JAM | Weiß doch ´eh jeder

Ich treffe in meinem täglichen Leben immer wieder auf Menschen, die mit Begriffen um sich werfen, von denen sie nicht wissen, was sie bedeuten. Da spreche ich nicht einmal von den Fremdwörterkatapulten, die einfach falsche Wörter nutzen, sondern von Menschen, die Wörter verwenden, ohne sich Gedanken zu machen. Platons Dialog des Sokrates mit Laches über die Tapferkeit. Solange man nur darüber redet, dass jemand tapfer sei, passt auch alles. Scheinbar. Doch wenn man dann fragt, was damit gemeint sein soll, dann stellen die Menschen recht häufig fest, dass sie nicht wissen, von was sie sprechen – oder sie halten den Fragenden für dumm, denn wie kann man nur so eine Frage stellen. Ganz grundsätzlich stellt das auch kein Problem dar, denn in der Regel reden zwei Blinde über die Farbe Rot und beide meinen die Farbe sei schön. Der Zweck des Gesprächs ist damit erfüllt und man geht in der Tagesordnung weiter. Beide wissen ja, wovon sie sprechen. Einer von Signalrot und einer von Cayennerot. Macht aber nix – sind ja ohnehin Blinde. Genau so geht es auch beim Thema Wissen. In einem täglichen Gespräch muss ich mein Wissen nicht bis zu fundamentalen Bausteinen zurück verfolgen – da genügt es, wenn beide die Prämisse akzeptieren, dass der Gesprächsgegenstand wahr und begründet ist. Die Tiefe der Begründung wird erst relevant, wenn es eine Unstimmigkeit gibt und dann muss man Tiefenbohrungen anstellen – wobei bei den meisten reicht ein wenig Scharren mit dem Fuß in der Lithosphäre ihrer geistigen Geröllwüste. Bei Begriffen wie Tapferkeit, Gerechtigkeit, Wahrheit oder ob Bibi nun Gottes Geschenk an die Menschheit oder ein  Blib im Buch der Menschheit ist, wird man sich doch eher schnell einigen. Schwerer wird es dann schon bei den Dingen, die eigentlich nur jeder für sich entscheiden kann. Bei diesen Begriffen, die aber durchaus moralische und sittliche Implikationen haben, muss ich für mich entscheiden, ob ich einer Norm folge oder mein Glück suche. Trotzdem redet jeder darüber, als gebe es da nur einen Inhalt – bei einem Begriff wie Liebe.

Liebe gibt es in so vielen Schattierungen und in so vielen Wesensarten, dass es eigentlich abstrus anmuten muss, einen Begriff dafür zu haben. Ja, man könnte mit den Wittgensteinschen Familienähnlichkeiten beginnen, aber auch das erscheint meiner Meinung nach kaum zielführend. So ad hoc meine ich mal: Es gibt keine Liebe. Es gibt das, was jeder Mensch zu jedem Subjekt und Objekt in seinem perzeptiven und kognitiven Umfeld fühlt. Das wir den Begriff der Liebe brauchen hat rein kommunikationsbezogene Gründe. Ich habe zum Beispiel früher wenig davon gehalten, Menschen „Ich liebe Dich.“ zu sagen – man weiß ja nie. Am Ende war es nur Triebsteuerung. Ich möchte hier einen Menschen zitieren, der viel damit zu tun hat, dass ich heute schon bedeutend menschlicher bin, als zum Zeitpunkt, an dem er mich fand. Auf die Frage „Wenn der andere ´eh weiß, dass man ihn liebt, muss man ihm das auch noch sagen?“ antwortete er:

