JAM | Beds are burning

Das Leben ist ja auch nicht mehr das, was es noch nie war. Früher war ja alles besser – von damals ganz zu schweigen. In der Retrospektive könnten Menschen, deren perzeptives Universum auf Seite 3 der BILD! endet, durchaus den Eindruck gewinnen, dass es man unter Helmut Kohl, mit der D-Mark und ohne die Ossis viel besser gelebt hat. Analog dazu war es „bei uns“ damals mit Erich, Betriebssportgruppe und garantiertem Kindergartenplatz doch so viel besser. Die Welt war einfach, man wusste, was zu tun ist und am Samstag schaute man um 20.15 Uhr „Wetten dass…“ und wusste einfach, frei nach Christian Kracht, dass man genau wusste, das Richtige zu tun. Gab ja auch keine Alternative. Die Welt war einfache – die Bundesbank gab Bundesschatzbriefe aus, der Generalsekretär des ZK der SED und Vorsitzende des Staatsrates schrieb bereits im Februar seine Rede zum Gewinn der Volkskammerwahl im August – inklusive Ergebnis – und die Supermächte waren wechselseitig das Reich des Bösen. Wirtschaftlich war man eine Marktwirtschaft, eine Planwirtschaft oder am Tropf einer der beiden Blöcke. Abseits von all dem gab es Unternehmen, in die man in den Betriebskindergarten eintreten und im gleichen Gebäude in den Ruhestand wechseln konnte. Stabilität, wie es schien.

Heute fühlen sich die Menschen – die machen einen erschreckend großen Anteil der Gesellschaft aus – überfordert von einer Welt, deren Komplexität nicht mehr erfassen, verstehen und steuern können. Die Menschen – und man muss sich dieses Wort ungefähr so intoniert vorstellen, wie „Tapetenkleister“ – kommen mit dem, in was sie mit der schönen neuen Welt hineingestolpert worden , nicht mehr klar.

Jetzt kommt ein schlauer Mensch – intoniert wie „Enzyklopädie“ – ins Spiel. @derlinkshaender hat das Thema VUCA aufgegriffen und eine tolle Zusammenfassung seiner Position dazu geschrieben, in der ich einen Gastauftritt haben durfte. Für die Darstellung, was VUCA ist und was der Linkshänder so findet – bitte besucht seinen Blog und lest…nicht nur den Artikel, sondern auch die anderen. Man wird im Minutentakt schlauer. Trotzdem habe ich das Bedürfnis meine 23 Cent dazu beizutragen.

Wenn Menschen heute sagen, dass sie überfordert sind mit ihrer Umwelt, dann geht es meistens darum, dass die Arbeitswelt volatiler war, das Veränderungen und schneller passieren, als sie sich anpassen können. Heute wird der mitdenkende Mitarbeiter mit eigenen Ideen erwartet, der sich ständig neu erfindet und mindestens drei Mal in seinem Arbeitsleben das Unternehmen wechselt – ganz zu schweigen von Eigenverantwortung, Erreichbarkeit und Engagement. Der Stress, der dadurch erzeugt wird, ist aber nicht neu, wie Manfred Lütz in einem Interview so treffend formulierte:

“ Im Dreißigjährigen Krieg waren die Leute rund um die Uhr für die Schweden erreichbar. Das war viel unangenehmer. Im 19. Jahrhundert gab es Massenarmut, im 20. zwei Weltkriege. Wir sollten die Kirche im Dorf lassen.“

Was hier gesagt wird ist, dass die Welt schon immer Herausforderung und Stress geboten hat. Wir können sicher auch einen Konsens finden, dass die Welt VUCA Elemente schon immer hatte. Antigonos konnte 305 v.Chr. seine fixe Idee eines Nachfolgeanspruchs auf den Thron Alexanders auf Grund des Wetters beerdigen – was zur Stabilisierung der Diadochenreiche führte . Damit stellte das Wetter die Weichen, die man nicht vorausberechnen konnte. Ein Feldzug, der eine Sensitivität im Faktor Wetter hat ist per se volatil. Was es nicht ist, ist komplex. Ein antiker Feldzug hatte auch keine Ambiguität. Das war schon recht klar, dass wenn der Nachbarkönig inklusive Heer und Flotte mit dem spitzen Ende seines Schwertes an die Stadtmauern klopfte, dann war ein freudiges Nachfragen nach seinem Begehr eher überflüssig. Die Auswirkungen wären auch im gegensätzlichen Fall überschaubar gewesen – hätte Antigonos gewonnen, wären die Steuern einfach in eine andere Kasse geflossen.

