JAM | Darth Kleomedes

In einer subjektiv nicht ganz unbedeutenden Arbeit zur Rolle des Krieges in politischen Weltgefüge aus dem Jahre 2006 konnte in höchst brillanter Weise und absolut unwiderlegbar dargestellt werden, dass Krieg als ultima ratio der Politik in einem Umfeld, dass Krieg zunehmend als Erwerbsgrundlage begreift, notwendig als Instrument zur Verfügung stehen muss. Der Autor – in einer dualen Perspektive zwischen historischer Analyse und philosophischem Weitblick pendelnd – betrachtet auch ein Stück einer sehr lehrreichen Quelle: Der Melierdialog

Kleiner politischer Disput über Neutralität in der Antike

…ohne schöne Worte…

In seinem Werk „Der Peloponnesische Krieg“ ist die Episode mit der Insel Melos ein bezeichnendes Stück für die Wertschätzung gegenüber der Neutralität. Melos war eine Kolonie der Spartaner, mit denen sich Athen im Streben nach Hegemonie hin und wieder die Köpfe einschlug und letzten Endes unterlag. In Melos aber befand man sich in einer Situation der Überlegenheit und tat dies auch Kund. Gleich zu Beginn gab man bekannt, dass man ohne lange und schöne Worte zu nutzen die Optionen „Unterwerfung und Knechtschaft“ und „Widerstand und Vernichtung“ anbieten konnte, denn Athen als der Bully der Ägäis sucht

„…das Mögliche zu erreichen, da ihr ebenso gut wie wir wisst, dass Recht im menschlichen Verkehr nur bei gleichem Kräfteverhältnis zur Geltung kommt, die Stärkeren aber alles in ihrer Macht Stehende durchsetzen und die Schwachen sich fügen [habe].“

Egal, wie toll die Melier argumentierten, am Ende stand die Vernichtung der Stadt inklusive betriebswirtschaftlicher Verwertung des Humankapital – e.g. Verkauf in die Sklaverei.

Hauptargumentationspunkt der Melier war, dass es doch ganz ok sei, sich einfach mal nicht einzumischen und in Frieden dem Gespräch auf der Agora bei Wein, Knabe und Gesang zu frönen. Die Idee von Neutralität war damals noch nicht so klar umrissen oder akzeptiert, wie die unwiderlegbare Wahrheit, dass einige ältere Herrn rüstige Damen auf einem Berg im Norden lebten, den der Chef nur verlies, um sich mit allen möglichen Lebewesen zu paaren. Neutralität wurde als „Stell Dir vor die machen Krieg und wir gehen nicht hin“ gesehen. Weder gab es – mit Ausnahme der Bergbewohner – eine Appellationsinstanz noch gab es das heute überall akzeptierte und vollständig Anwendung findende Völkerrecht. Entweder man hatte tighte homies, die einem zur Hilfe eilten – e.g. den Attisch-Delischen-Bullyverein und den Peloponnesischen Freundeskreis der friedvollen Harmonie unter den Völkern – oder man war selbst so stark – oder arm – dass man der Mühe nicht wert befunden wurde. Die Trauben – sauer und so. Der Kernsatz, der Athener, zum Thema Neutralität ist dann:

„…eure Feindschaft schadet uns nicht so sehr, wie Freundschaft als Beweis (unserer) Schwäche, Hass dagegen als (Zeichen unserer) Stärke bei unseren Untertanen gilt.“

Aus der Sicht des Bullys eine durchaus nachvollziehbare Argumentation. Neutralität hilft ihm nicht. Ich möchte aber noch weiter gehen – Neutralität hilft auch dem Schwächeren nicht. Wie Orson Wells seinem Harry Lime mal in den Mund legte:

„In Italy, for thirty years under the Borgias, they had warfare, terror, murder, bloodshed – they produced Michelangelo, Leonardo da Vinci and the Renaissance. In Switzerland, they had brotherly love, five hundred years of democracy and peace, and what did that produce? The cuckoo clock.“

