JAM | …was nicht drin steht…Teil 1

Ein wirklich toller Mensch hat mir letztens ein Kompliment gemacht, dass mich dazu gebracht hat einige Denkinseln zu explizieren. Das Kompliment ist zweischneidig – es bedeutet einerseits, dass ich eine Menge Gedankeninseln habe und andererseits, dass ich zu wenig wissenschaftliche Disziplin habe, um sie in ein System zu gießen.

Man möge mich nicht missverstehen – für mich ist das ein Riesenkompliment. Nicht nur darin, dass man mir Gedanken unterstellt, nein man nimmt auch schon den Plural an – also mehr als einen und wir wissen ja alle, dass man als Y-Chromosapiens einen nicht entfernbaren Gedanken als ROM im Kopf hat. Dann kommt noch hinzu: Von einer Lernbegleiterin, Inspirationsjongleurin und Senagogin, der ich, also jemandem, bei dem der Größenwahn dem Ego die Proskynese angedeihen lässt, allergrößten Respekt entgegen bringt. Ja, da können sie mal sehen – auch ich habe Menschen, zu denen ich hinab hinaus blicke.

Naja, jedenfalls hat mich das zum Nachdenken gebracht. Über die Dinge, die ich im Rahmen meines #masterdesasters so gelesen, gedacht und nicht geschrieben habe. Eines davon war der Begriff Wissensgesellschaft. Das passt dann eben auch irgendwie in einen Blogpost – als Wissensinsel. Nicht als Teil der Arbeit und ganz und gar unwissenschaftlich.

Der Fugenkitt der Gesellschaft

„Das ich erkenne, was die Welt im Innersten zusammenhält…“ ist ein toller Anspruch an sich selbst. Jemand sagte unlängst, „Wenn Faust kommt, ist alles gesagt.“ (c)@seni_bl

Die Frage, die sich mir im Rahmen des Lesens über Wissen stellte ist, wozu sollten wir eigentlich etwas als Wissen, etwas als Meinung und etwas als Glaubenssatz klassifizieren. Was bringt es mir, zu wissen, was die Welt im Kern zusammenhält? Im Grund muss man den Satz zweimal sagen: Was bringt es mir, zu wissen? und Was bringt es mir, zu wissen? Beide Fragen kann man meiner Meinung nach mit dem gleichen Argument beantworten: Wissen dient als Fugenkitt der Gesellschaft.

Ich bin ja ein Anhänger der Kohärenztheorie. Ich denke Fundamentalismus als Basis für Erkenntnis zu verfolgen ist Unsinn. Für weitere Informationen kontaktieren Sie bitte den großartigen Ernest Sosa und seinen Text “ The Raft and the Pyramid: Coherence versus Foundations in the Theory of Knowledge „. Er versucht zwar dort auch die Kohärenztheorie zu zerlegen, aber das Argument erscheint mir weit schwächer als das definitive Schlusswort zum Fundamentalismus.

Ein paar Gedanken halten Informationen zusammen.

Mit der Kohärenztheorie ist es aber so eine Sache – ich kann auch theoretisch ein völlig unsinniges kohärentes Gerüst an propositionalen Aussagen zusammenschustern. Wenn ich so Wissen „zwischen zwei Ohren“ generiere, ist die Distinktion zwischen Glauben, Meinen und Wissen überflüssig – es muss ja nur „in meinem Kopf“ einen Sinn ergeben, damit ich nicht in eine kognitive Dissonanz gerate. Dazu brauche ich keine Kategorisierung über den Stand der Aussagen. Dann sind alle propositionalen Aussagen in einem System gleichwertig. Eventuell in ihrer „Umstösslichkeit“ wichtiger und weniger wichtig, je dichter sie im Kern des Gerüsts stehen. Aber das hat nichts mit ihrer Wahrheit zu tun, sondern einzig mit ihrer Stellung im System. Dann ist nur wichtig, stützt eine Aussage das System oder nicht und wie wichtig ist es mir, diese Aussage zu inkorporieren – bin ich bereit auf andere Aussagen, die dem widersprechen zu verzichten. Aber Wissen – Wissen als Kategorie wäre überflüssig in einem rein subjektiven Betrachtungswinkel von Wissen.