„Natürlich. Laut und immer wieder!“

Man beachte, dass ich entgegen meiner Ansicht, dass Ausrufezeichen etwas für Leute ohne ausdrucksstarke Formulierungsfähigkeit sind, doch eines gesetzt habe. Der Nachdruck, der aus seiner Augen drang macht das Satzzeichen so notwendig. Ich brauche also ein Wort, um zu transportieren, was eigentlich nicht zu transportieren war. Liebe. Dabei ist es auch nicht wirklich relevant, ob alles, was in mir ist, damit beim anderen ankommt: Wichtig ist, dass der andere versteht, dass das, was in mir ist – implizit – und für dass ich Äonen brauchte, um es zu erzählen, mehr ist als nur „Cool mit Dir abzuhängen.“ Alle Versuche, das in Worte zu packen, ist wie im Unterricht einen Frosch zu sezieren: Keiner möchte da sein, am wenigsten der Frosch. Am Ende habt man eine Sauerei, ist keinen Deut klüger und der Frosch ist tot.

Ich liebe verhältnismäßig wenige Menschen. Besagten Zitatgeber auf einer tiefen menschlichen Ebene. Meine Frau so ziemlich ganzheitlich. Mein Sonnenschein auf intellektueller Ebene. Meine Mutter aus Bewunderung. Mein Kokain – und das war ein langer Prozess des Eingestehens – auf einer Begehrensebene. Alles Liebe. Alles auf einer anderen Basis und ohne jemand etwas weg nehmen zu müssen. Weder liebe ich mein Auto, noch Geld noch eine Bücher. Polyamorie – eigentlich Polyphilia oder Multriamorie wenn man genau sein möchte – ist etwas, dass ich mir schon lange zuschreibe. Nicht, weil ich Fremdgehen gut sprechen möchte, ganz im Gegenteil. Fremdgehen ist bescheuert. Menschen gehen nicht, weil man andere Menschen auch liebt, sondern weil man nicht offen und ehrlich miteinander umgeht. Liebe hat viele Facetten und irgendwie auch kaum eine Konstante. Aber eine muss es geben – sonst wäre der Begriff in der Tat inhaltsleer…

 

…eventuell sollte man sich aber, wie beim Begriff des Wissens, nicht zu sehr darauf versteifen eine Begründung zu finden, sondern einfach in sich hinein hören. In der Regel hört man dann, ob es Liebe ist. Dann weiß man es auch. Liebe ist immer der, das oder die Andere – und Liebe geht nur im Netzwerk.

Amtsblatt | Change Work

Ich darf mich mit einem Projekt beschäftigen, dass sich mit der Erstellung eines Leitfadens zum Thema Building Information Management zum Facility Information Management befasst. Beschäftigen sage ich deshalb, weil die Projektgruppe ein KickOff Meeting hatte und der Projektauftraggeber ein leicht flaues Gefühl hat. Zu Recht, wie ich nach den Besprechungsnotizen sagen darf.

Wenn man als Branchenverband ein solches Projekt angeht, dann sollte man einen Leitfaden erstellen, der es der Branche ermöglicht, den Mehrwert und Nutzen an das Management zu kommunizieren. So ein Leitfaden ist ja quasi das Drehbuch für einen guten Pitch – kurz und knapp, alles Wesentliche und als Ziel: Was muss passieren, damit der Kunde welchen Vorteil hat?

Genau das ist nicht passiert. Da werden sich Gedanken über das operative Doing gemacht. Da geht es darum „Was kostet es?“ und „Welche Bedenken haben wir?“ und „Was kann alles schief gehen?“. Also im Prinzip ein Sammelsurium von Bedenken. Als Nicht-Ziel wurde schomal „Was ist der Mehrwert?“ definiert. Ich sage es mal so: So nicht. Also werde ich jetzt daran gehen, ein Konzept zu basteln, dass als Grundlage zur Erstellung eines Leitfadens dient. Das wird dann wohl mehr oder weniger der Projektauftrag. Eventuell bringe ich mich noch in das Projektcontrolling ein.