Was die Welt heute VUCA macht, also für die Menschen – Intonation „Tapetenkleister“ – als VUCA erlebbar macht, ist die Vernetzung der Welt. Wenn in der Antike ein technologischer Durchbruch erfolgte – sagen wir der Wechsel von Bronze auf Eisen in der Schwertmanufaktur – dann waren die Auswirkungen für die Masse der Menschen überschaubar. Wenn in den 70er und 80er Jahren des letzten Jahrhunderts eine technologische Neuerung in die Industrie kam, dann wurden einfach die Produktionsstraßen angepasst. Bis die nächste Modellgeneration eines Autos mit so etwas revolutionärem wie Kopfstützen kamen, vergingen Jahre. Eine Modellgeneration lief gefühlt ewig. Heute hat ein Modell im Fahrzeugbau kaum drei Jahre Produktionszeit, bis es mit „verbesserter Optik“ oder neue Generation herauskommt. Oft brechen ganze Industrien weg. Wenn davon früher ein Unternehmen pleite ging, dann war das lokal ein Drama – heute jedoch hängen davon multinationale Lieferketten ab und oft ist der Job bei einem florierenden Unternehmen heute schon morgen weg, weil 2.000 Kilometer entfernt in einem anderen Land jemand die Sprungfeder durch einen Microchip ausgetauscht hat.

VUCA ist eine Frage der Vernetzung und damit der „ripple“, die eine Veränderung auslösen kann. Mehr Vernetzung bedeutet mehr Informationen, mehr Informationen bedeutet komplexere Entscheidungen, mehr kulturkreisübergreifende Kooperation führt zu mehr Ambiguität, mehr Beteiligte an den Geschehnissen im eigenen Umfeld machen die Erlebenswelt volatil, denn der menschliche Faktor ist nunmal unberechenbar, da er von der Interpretation von Informationen durch Individuen abhängig ist. Der Schmied in der Antike war ein Einzelunternehmer – die wenigsten können das heute von sich behaupten. Ganz zu schweigen, dass wir in Zeiten von fake news auch nicht sicher sein können, welche der Informationen, die über uns tagein tagaus hereinbrechen sicher sind.

Worauf ich hinaus möchte ist, dass die Welt immer VUCA war, aber eben nicht unbeherrschbar, da nie alle Faktoren gleichzeitig und auch nicht mit der Durchschlagskraft auf die breite Masse der Menschen einwirkte. Ein Schmied, der kein Eisen schmieden konnte und daher seine Bronzeschwerter nicht mehr verkaufen konnte, machte eben Kupfergeschirr. Die Volatilität war überschaubar, der Komplexitätsgrad beschränkte sich auf das unmittelbare Umfeld und Unsicherheiten waren in den Auswirkungen auch auf das lokale Umfeld begrenzt. Die Menschen der Antike wusste, dass sie in einem unsicheren und oft rechtsfreien Raum lebten, die Menschen in den 70er und 80er Jahren wussten, dass die Eskalation zwischen den Supermächten eine Möglichkeit war. Für VUCA fehlten zu jeder Zeit vor den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts mindestens 2 der 4 Buchstaben.

Für den Menschen – „Enzyklopädie“ – ist das alles eher eine Chance. Er weiß, dass man ein System in einer Homöodynamik zu halten mindestens ein genauso komplexes System benötigt. Wir kreieren laufend Mittel, um mit der eskalierenden Lage um uns herum Schritt zu halten und brauchen dazu Klarheit, Verständnis, Agilität und eine passende Vision.

Was Menschen wollen – und Populisten verkaufen – sind einfache Antworten auf komplexe Fragen, die gut klingen und zu 100% falsch sind. Die Uhr lässt sich nicht mehr zurück drehen. Dafür sind wir inzwischen zu viele Menschen und zu wenig Menschen – sie wissen sicher schon, was gemeint ist. Wir stellen uns nicht der Herausforderung, sondern denken, indem wir den Deckel auf den überkochenden Topf drücken, können wir verhindern, dass er über geht. Was wir machen ist, wir kreieren eine Bombe. Wir stehen heute vor einer politischen und wirtschaftlichen Welt, die VUCA ist und die wir nicht mit den Lösungen der Vergangenheit lösen können – weil wir eben diese Herausforderung noch nie hatten. Was wir benötigen ist mehr Enzyklopädie und weniger Tapenkleister.

Um auf das Bild des Linkshänders zurück zu kommen: We did start the fire. Wir haben durch immer mehr Vernetzung und Automatisierung aus einer konstruktivistisch-technomorphen Welt eine systemisch-evolutionäre Welt gemacht – oder mindestens zugesehen, wie sie zu dieser wird und jetzt haben wir zu wenig komplexe Instrumente, um diese zu beherrschen. Das schließt auch ein, dass wir zu wenige Menschen mitgenommen haben und zu viel Hybris hatten, dass wir das schon hinbekommen. Die Heilsversprechen der Technokraten waren säkulare Versionen des Himmelsreichs. Leider hat niemand das Tal der Tränen im Changeprozess bedacht, durch das wir durch müssen, bis wir alle die besseren Menschen sind, die auf der Enterprise den hohen Zielen der Forscher und Entdecker folgen. Bis dahin kann uns OODA helfen – aber auch nur für die, die aus der Höhle raus wollen. Den Rest müssen wir mitziehen oder eben aus der Bilanz streichen. Beds are burning – and the fire will consume us or harden us.

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