen Deutschland geworden, ohne die Beamtenkultur. Deutschland wäre auch nicht zum großen Zerstörer Europas im 20. Jahrhundert geworden ohne die Effektivität und Effizienz der preussischen Staatskultur. Der Tod ist ein Meister aus Deutschland.

Lernen ist die einzige Kunst, die wir nie aufgegeben haben. Die Frage ist, was wird gelernt. Wie Victor Frankl mal sagte: „Wer ein Warum zum leben hat, erträgt was jedes Wie.“. Wer ein Warum zum lernen hat – der erträgt fast jedes wie [gelehrt wird]. Die Warum-Frage wird zum klären sein – warum sollen Menschen lernen, wenn sie von den Früchten nicht angemessen partizipieren. Warum sollen Menschen lernen, wenn sie am politischen Prozess nicht entsprechend teilnehmen oder sich repräsentiert fühlen. Warum sollen Menschen lernen, wenn ihr Leben fremdbestimmt scheint – sie sich als „nur Passagier“ fühlen. Die Klärung der Sinnfrage ist Kern der neuen Herausforderung des Lernens. Wenn das geklärt ist, folgt das was von selbst und das wie des Lernens ist nur noch ein Begleitaspekt. Auch hier lohnt ein Blick nach Preussen: Wir müssen produzierende Kraft der Industrie 3.0 in eine schöpferische Kraft der Industrie 4.0 wandeln – und dies beginnt in der Schule.

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