Der Ansatz ist: Wenn wir das nicht machen als Branche, dann macht es ein Neueintritt – denn der Bedarf ist da. Wir müssen nur daran gehen, dem Kunden klar zu machen, warum es das nicht zum Nulltarif gibt und was sein Mehrwert ist. Das wird bei den Kunden schon schwer genug, weil er gewohnt ist, im Rahmen von Vergaben „Das machen wir einfach mit.“ zu hören…und dann nie wieder etwas davon zu sehen. Insbesondere Reportings und Strategien – da hat er in der Regel keine Leute im Unternehmen, die sich damit befassen. Also klingt das alles toll bei der Vergabe und findet am Ende nicht statt. Also sollte ein Mehrwert sein: Dashboard mit Kennzahlen auf Basis der Gebäudedaten. Zack – keine Monats-, Quartals- oder gar Wochenreports, sondern ein Blick, was meine Investition gerade macht. Spart seine Zeit und unsere. Schauen wir mal, ob man mir da folgt.

JAM | Aristokratie

Mein Adelskind geht zum Feedbackgespräch. Ich muss früher anfangen. Kinder, die man fördern will, muss man auch rechtzeitig loslassen. Im vorliegenden Fall ist das etwas schwerer als sonst, denn mein Adelskind ist … mehr. Trotzdem war es mir wichtig, sie in ein Förderprogramm zu bringen, ihr interessante Projekte mit entsprechender Facetime bei den Entscheidungsträgern zu verschaffen und die Weiterbildungen durchzubringen.

Jetzt hat sie das Assessementcenter hinter sich und heute bekommt sie das Feedback von der Konzernpersonalentwicklung. Das wird mindestens hilfreich, denn ich kann ja nur meine Sicht kund tun. Wenn das alles so kommt, wie ich das derzeit geplant habe, dann wird sie bald von meinem Bereich in einen anderen operativen Bereich wechseln. Ein Bereich, in dem sie viel bewegen kann, in dem sie lernen kann und in dem sie … wundervoll sein wird. Das ist förderlich, denn mit dem Spektrum, dass sie dann in 3 bis 4 Jahren hat, wird sie besser aufgestellt sein, als alle anderen. Dann muss ich sie nur noch zu einem akademischen Titel bringen.

Ich liebe es Menschen zu formen – aber noch mehr liebe ich es, meine Kinder zur Blüte zur bringen. Mehr noch liebe ich diesen Menschen.

Watercooler | Verschieben

Manchmal muss man ja Vorgänge priorisieren. Das ist ein schönes Wort für verschieben. Priorisieren – das klingt einfach danach, als hätte man es im Griff. Als wäre es eine rationale Entscheidung. Man ist Herr seiner Selbst, Schmied seines Glückes, captain of the boat. Der moderne Mensch – homo faber der Autopoiese. Ähnlich wie beim Scheitern mag sich kaum jemand eingestehen, dass wir oft nur Passagiere sind und das wir auch einfach mal keine Lust haben.

Ich verschiebe Dinge in schöner Regelmäßigkeit. Manchmal weil es sich einfach nicht ausgeht – aber manchmal…ok, oft auch einfach, weil es eine Arbeit ist, die ich gerade nicht erledigen mag. Ich belohne mich quasi. Ich belohne mich vorab mit einem guten Gefühl, meine Zeit etwas Schönen zu widmen. Jetzt könnte man annehmen, dass ich dafür hinterher bezahle, wenn ich die Arbeit dann doch und unter Zeitdruck und nur halbherzig mache. Das ist aber in der Regel nicht der Fall. Interessanterweise ist, wenn ich mir das offen zugestehe, dass ich einfach keine Lust habe und die Zeit genieße, eher so, dass ich meine schöne Zeit verdopple. Ich arbeite unter Zeitdruck einfach etwas konzentrierter. Also habe ich den Genuss der Fertigstellung und die Erinnerung, wie schön es war, die Arbeit nicht zu machen. Das insbesondere da ich, ich bin ja doch schon recht alt, gelernt habe, dass selbst wenn ich die Arbeit sofort erledige, ich am Ende nicht mehr Zeit habe – denn neue „wichtige Dinge“ sind immer da.

Insofern habe ich meine eigene Eisenhower Matrix und sie schließt „verschieben“ und „genießen“ mit ein. Ich lebe etwas entspannter. Ich bekomme meine Arbeit fertig. Nicht zuletzt lebe ich.

