JAM | Macht der Gewohnheit

Man liest Twitter. Man findet einen Tweet. Man denkt kurz darüber nach und … zack ist es 3 Uhr in der Früh und es lässt einen nicht mehr los, dass da was nicht stimmt. Sie kennen das sicher auch. Das passiert doch jedem Menschen. Weil wir ja nachdenken über die Dinge, die wir so tagtäglich konsumieren. Wenn nicht, dann erklärt sich vieles, was so im Rahmen der Dekonstruktion der Demokratie gerade so passiert. Für den Rest: Freut mich, dass es noch mehr geschafft haben, auf der intellektuellen Evolutionsleiter über die dritte Sprosse hinaus gekommen zu sein.

Der Tweet, der es dieses Mal geschafft hat kommt, wie auch beim letzten Mal, von einem Menschen, den ich nur auf Twitter kenne, mit dem ich auf Twitter viel über Abhängigkeiten geschrieben habe und mit dem ich im weitesten Sinne ein Schicksal teile. Die Rede ist von DocPolytraum und der Tweet, der mich Schlaf gekostet hat, war:

Ich bin ja schon per se nicht als besonders empathisch bekannt. Immer wieder höre ich Sätze wie: Du musst auch an die Menschen denken. Das kann man so doch nicht machen. Grundrechte. Menschenrechte. Arbeitnehmerschutz. Das sind alles tolle Sätze. Für mich in der Kategorie „Der gegenwärtige König von Frankreich mag Torte.“ Ich bin da eher – teilnahmslos. Aber wenn sich dann die Gelegenheit bietet, bei einem meiner Lieblingsthemen was zu sagen, dann gehe ich auch gern auf Menschen ein. In dem Fall: Macht hat nichts mit der Wertung „böse“ zu tun. Menschen. Menschen sind „böse“ – Macht ist ein Instrument. Das macht nichts böses, ist nicht böse und hat auch seine Ursache nicht im Bösen. 

Ein großes Missverständnis ist schon mal, dass Macht etwas damit zu tun hat, anderen Menschen den eigenen Willen zu oktroyieren – ja, oktroyieren, nicht aufoktroyieren – und damit ihrem eigenen Willen entgegen zu handeln. Das ist keine Macht – das ist Zwang. Das suboptimale am Zwang ist, dass es nur so lange hält, wie man den Zwang ausüben kann. Wenn ich Alter zwinge, für Ego zu arbeiten, dann wird Alter das genau so lange tun, wie Ego in der Lage ist, seinen Willen zu biegen. Macht hingegen – also wirkliche Macht – schafft Umstände für Alter, die seinen Willen in die Bahn von Ego leiten. Er handelt also aus eigenem Antrieb. Das wundervolle daran ist, dass Ego die Macht nur insofern aufrecht erhalten muss, wie es der Rahmenbedingungen bedarf. Macht per se existiert ja nur per agens – Macht kann man nicht auf Halde produzieren und man kann sie auch nicht erhalten, ohne sie auszuüben. Macht ist das Vermögen Umstände so zu gestalten, dass Alter aus eigenem Antrieb so handelt, wie Ego dies möchte. Das ist schwierig, weil Menschen in ihrer eigenen Begrenztheit schon sehr erfinderisch sind, abstruse Lösungen zu finden und das Label „creative thinking“ dran zu pappen. Ego muss also, um ein System der Macht zu erhalten sehr komplexe Systeme generieren, die es erlauben, Alter dahingehend zu lenken, dass nur einfache Lösungsoptionen realisierbar sind. Das ist nicht böse. Das ist nicht einmal gegen den kategorischen Imperativ verstoßen. Sicher ist Alter hier nur Instrument für Ego – aber Alter kann auch Zweck sein, denn wenn Alter nicht ganz auf der Wurstsuppe dahergeschwommen ist, wird er lernen. Sei es durch die Erkenntnis seiner Lage oder sei es, indem er einen von Ego ersonnen Lösungsweg als praktikabel und reproduzierbar annimmt. Sicher kann Ego auch zu seinem Vorteil handeln ohne auf die Bedürfnisse von Alter Rücksicht zu nehmen – ungesunde Beziehungen und sweat shop slavery zeigen davon. Trotzdem ist es nicht per se Zwang, sondern Macht – und die ist nicht per se böse. Der Einsatz von Macht – zum Beispiel von einem Bündnis kollektiver Sicherheit – muss nicht mit der Absicht Böses zu erreichen erfolgen. Genauso kann ich auch Böses erreichen, ohne Macht – zum Beispiel durch Zwang.

Damit komme ich zum zweiten Punkt – für alles Gute reicht Liebe. Dieses Denken hat uns den Genozid in den Nachfolgestaaten von Jugoslawien eingebracht. Die UNO kann auch nicht nur durch eine „Ihr müsst aber lieb spielen.“ Politik gewinnen. Darüber lacht man sich – spätestens nach ein einer Post-Westfälischer-Friedens-Welt und der Aufgabe des Primats der Kriegführung der staatlichen Akteure – als private military contractor, als warlord oder auch als suprastaatliche Organisation mit wirtschaftlichem Charakter tot. Liebe kann die andere Wange hinhalten und Liebe kann moralisch der Sieger bleiben – das ist aber wie beim Vorfahrt erzwingen – „Ich war im Recht.“ kann man sich dann auf den Grabstein schnitzen lassen. Wie Terry Pratchett der Figur des Krieg – als einem der apokalyptischen Reiter – in den Mund legte

„Speaking as war“ said War „I´d hate to tell you what happens to very small armies that have Right on their side.“

In dem Sinne – Liebe ist genau so wenig gut, wie Macht böse ist. Jedes Mittel kann auf seine Weise zweckmäßig sein. 

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