JAM | Parallelität nicht Doppelhelix

Eines muss mal gesagt werden: Dies ist keine Challenge. Es ist ein DOOC – ein Double Open Online Course. Wenn Sie wissen wollen, wer hier der Lehrer und wer der ungezogene Zögling ist – die Frau Pinkshot69 hat angefangen. Weil ich sie aber mag, werde ich mal im Sinne eines interaktiven Lernens darauf eingehen. Ja, man kennt mich als wirklich großmütigen Menschen. Also meine Mutter zumindest. Ich weiß nicht, ob die Erwähnung meiner Mutter Freud einen feuchten Traum bescheren würde im Kontext dieses Textes, aber … weiter im Text.

Vorab mal: Polyamorie. Das ist aus meiner Sicht absolut falsch. Das geht gar nicht. Es ist Multiamorie oder Polyphilia. Der Plebs kann ja machen, was er mag, aber das hier ist ein parlieren zwischen Magistern…Magistraern…naja, pfeifen wir mal auf das Gendern.

Wie Frau Pinkshot69 so schön beginnt – es geht nicht um Moral. Moral ist immer eine Frage des Kulturkreises und der Zeit. O tempora, o mores, wie ein alter Freund der gepflegten Knabenlieben so gern rief. Nein, hier ist nicht der von mir überaus geschätzte Gregor H. Toerlesz gemeint. Hier ist es Cicero der alte Schwerenöter. Aber lesen mag ich beide gern.

So. Weiter im Text – will ja keiner ewig hier lesen. Haben ja alles was anderes zu tun. Lieben zum Beispiel. Da wären wir schon bei einem wirklich sehr wichtigen Punkt, der FrauPinkshot und mich unterscheidet. Frau Pinkshot hat die Idee, dass man Leben dupliziert. Sie hat ein wundervolles Bild von drei Häusern – eine getrennte Fassade – die durch einen Garten, unsichtbar für alle, verbunden sind. Drei mal das gleiche Leben. Ein Mann für drei Familien. Das ist quasi Zellteilung. Aus so einer Situation ist nachvollziehbar, dass auch Fragen auftauchen: Was, wenn jemand anders besser kann, was ich mit ihm habe. Was wenn der andere Mensch besser Kaffee kocht, sinnvoller küsst oder einfach Cumshots mag, auf die meine Gesichtshaut allergisch reagiert. Das – so sehe ich das mal – ist der Anfang vom Ende einer offenen Beziehung. Das wäre ein falsches Leben im Richtigen. Liebe ist aber kein sui generis Begriff. Liebe hat Facetten … und wenn ich etwas gelernt habe, dann das niemand, kein Mensch, kein Lebewesen und kein Ding alle Facetten bedienen kann.

Dazu muss man wissen, dass ich Liebe viel weniger romantisch sehe, als das gemeinhin scheinen mag. Liebe ist ein Prozess, der zum Leben gehört. Ohne Liebe wird es kaum ein gelungenes Leben geben. Liebe ist aber viel weniger Blümchen und Schmetterlinge. Es ist eine Form der Ruhe, der Ausgeglichenheit, des Vertrauens und des Gemeinsamen. Es ist viel mehr Rationalität als man denken mag. Es ist, wie schon gesagt, eine Verbindung von Gedanken, Seelen und Körpern. Wenn ich mit jemanden zusammen bin, dem ich eine Facette – oder mehrere – von Liebe gegenüber empfinde, dann ist das wie ein Zen Moment. Das kann auch Sex sein – muss es aber nicht. Das kann auch einfach nur sein beim Kaffee zu sitzen und zu plaudern ohne sich konzentrieren zu müssen. Ok, Sex ist toll, aber habt ihr schonmal geschafft, den Kopf auszuschalten. Nur durch die Ruhe, die ein anderer Mensch einem gewährt. Ok, der gemeine Sauerstoffverbraucher schaltet den Kopf in der Regel nicht an – bei mir ist das eher so „Augen auf – Denken an.“ Das geht so bis „Augen zu – Denken aus.“ Dabei brenne ich in der Regel auf 120 Prozent – diese Momente, in denen ich einfach abschalten kann, die sind selten und sie sind wichtig. Für diese Momente liebe ich meine Facettenbesitzer. Mein Eingeständnis: Das Gefühl hatte ich auch bei meinem #kokain. Das fehlt mir sehr, denn diese Facette zu besetzen wird aus meiner Sicht ein Ding der Unmöglichkeit. Wie singen Pizzera & Jaus so treffen: Wenn du enttäuscht bist, dann bist du ent-täuscht. Muss nur im Kopf ankommen.