Amtsblatt | Atomspaltung

Ich suche eine Definition. Ein guter Philosoph würde jetzt erst einmal anfangen, zu beschreiben, was eine Definition ausmacht, um dann zu ergründen, was seine Definition im speziellen beinhalten muss. Ein guter Philosoph. Ein Denker würde sich erstmal überlegen: Wozu brauche ich so etwas? Ich versuche mich mal als Denker und überlege mir: Was ist der Platz des zu Definierenden im Rahmen meines Gedankengebäudes. Damit habe ich gleich zwei Fliegen mit einer Klappe erschlagen: Ich habe mich als Kohärentisit geoutet – macht ein guter Philosoph auch nicht, denn es legt mich ja gleich fest – und ich habe klar gemacht, dass ich eher teleologisch als doxastisch denken. Mir geht es nicht um Lehrbuchdefinition, sondern um eine praktische. Nicht einer Denkschule mit all ihren Dogmen folgend, sondern einfach darauf los zu überlegen.

Naja, ok. Ich habe schon gute Gründe, warum ich die Kohärenz dem Fundamentalismus vorziehe. Es liegt in der Atomspaltung. Das Problem des Fundamentalismus ist ja, dass man die Proposition auf basale Aussagen, die ihrerseits nicht weiter zergliederbar sind und zweifelsfrei bewiesen sind, zurückführt. Das Ganze ohne Zirkelschluss. Man ahnt schon – der Fundamentalismus ist das Arbeitsamt der Erkenntnistheoretiker. Es gibt so etwas wie unstrittige Aussagen – Axiome – die keiner mehr angreift oder die sich nicht weiter zergliedern lassen, in der Philosophie nicht. Es findet sich immer jemand mit einem „Ja, aber…“ Selbst „2+2=4“ ist eine Aussage, bei der irgendjemand aufsteht und „Sagt wer?“ ruft. Ganz davon zu schweigen, dass es in einem komplexen System auf irgendeine verschwurbelte Weise immer einen Zirkelschluss geben wird. Trotzdem kann ich sagen, dass ich gern Philosophie betreibe. Das kann einem kein Mensch weg nehmen.

Wie dem auch sei – Atomspalterei mag ich nicht und ich denke auch, dass eine fundamentalistische Erkenntnistheorie einer komplexen Welt nicht gerecht wird. Es reduziert Beziehungen zwischen Sachverhalten auf eine unzulässige Weise. Daraus eine Erkenntnis abzuleiten ist wie die Anekdote vom Suchenden im Licht der Straßenlaterne – dort hat er den Schlüssel zwar nicht verloren, aber dort Drüben im Dunkeln findet er ja nie was er sucht. Es liefert Antworten, die auf gut Glück richtig sein können – aber das ist kein Wissen. Damit wären wir beim Thema: Was ist Wissen? Ich denke mal nach.

JAM | Change Work

In der Regel sind Sachverhalte nicht überraschend. Sachverhalte folgen – jedenfalls in meinem perzeptiven Universum – Kausalitäten und Zufälle sind Kausalitäten, die wir noch nicht ergründet haben. Es ist durchaus möglich, dass Entwicklungen nicht so passieren, wie man sich das erhofft hat. In einer perfekten Welt könnte man alle Informationen in eine Bewertung einbinden und es würde sich eine Prognose entwickeln, die eigentlich keine Prognose, sondern eine Darstellung der Entwicklung, die sich notwendig so darstellen wird. In der Realität müssen Prognosen mit optionalen Entwicklungssträngen mit Wahrscheinlichkeiten entwickelt werden. Der Stochastik folgend können also auch Optionen realisiert werden, die einen eher geringen Wahrscheinlichkeitsweg haben.

