JAM | Les Liaisons Dangereuses

Ab und an wird man ja mit einer WhatsApp Nachricht konfrontiert, die nicht so einfach mit „kkthxbye“ oder „:o)“ zu beantworten ist. Jede längere Nachricht ist aber bei Fingern mit der Feinmotorik eines Bulldozers und der Eleganz eines Sattelschleppers kaum zu bewältigen. Jedenfalls nicht fehlerfrei. Es war diese Woche dann mal wieder soweit und das Thema hat einen sehr weiten Bogen.

Beginn wir mal vorn: Mir war ja schon recht früh klar, dass man – und hier meine ich mal mich – wohl kaum damit zufrieden sein wird, sich auf eine konventionelle Lebensweise einzulassen. Zu viele Interessen, zu viel Neugier, zu viele Facetten und zu wenig Neigung auch nur eine davon aufzugeben, weil es die Umwelt als „korrekte Lebensweise“ erachtet. Dazu gehört auch unauflöslich das Konzept Ehrlichkeit. Ich gehe davon aus, dass Menschen sich nicht trennen, weil man Lust auf neue oder fremde Reize hat, sondern weil sie betrogen werden. Ich bin der festen Überzeugung, dass betrügen generell Feigheit ist und da werde ich mich nicht drauf einlassen. Also wird klar kommuniziert und unter Umständen auch dadurch mal ein Freund verloren – aber in Summe dürften dadurch alle zufriedener sein.

Mein Fixpunkt ist mein Fels, mein Hafen, mein Ankerpunkt und meine conditio sine qua non. Diese – und ich darf einfach auch mal sagen meine – Frau, die mich wirklich durch dick und dünn – aktuell eher dick meinerseits – durch better or worse, durch ups and downs und alle Lagen begleitet hat, die gebe ich für nichts auf. Sie ist mein bester Freund und der partner in crime wann immer uns danach ist. Trotzdem sind wir zwei Menschen, die auch sehr unterschiedliche Lebenswelten haben. Sie recherchiert gern, denkt lange über Dinge nach, sucht fakten, überlegt und geht sehr besonnen vor. Das macht sie zu einem unglaublich tollen Partner – sie temperiert meine Art, wenn wir gemeinsam an einem Ziel arbeiten. Das ist aber auch, was sie vom philosophischen Spinnen abhält. Sie mag nicht darüber nachdenken, was es bedeutet, ein Mensch zu sein – und dann den Gedanken so lange zu filetieren, bis klar wird, das man zu sorglos mit dem Begriff umgeht. Sie wird sich nicht in einen politischen Diskurs über die Notwendigkeit von Strafe, Reue und Rache stürzen. Das ist absolut ok. Denn dafür habe ich meine intellektuelle Affäre. Mein Gänseblümchen – den Namen hat sie während des Studiums erhalten – macht genau das mit. Da wird sich vom Strand der rationalen Sicherheit in den Ozean der Denkstürme gestürzt, die Brandung genossen, die Tiefe mit den Zehenspitzen erfühlt und manchmal gehen die Gedanken aufs Surfboard und gewinnen Fahrt.

Jetzt ist der Begriff „intellektuelle Affäre“ ein wenig in die Unterströmung geraten und daher dachte ich: Sortierste mal deine Gedanken und schreibst das auf. Zur Sicherheit. Hat auch was damit zu tun, dass ich früher manche Dinge zu wenig gesagt habe und heute manchmal zu viel sage, oder wie es ein nicht ganz unbedeutender Autor mal schrieb:

“ A gentleman, Nurse, that loves to hear himself talk, and will speak more in a minute than he will stand to in a month.“

Ye olde Shakespeare in the tale of Romeo & Juliet, Act 2 Scene 4

Meine intellektuelle Affäre ist für mich etwas, was eine Facette meiner Persönlichkeit bedient, die ich mit sonst niemandem teile. Wir haben zusammen studiert, wir hatten eine tolle Eskalation ohne zu schaffen, den Ozean ganz zu überqueren und uns einen eigenen Strand zu erobern. Stattdessen hatten wir eine lange Pause, in der wir unabhängig voneinander jeder seine Welt erschuf – aber die Erinnerung und Gedanken doch immer wieder am Strand und vor dem Sprung in den Ozean waren. Wir sind beide sehr glücklich mit unseren Leben aber haben eben diese Facette, die wie Puzzleteile genau zueinander passen. Daher teilen wir diese Sache auch miteinander – weil sie sonst nirgendwo dran passt und wir ohne uns einen Teil von uns unvollendet hätten.

Es ist eine Affäre, denn wir haben geheime Signale, Intimität, Gedankengeschwurbel und Sprachmelodien, die wir für uns haben. Der Inhalt der Beziehung ist sehr eigen. Das ist unsere Welt. Es ist eine intellektuelle Affäre, weil gleich, was sonst noch ist, der Kern des Pudels ist der Spaß und die Lust gemeinsam Denkpaläste zu bauen, durch die man hindurchschwimmen kann. Das gehört nur uns und wenn es kein uns mehr gibt, dann gibt es das auch für niemand anderen.

Mir ist dabei wichtig, dass mein Fels nichts weggenommen wird. Mein Fels bekommt alles und sogar das Letztentscheidungsrecht – diese Facette ist aber nichts, was sie in ihren Ausprägungen benötigt und haben möchte. Ich fürchte auch ein wenig die Möglichkeit, dass sie eines Tages sagt: Teile das mit mir. Das wäre schwierig. Nicht unmöglich, aber schwierig. Dafür ist die Seelenliebe und der Denkurlaub zu komplex und zu weit entwickelt. Aber es wäre möglich – aber derzeit sehr unwahrscheinlich. Der Platz im Kopf und im Herz, der durch das Gänseblümchen eingenommen wird, der wäre gar nicht da ohne sie. Insofern kann das auch nicht weggenommen sein. Das ist auch kein Geheimnis vor meinem Felsen, dass ich da habe – das ist wie bei einer Wahl: Natürlich ist bekannt, wer gewählt hat – aber eben nicht was und daher ist es eine geheime und anonyme Wahl. Genauso weiß sie, dass ich eine intellektuelle Affäre habe, aber eben nicht, was dort gedacht und gemacht wird – weil es eben auch nichts ist, was ich ihr wegnehme. Es entsteht ja erst durch die Kombination mit einem anderen Menschen. Genauso könnte mein Gänseblümchen mir nicht meinen Fels wegnehmen – weil all das, was wir haben, eben erst durch uns entsteht.

Was ich nicht genug anmerken kann ist, dass ich allen Menschen, die mich in meinen Facetten begleiten, dankbar bin, dass sie das tun. Ich gewinne an jedem von euch und jeder von euch hat etwas von mir, dass kein anderer in dieser Form hat. Im wahrsten Sinne des Wortes: Ihr seid mein Leben.

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