Ich gebe FrauPinkshot recht, wenn sie schreibt, dass es sehr schwer ist, jemandem, der Polyphilia in einer multilateralen Partnerschaft lebt, zu gewinnen. Da geht es aber nicht darum, dass er jemanden fragen muss. Gefragt haben muss er schon weit vorher – beim eingehen der Partnerschaft. Ich halte es für ausgesprochen gefährlich eine Partnerschaft einzugehen und dann im Anlassfall zu fragen. Sowas ist basal und muss vorab geklärt werden. Bevor sich einer verliebt und sich mehr als bilaterale Beziehungen nicht vorstellen mag. Für jemanden, der sich darauf einlassen mag, einen Polyphilio zu gewinnen, muss klar sein, dass er eine Facette der Liebe haben will. Da geht es nicht per se um Sex. Da geht es um etwa, das man teilt. Darauf kommt es an – der Polyphilio hat eine Facette, die in seinem derzeitigen Kontext unbesetzt ist. Die ist füllbar. Nichts, was einem anderen weggenommen wird. Aber wie bei jeder anderen Form der Liebe auch – es ist ein Prozess des Verliebens. Da küssen sich Seelen – egal auf welcher Ebene. Daher ist es auch kein Fremdgehen – fremdgehen ist das dümmste, was man machen kann. Es ist ein offenes Teilen und das Eingeständnis: Ich kann nicht bester Vater, bester Ehemann, bester Freund, bester Mitbewohner, bester Lover und was nicht alles gleichzeitig sein. Wem das gelingt – Hut ab. Wie gesagt – ich glaube, das kann niemand. Für niemanden. Wenn ich also mit dem besagten Toerlesz H. Gregor eine politisch-intellektuelle Beziehung habe, die für mich schon eine Form der Liebe ist, denn die Art des Umgangs, die wir pflegen, ist für mich immer Herzklopfen pur, ein Lustgewinn an Episteme – ein inneres Fichtennadelschaumbad.

Um beim Bild von FrauPinkshot zu bleiben: Bei mir wären die Häuser eher ein Schloss, eine Bibliothek und ein Reihenhaus. Die Familien wären einmal mit Kind und einem mit Büchern. Einmal mit Bett und einmal mit Kissen-Couch-Landschaft. Das wäre keine verwobene Helix, das wären parallele Linien, die alle zu einer werden, wenn man rauszoomt – und wie eine Packung Spagetti nicht zu zerbrechen ist, wenn sie im Paket gehalten werden, aber jeder für sich, einzeln sehr fragil ist.

Wer profitiert ist hier auch eine sehr ungewöhnliche Frage. Alle. Alle, die wissen, um was es dabei geht. Ein zufriedenes Leben zu führen. Ich will meine Beziehung nicht aufgeben. Ich liebe einen Menschen als besten Freund und als beste Ehefrau. Das ist mein Hafen. Aber ein Hafen allein ist mir zu wenig. Ich brauche einen politsch-intellektuellen Segeltörn, ich brauche eine akademische Frachtroute und ich brauche auch hin und wieder eine Regatta. Allein um mir zu zeigen, dass ich noch im Wettbewerb mithalten kann. Ja, auch fürs Ego. Aber ich würde nie etwas verschweigen und ich würde niemals etwas tun, dass ich nicht klar kommunizieren kann.

Mein Fazit für diesen kleinen DOOC: Polyphilia ist ein Weg, der Komplexität einer Person gerecht zu werden und langfristig alle Aspekte – inklusive der Entwicklung einer Persönlichkeit – gerecht zu werden. Bedürfnisse wandeln sich ja und damit auch die Bedürfnissbefriediger. Es ist in der Tat schwer – eigentlich unmöglich – mehr als eine Beziehung ganzheitlich zu führen. Bei Polyphilia geht es aber darum, ein Leben in all seinen Facetten ganzheitlich zu führen. Ich habe meine kleine Blume, mein Gänseblümchen, mein Kokain – ja, auch das gehört zu meinem Leben – und ich habe Gregor und ich habe mich. Auch das gehört dazu: Sich selbst zu lieben.

So, der Trommelwirbel verhallt. Die Schwaden senken sich über dem Feld. Die FrauPinkshot69 hat es so gewollt. Auch sie ist eine Facette.

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