Es gibt ab und an einen Sachverhalt, den analysiere ich nicht und den bewerte ich nicht. Den lebe ich einfach. Den erlebe ich. Dazu müssen die Menschen passen und diese Gelegenheiten sind selten. Dieser Fall tritt immer dann ein, wenn ich einen Freund brauche. Ich habe eigentlich nur vier Freunde – einer hat sich, weil ihn seine Frau betrogen hat gegen einen Baum gefahren und ist tot, einer ist seit langem aus meinem Leben raus und einer ist weit weg. Der vierte und wichtigste Freund ist meine Frau. Jetzt brauche ich einen Freund. Das ist für mich ein großes Ding. Das war ein Projekt, dass ich seit fast fünf Jahren verfolge. Mit Rückschlägen und mit so vielen emotionalen Kosten, dass ich rational schon lange aufgeben müsste. Ich kann aber nicht.

Es ist also an der Zeit, einen Schritt zurück zu nehmen und zu sehen, was sich ändern muss, damit ich wieder atmen kann. Derzeit kann ich das nicht. Derzeit kostet mich das Nachdenken und das Überspielen von emotionalem Sturm so viel Energie, dass ich kaum dazu komme, die Dinge zu tun, die ich normalerweise gut mache – Denken, Lernen und Steuern.

Aktuell muss ich also sortieren, was ich machen sollte, was ich machen kann und was ich machen will. Ich kann das Projekt nicht einfach abschließen. Ich kann in dem Projekt nicht mehr gewinnen. Ich kann das Projekt nicht auf die rationale Ebene ziehen. Ich habe nicht mal jemanden, um Ideen zu pitchen. Im Grunde genommen kann ich nur mit mir selbst ins Reine kommen. Das wird eine neue Erfahrung – und das ist ja auch, was Leben bedeutet. Selbst mit 50.

Im Prinzip werde ich also Dinge aus meinem Leben aussortieren müssen, die ich aktuell nicht brauche und mich auf Dinge konzentrieren, die ich nicht aussortieren kann. Das wird Change Work – und dazu gehört auch ein Tal der Tränen.

JAM | Gedankentetris

Ich habe ja das sagenhafte Glück, dass ich meiner Passion in der Firma nachgehen darf: Ich bin ein Informationsjunkie und darf hier eine Datenkrake sein. Das hat schon so seine Vorteile. Es hat aber auch Nachteile.

Der wesentliche Vorteil ist, ich kann und darf und manchmal soll ich auch bei allen Dingen mitreden. Das kommt mir entgegen, denn „an idle mind is the devils playground“. Das haben meine Chefs schnell mitbekommen und versorgen mich mit meinem Treibstoff: Informationen und Tätigkeiten. Wenn ich da nicht ausgelastet bin, dann suche ich mir Beschäftigung und das geht meist für andere nicht gut aus. Da fallen die Bausteine sehr rational und wenn es funktioniert – was es bis dato immer getan hat – dann verschwinden die Reihen und ein wohliges Gefühl der Zufriedenheit stellt sich ein. Auch wenn sie mal schneller fallen – es gibt immer eine Lösung. Aktuell darf ich vier Jobs machen und das ist so unsagbar erfüllen, ich kann gar nicht sagen, was schöner ist.

Doch. Es gibt etwas, das schöner ist. Das ist der Nachteil. Solange alles sach- und fachbezogen gehandhabt wird, könnte ich auch noch einen fünften Job machen. Wenn es aber nicht mehr rational zu erfassen ist – wenn man eine Obsession hat – dann wird es schwierig. Ich habe ja in der Regel kein Problem Menschen wie Bausteine zu behandeln und wenn sie nicht funktionieren, werden sie so lange gedreht, bis sie verschwinden. Nur bei meinen Kindern – den Adelskindern – ist das anders. Speziell bei ihr. da ist nichts rational. Da sieht das Spiel derzeit so aus

Da verschwindet nichts – auf der rechten Seite könnte ich schon alles locker weg haben, aber ich kämpfe auf der linken Seite. Verzweifelt. Sie wissen schon – die Hoffnung stirbt zuletzt, dass der richtige Stein kommt. Aber es gibt keinen richtigen Stein. Es gibt nur die Steine die kommen.