Neutralität gibt es aber nicht nur im politischen Kontext – betriebswirtschaftliche Neutralität ist in etwa ein Mittelstandsunternehmen, dass nicht wachsen mag. Man hat einen stabilen Jahresumsatz, man kümmert sich um das Tagesgeschäft, 4 Mitarbeiter in der Produktion und die Frau hilft bei Bestellung, Verrechnung und Buchhaltung. Solche Unternehmen haben ein klares Ablaufdatum – nicht durch Übernahme oder disruptive Technologien. Das Ablaufdatum ist der Chef und sein wohlverdienter Ruhestand. Diese Unternehmen sind einfach – langweilig. Neutralität im wirtschaftlichen Umfeld ist aber auch: Warum sollte ich keine Blutdiamanten kaufen – der Kohlenstoff des Produkts ist der gleiche, wie in jedem anderen Diamanten. Warum sollte ich nicht in Alaska bohren – ein Unfall dort ist genauso schlimm wie in Saudi Arabien. Neutralität für ein Unternehmen ist, in der Sinnfrage für alles und für nichts zu stehen. Stimmt nicht ganz – ich kenne ein Unternehmen, dass hat als seinen gesellschaftlichen Sinn, also seinen Beitrag für alle, Gewinn definiert. Man macht Gewinn, das sichert Arbeitsplätze – nicht zuletzt die, des Managements – und damit trägt man ja zum sozialen Frieden und dem Recht und der Freiheit des…naja, lassen wir das. Neutralität auf der Organisationsebene hilft eigentlich auch nur den Skrupellosen, denn ihrer ist der Gewinn in Herrlichkeit und Ewigkeit. Mahlzeit.

…ceterum censeo…

Nach diesem langen Vorwort komme ich dann mal zum eigentlichen Punkt: Persönliche Neutralität. In einer kleinen gen Mitternacht driftenden Unterhaltung auf Twitter kam das Thema Bevorzugung, Bias und Neutralität in der Beurteilung auf. Das Thema ist im Kern bei der Personalakquisition, bei der Personalentwicklung aber auch bei Lehrkräften relevant.

In all den tollen Konzepten verpflichten sich Menschen mit Gewicht immer auf Neutralität und Standards. Wir anonymisieren Lebensläufe, damit nicht Bild, Name, Geschlecht und Aussehen uns und unseren Bias ansprechen. Wie vielfältig diese Bias sind, sieht man hier:

Cognitive Bias Codex 2016 (Ausschnitt)

Dem entgegen steht dabei die Einstellung „Hire for attitude – Train for the job.“ Ok, man muss ja nicht immer nur sich selbst Reproduzieren in seinem Team. Gute Führungskräfte suchen sich auch gezielt mal einen Menschen aus, der ein wenig querdenken kann. Aber eben doch bitte auf eine passende Art – und nicht den technokratischen Choleriker in ein Team von Kreativen.

Worauf ich hinaus möchte ist, dass wir alle einen Nasenfaktor haben – und das aus gutem Grund. Neutralität und Chancengleichheit für alle – immer und in jedem Kontext – ist ein Fehler, denn er verstellt uns den Blick für das Wesentliche: Den Erfolg. Ich arbeite gern mit Frauen – nicht, weil der Blick aufs „Wesentliche“ angenehm ist – sondern weil sie für mich passend querdenken. Weil sie Perspektiven einbringen, die ich irgendwie nicht sehe. Weil sie im Team mich gut ergänzen. Ich pushe auch gern Frauen in Führungs- und Expertenrollen, weil ich sehe, dass sie sich oft nur nicht trauen und durch diese „ab ins kalte Wasser“ Aktion an Selbstvertrauen gewinnen – nein, ich veranstalte keine Wet-TShirt-Contests. Wenn ich bei der Auswahl der CV aber nur Kompetenzen sehe, dann hilft mir das kaum weiter. Dann sehe ich in der Regel schön glatt geschliffene, relativ ähnliche Kompetenzen. Sehe ich dann aber einen Namen aus Syrien und im Motivationsschreiben dann noch eine Story aus familiärem Drama, Bildungsaufstieg, Durchboxen und Einstehen, dann bringt mir das doch mehr als „hat alles gemacht, was der Karriereguide vorgegeben hat“. Ich bevorzuge Leute, die mir und aus meiner Sicht dem Team oder dem Unternehmen passen. Ich verlasse mich auf mein Bauchgefühl. Ich bin nicht gewillt im Interesse einer zwanghaften Gleichschaltung von Entscheidungsprozessen der weiteren Entwicklung von Vorhaben und Projekten Steine in den Weg zu legen. Dann könnten wir in der Tat – ohne große AI – Personalauswahl, SAT, Assessement und Beurteilung durch Computer durchführen lassen. Das ist der Weg zur trägen Masse – und das Verbauen von Exzellenz.

