JAM | Lost&Found

Mit wachsendem Lebensalter ändern sich ja Dinge. Es ist nicht mehr so wichtig, das richtige Logo am Kühlergrill zu haben – dafür sind beheizte Sitze im neuen Auto eine interessante Sache. Das ist auch lustig, weil man jetzt in dem Alter ist, in dem man sich das wirklich coole Auto leisten könnte – aber seien wir ehrlich, wer will sich mit 50 noch aus einem Golf GTi schälen und dabei die Agilität eines Hohlblocksteins an den Tag legen. Bringt die Miezen auch nicht ans Gerät – dazu braucht man ja einen sauber geshaveten Drei-Tage-Bart, wie die beste Band der Welt dereinst verkündet hat. Apropos beste Band der Welt – fragt mich doch die junge und ausgesprochen attraktive Kollegin auf dem Oktoberfest ganz verwundert, warum ich den gesamten Text von Westerland mitsingen kann. Ich hab ihr dann erklärt, dass ich das Lied schon betrunken gegrölt habe, da war sie noch nicht mal auf der Welt. Im nüchternen Zustand habe ich dann nachgedacht und…sie war da noch nicht auf der Welt…

…was mich zum Thema bringt. Erfahrung – oder wie man so schön sagt: Jeder hat einen Rucksack. Keine Ahnung, ob man das so sagt – ich sage das jedenfalls mal so. Auch ein 14jähriger hat einen Rucksack. Erwartungen aus dem Elternhaus, Erwartungen aus dem Freundeskreis, Erwartungen, die durch YouPorn zustande kommen … der Unterschied zu meinem heutigen Ich ist einfach: Damals kamen die Ziegelsteine im Rucksack von anderen Menschen und heute kommen die Inhalte meines dB-Rucksacks von mir.

Mit 14 hat man ja eher so die Ziegelsteine, weil man sonst nichts hat. Orientierung ohne Starpunkt – Optimierung ohne Baseline. Das ist stressig und macht Pickel. Alles ist zu klein, zu groß, zu wenig oder zu viel. Heute hat man eine Baseline – damals mit 20 war es alles viel einfacher – und man hat einen Ausgangspunkt – der liegt bei Anfang 30. Von 20 zu 30 wurde es konstant besser. Nicht alles schöner, aber besser. Der Rucksack war handhabbar. Bei sich und bei anderen. Weil man ja noch locker zwei Ziegelsteine dazu tragen konnte. Man strotze vor Kraft und man wuchs ja gemeinsam. Mit Freunden und Partnern. Deren Rucksack sah in der Regel gleich aus. Gute Erfahrungen, schlechte Erfahrungen oder auch zu wenig Erfahrungen. Egal was es war, man hat es angepackt und wenn es nicht gepasst hat, mit den Rucksäcken, dann hat man sich was Neues gesucht. Man hatte ja Zeit und alle Optionen.

Heute sieht das so aus: Man hat seinen eigenen Rucksack und mag da auch nicht so gern reinschauen. Das macht sonst Stress und Pickel. Pickel, das wissen wir noch vom Ziegelstein „damals mit 14“, ist für die Partnersuche eher nachteilig. Der Rucksack wird eher zur Belastung, weil man die Option „neuer Partner“ oder „zusätzlicher Partner“ oder „mal was ganz anderes“ angehen will. Man darf auch nicht vergessen, dass der andere Mensch auch einen Rucksack mitbringt, den es zu erfahren gilt. Wenn wir aber schon mit unserem Rucksack nicht klar kommen, dann wird es schwer abzuschätzen, ob man mit dem Rucksack des Gegenüber klar kommt. Primär wichtig ist aber, dass man mit einem gewissen Lebensalter nicht ohne Rucksack kommt. Mit zunehmendem Alter sind die Rucksäcke aber sehr unterschiedlich, weil der andere Mensch nicht mehr aus der Parallelklasse, dem gemeinsamen Seminar oder der gleichen Branche kommt. Da kann auch fix mal ein Kind aus einer anderen Beziehung drin sein oder eine bittere Erfahrung mit einem Ehepartner oder auch zehn Jahre Alleinsein. Wenn das nicht mit dem eigenen Rucksack passt, dann findet man keine gemeinsame Baseline – und dann wird es schwer eine gemeinsame Zukunft zu planen. Man hat nämlich nicht mehr die hire&fire-Beziehungsoption, die man mit 14 hatte. Oder mit 20. Oder mit 30.

Auf was ich hinaus möchte ist, dass man tunlichst vermeiden sollte mit zwei losen Enden in eine Beziehung zu gehen. Das wird zum Drei-Körper-Problem – und damit nicht prognostizierbar und auch nicht steuerbar. Ein Ende ist der Rucksack, den man selbst hat, ein Ende ist der des anderen Menschen und der dritte Drehpunkt ist die Beziehung. Es wird mit einem festen Punkt schon ein Chaospendel. Daher sollte man sich seines eigenen Gepäcks bewusst sein und der Tatsache, dass der andere mit seinem eigenen Rucksack daher kommt. Man muss ja nicht per se gleich den ganzen Rucksack auskippen und sich gegenseitig vorführen, wie kaputt man eigentlich ist. Aber man kann Bausteine zeigen – und wenn man sich seines Rucksacks bewusst ist, dann kann man das sehr gezielt. Da zeige ich halt her, dass ich auf Grund meiner Erfahrung eher an einer offenen Beziehung für beide Seiten interessiert bin. Oder dass ich keine Kinder haben mag. Das sind die dicken Brocken. Die vielen kleinen Dinge kommen ganz von allein. Dann sollte man auch zulassen, dass der andere die großen Steine herzeigt – wenn er sich der Steine bewusst ist. Aber auch da kann man helfen, wenn man sich des Inhalts seines Rucksacks bewusst ist.

Ich betrachte es mittlerweile als positiv meinen Rucksack zu kennen. Ich habe keine Zeit und keine Lust auf „Schaun wir mal, was passiert und wenn es doof ist, dann eben was anderes.“ oder eine Langzeitstrategie. Ich mag keine Zeit mehr mit sinnlosen Projekten verbringen. Ich sage: Das ist mein Rucksack, die schweren Steine da drin sehen so aus – ich will das und das. Was ist dein Rucksack? Passt oder passt nicht. Das ist unglaublich leicht für mich und wird in der Regel auch vom Gegenüber geschätzt. Das Leben wird entspannter – kein langes Geplänkel – gleich zur Entscheidungsschlacht und wenn die nicht angenommen wird oder verloren geht – Danke und weiter. Keine Zeit vergeudet, keine Energie verschwendet. Dazu ist mein Rucksack zu schwer und für mich zu wertvoll.

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