Hinzu kommt, dass wir hier mit der Situation „Scorched Earth“ arbeiten. Beide Seiten verbrennen alles unter ihrer Kontrolle. Sie kann aber besser „Ablegen und vergessen“ als ich – auch, weil mir sehr viel an ihr liegt.

Daher also kann ich derzeit nicht auf der rationalen Seite voran kommen. Dafür gehen aktuell zu viele Ressourcen dafür drauf, das Bild einer ruhigen See zu zeigen, wenn innerlich der Sturm wütet. Restart des Spiels ist ausgeschlossen. Das geht nu auf der rechten Seite. Die linke Seite ist wie sie ist – und ich bin etwas betrübt darüber, dass ich nicht davon lassen kann.

ich frage mich, ob das mit richtigen Kindern genauso ist – und wenn ja, bin ich froh, dass ich keine habe.

Watercooler | Müßiggang ist aller Anfang

Also vorab – der Text von @blume_bob auf seinem Blog ist wie ein emotionaler Tag am Meer. Ich habe kaum jemand gelesen, der mir beim Lesen dieses Gefühl von Brandung in die Synapsen pflanzt. Wenn jemand also einen kurzen Stressbreak braucht: Da hin gehen und lesen.

Ich kann mich auch nur dem Kerngedanken anschließen: Müßiggang ist nicht Faulheit. Müßiggang ist der Beginn von Innovation. Es ist auch der Weg zu Innovation. Die Arbeitsstättenverordnung fordert nicht ohne Grund, dass Büroarbeitsplätze Fenster haben sollen. Wer verpasst, ab und an inne zu halten und mal aus dem Fenster zu sehen – oder auch nur mal sich zurück zu lehnen und an die Decke zu starren, um einfach am Gedankendrifting zu betreiben – der wird kaum produktiv bleiben können. Es wird ja ohne Probleme akzeptiert, wenn der Zug der Nikotinsüchtlinge zur Raucherinsel zieht, um sich über dies und das zu unterhalten – ohne Mehrwert. Aber zwischen zwei Meetings einfach mal 5 Minuten Kopf frei machen – das ist „Schau mal, der hat nichts zu tun.“

Dieses Recht sollte man sich einfach nehmen – sicher wird nicht jeder die Möglichkeit haben, seinen Mitarbeitern einen Tag im Monat frei zu geben, um zu tun, was er will, Hauptsache er teilt die Ergebnisse mit den Kollegen und der Firma.  Ganz egal, wie produktiv das langfristig ist. Aber ihnen die Möglichkeit zu geben, zu reflektieren, einmal auf neutral zu schalten oder auf die Werkseinstellung zurück zu gehen – das sollte drin sein.

Dazu zählt auch digitaler Müßiggang. Man muss auch manchmal – um es mit den Worten von Peter Lustig zu sagen – abschalten. Darauf pfeifen erreichbar zu sein. Ich habe solche Momente – um 6 Uhr in der Früh auf einer Bank am Hohen Graben. Wenn die Stadt erwacht. Alles noch ruhig ist und man die Seele der Stadt atmen kann. Ab und an auch beim Rasenmähen – da kann mich keiner ansprechen. Hin und wieder beim Wandern – wenn nur der Wald rauscht und das so weit die Beine tragen. Gerade wenn man zu viel zu tun hat und eigentlich keine Zeit hat – oder wie mein alter Bataillonskommandeur gesagt hat: Macht langsam – wir haben es eilig und viel zu tun.

Den schönsten Müßiggang gönne ich mir aber ab und an, indem ich per google street view durch London spaziere. Das ist Urlaub und dabei kommen mir Ideen. Müßiggang. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Amtsblatt | Invasive Transformation

Die Bildungspunks rufen und das hört man, auch wenn man kein Lehrer ist. Wobei ich ja den Begriff Pädagoge mehr schätze und das sollte man im wahrsten Sinne des Wortes auch als Führungskraft sein. Jemand, der den Nachwuchs leitet, führt, zieht, schiebt und … hin und wieder nudged. Nudging – mein Lieblingswerkzeug bei der Entwicklung meiner Adelskinder. Aber ich schweife ab.