Mein Ansatz hat auch Nachteile: In der Regel beurteile ich die Zukunft aus meiner Erfahrung und damit auf Basis von Daten, die absehbar im Berufsleben des Adlatus kaum noch Relevanz haben dürften. Ich habe da ein Gegenmittel: Ich vermittle eine Denkweise und eine charakterliche Schule. Fachlich – das erarbeiten sie sich besser selbst. Funktioniert ganz gut. Mein Ansatz öffnet auch Nepotismus Tür und Tor. Dem kann aber sehr gut vorgebeugt werden – indem die Auswahl meiner Person dem Bauchgefühl meiner Führungskraft folgt – der sollte ja auch eher jemanden auswählen, der dem Unternehmen und nicht der Sippe, dem Stamm oder dem Trump folgt.

Genauso ist das auch bei Lehrkräften. Früher habe ich mich immer geärgert, wenn ein Mitschüler oder eine Mitschülerin vom Lehrkörper bevorzugt wurde. Heute weiß ich, dass das mehr Stress für das teachers pet war, als ein Vorteil. Als Lehrer sollte man sich aber auch auf die Spitzen konzentrieren. Das funktioniert ähnlich wie in der Automobilindustrie: Die tollen neuen Sachen kommen erstmal in die Oberklasse und nach ein paar Jahren ist das Standard im Massenmarkt. Die Förderung von Eliten hat einen langfristig positiven Einfluss auf das Gesamtbildungsniveau – ich will aber auch nicht verheimlichen, dass das für den Einzelnen auch bedeuteten kann, dass er in diesem System verliert.

Wir vergeben uns viel, wenn wir denken, es sei eine gute Idee neutral zu sein. Neutral ist der Beamte, der die Reservate für die indigene Bevölkerung bei der Besiedelung Nordamerikas geplant hat. Neutral ist der Unternehmer, der die Produktion von Deutschland nach China – Vietnam – Bangladesh verlagert. Neutral ist die Lehrkraft, die anstatt Stärken zu stärken versucht jede Schwäche zu beseitigen. Neutralität hilft immer nur dem Aggressiven und dem Rücksichtslosen. Wenn ich weiß, ich bekomme die gleiche Unterstützung und Hilfe, egal, was ich tue – warum sollte ich dann den Aufwand betreiben besser sein zu wollen. MiniMax – weil der Aufwand der gleiche ist, ist meine Gewinnspanne bei gleichem Erlös höher.

suum cuique

Als Lehrkraft wie auch als Führungskraft – genau genommen ist das teleologisch das Gleiche – und damit als jemand, der aktiv an der Zukunft mitgestaltet, bin ich verpflichtet keinen zu benachteiligen. Das hält mich nicht davon ab, Spitzen zu fördern. Spitzen sind dann die Outlier im positiven Sinne, die der von mir präferierten Denkschule angehören. Leute, die wir als die Leinwand betrachten, auf der die Zukunft gemalt wird. Oft wird diese Art der Elitenbildung wie Ketzertum betrachtet – und in der Tat ist eine Oligarchie auf Grund von Abstammung das Elend für jede Gesellschaft. Fakt ist aber auch, dass Ressourcen begrenzt sind. Die Frage ist, worauf fokussieren wir – auf die Ausnahmetalente oder auf die Masse. Masse ist per se nicht tauglich für Inspiration. Elitenbildung – also das gezielte befördern der Ausnahmen – und das Reproduzieren von Denk- und Handlungsschulen funktioniert, solange man dem Gebot der Fairness folgt: Nicht die Elite bekommt die besten Noten, sondern die besten Noten kennzeichnen die Elite. Noten soll hier nur als Symbolbild stehen – ich denke, wir sind uns einig, dass für die Identifikation von Ausnahmetalenten nichts weniger taugt, als standardisierte Formalkriterien. Dass ich jemandem, den ich fördere hin und wieder auch ein wenig Nachsicht entgegen bringe – da sind wir alle nur Menschen. Das ordnet die Welt durch die Macht des Stärkeren – in dem Falle der stärkeren Bindung an positiv bewerteten Maßstäben.

So hat auch Kleomedes ein durchaus richtigen Ansatz – die Ordnung der politischen Welt durch den Stärkeren. Er ist ja nicht der Stärkere aus Jux und Dollerei, sondern weil sein System funktioniert. Der Mangel an Ordnungswillen ist ganz gut absehbar in Zentraleuropa – alle Staaten, die durch das Römische Reich geordnet wurden, fanden einen Output in einem starken Zentralstaat. Germanien wurde nach der kleinen Keilerei um Kalkriese nicht erobert, nicht zentralisiert und kämpfte damit bis zur Neuzeit. Stärke projiziert ordnet die Welt.

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