Wozu dann also Wissen – also solches, dass nur zwischen zwei Ohren vorhanden ist? Nun, der gute Hubert Knoblauch hat in seinem Buch „Wissenssoziologie“ aus meiner Sicht ganz richtig argumentiert, wenn er schreibt, dass „Wissen wesentlich sozial ist“ – als sozial vermittelter Sinn im Kern das Bindeglied, dass Gesellschaften formt. Der Begriff Wissensgesellschaft ist damit ein Pleonasmus – alle Gesellschaft basiert auf einem gemeinsamen Wissensvorrat. Wenn also heute jemand daher kommt und meint, dass die Produktionsfaktoren Arbeit, Produktionsmittel – nay Boden – und Kapital müssten durch Wissen ergänzt werden, dann mag das eine neue Erkenntnis sein, aber kein neues Konzept, denn ohne Wissen formt sich auch keine Arbeitsgemeinschaft und schon gar keine Gesellschaft.
Wozu dient das Wissen – es dient in der Formung von sozialen Gemeinschaften zum Bezug auf die gemeinsame Lebensumwelt. Wenn sich ein soziales System nicht auf eine gemeinsame Basis in Form von Fixpunkten in der Umwelt beziehen kann, dann wird es auch keine Gemeinschaft bilden. Ein Wort ist nur dann mehr als ein Laut, wenn es mit einem Sinn gefüllt ist und dieser Sinn ist die Übereinkunft, was es bedeutet. Im Bezug auf die gemeinsame Umwelt ist es der Referenzpunkt. Das gemeinsame Wissen einer sozialen Gruppe macht den Austausch von Gedanken möglich. Die alte Mär vom Turmbau zu Babel zeigt das ganz gut – durch die Wegnahme des gemeinsamen Bezugspunkts – des Wissens über die gemeinsamen Bezugspunkte – verdarb das Werk.

Luhmanns schreibt in der „Wissenschaft der Gesellschaft“, das „Bezugsfeld des Wissens gehört zu den konstitutiven Merkmalen des Gesellschaftssystems…“ – er beschreibt ein Henne-Ei-Problem. Seiner Ansicht nach braucht es Wissen, um Sprache zu entwickeln. Ich halte dem entgegen: Nein, es braucht kein Wissen, um Sprache zu entwickeln. Es braucht Glauben – ich muss erstmal annehmen, dass der andere etwas sinnvolles äußert, dass er in der Form einer Logik gebunden ist und das Objektkonstanz vorliegt. In Form eines Sprachspiels wird sich dann ein gemeinsames Wissen formen. Polanyi führte hier ein nicht wörtliches Zitat – das eigentlich auf einer Reihe von Zitaten basiert – von Augustinus an: „Erst muss man glauben, um dann zu wissen.“ So wie ein Kind die Handlungen der Eltern betrachtet und – unter der Prämisse, dass es sinnvolle Handlungen und Äußerungen sind, die einer Konstanz folgen – diese imitiert. Es glaubt und bei positivem Feedback hat es einen Bezugspunkt. Es wird in der Folge erkennen und dann wissen. Das ganze geschieht über einen sozialen Kontext.

Wir haben also eine Gesellschaft, die im Wesentlichen auf einem gemeinsamen Wissensfundus beruht. Was würde uns zu einer Wissensgesellschaft machen. Hier komme ich wieder auf Knoblauch zurück: Wissensgesellschaften betrachten Wissen als Objekt. Das sind noch keine Wissenschaftsgesellschaften – vielmehr basieren Wissensgesellschaften nicht nur auf dem Produktionsfaktor Wissen, sondern auch auf dem Produkt Wissen. Wissen wird als etwas planbar und prozesshaft herstellbaren betrachtet. Wissen wird nicht nur vom Gentleman Polymath produziert, sondern ist in allen Bereichen Gegenstand der Betrachtung. Wissen wird zur Ware – nicht nur in einem Spionagekontext, sondern auf einem Wissensmarkt, in dem Informationen, Talente und Praktiken getauscht werden können. Damit fördert man nicht nur weitere Wissensgenerierung, sondern erweitert auch das soziale System – ohne einen Anspruch auf Weltfrieden zu haben, aber man hat eine gemeinsame Basis des Blicks auf die Welt. Das sollte man auch als solchen würdigen, ohne die Erwartung zu überfrachten. Im Gegensatz zu Knoblauch sehe ich Kommunikation nicht als empirische Form des Wissens und die Kommunikation von Subjekten als Diskurs zwischen zwei subjektiven Wissensträgern. Vielmehr ist es die Kommunikationen von Informationen, die durch beiderseitige Akzeptanz des Ergebnis zu Wissen wird.

Auf die Frage zurückzukommen: Was bringt es mir, etwas zu wissen? Es bringt mir die Möglichkeit neuer Informationen und die Prüfung meines subjektiven kohärenten Systems. Es stärkt das soziale System und bildet damit einen impliziten Gesellschaftsvertrag. Coole Geschichte eigentlich – nächstes Mal dann mehr zur Wissenschaftsgesellschaft. Wer das liest, ist noch nicht eingeschlafen.

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