Die Bildungspunks interessieren sich diesen Monat für das Thema Change Management im Bereich der Digitalisierung…und wie bekomme ich die das Urgestein einer Firma, die Gordon Gekkos auf der Brücke und die vielen Räder im Getriebe der modernen Zeiten ins Boot.

Aktuell reden die Flaggoffiziere über die Notwendigkeit der Digitalisierung, die Offiziere sind zu sehr damit beschäftigt den Dampfer am Laufen zu halten, die Bootsmänner haben „das noch nie gebraucht in ihren 20 Jahren der Seefahrt“ und die Matrosen sind hier für die Heuer und den Besuch im nächsten Hafen. Ich betrachte mich ja in diesem Bild als den Adjutant des Admirals. Gesegnet mit recht vielen Freiheiten und dem Wissen, dass ich diese Freiheit nutzen kann, weil ohnehin kaum jemand versteht, was ich mache und auch in der Regel nicht fragt, weil ich ja der Adjutant bin.

Also zurück zum Shift: Jeder Mitarbeiter weiß, dass wir ein Computer Aided Facility Management System benötigen, wenn wir weiter kommen wollen. Jeder Mitarbeiter – nein, eigentlich weiß es keiner. Keiner weiß, warum wir das brauchen und es macht eigentlich auch nur mehr Arbeit und „ich will doch nur Techniker sein und nicht meine Zeit vor dem Tablet verbringen…“. Mein Ansatz ist: Suche Dir sehr wenige Multiplikatoren und beginne beim Change ganz unten.

Die Multiplikatoren in meinem Fall war eine Mitarbeiterin aus dem Vertragsmanagement, die Erfahrung in der Umsetzung von IT-Projekten im administrativen Bereich hat  Keine IT-Frau, sondern eher eine durchsetzungsstarke Persönlichkeit mit der Fähigkeit die Sprache des Management und die Sprache der Techniker zu sprechen. Das war mein Brecheisen. Das oberste Management an Bord zu bekommen war kein Problem – man verspreche Ihnen einfach Kennzahlen. Management loves Kennzahlen. Die Basis waren dann Techniker und die unterste Führungsebene – Leute am Beginn ihrer Karriere. Leute, die zwar auch im Tagesgeschäft ertrinken, aber die auch einen Zug sehen und rechtzeitig einsteigen, denn es hebt sie von den Dinosauriern ab.  Tricky ist, dass das ein long-shot ist. Das kostet auch einen breiten Rücken, denn die Basis muss lange und ausdauernd geschützt werden. Gerade gegenüber dem mittleren Management. Dazu gehört auch ein ständiges promoten von quick wins als deren Verdienst  gegenüber dem obersten Management. Das ist der Nukleus, um den sich der Change entwickelt. Spätestens wenn das Management sieht, wie die Basis – diese kleine Gruppe – Mehrwert produziert. Wie sich deren Verantwortungsbereiche steuern lassen und sich als komplexe Systeme mit Hilfe digitaler Transformation zu einem power house verwandelt, dann hat man es geschafft. Dann kann man diese „Invasiven Mitarbeiter“ in anderen Bereichen als Sandkorn setzen, auf das es Perlen werden. Das ganze gesteuert durch den Multiplikator. Das ist „Team Future“ in meiner Firma und ich freue mich darauf, das Ergebnis bis zu meinem Ruhestand zu sehen.

Marina Weisband hat etwas interessantes über Kinder getwittert:

In der Tat sind sie hier und sollen sie uns ersetzen. Das ist die Chance. Wenn wir die Kinder erreichen und ihnen den Freiraum geben, dann kommt der Change unausweichlich. Das mag länger dauern, ist aber nachhaltiger. Man kann auch brachial top down den Wandel erzwingen – aber dann machen Menschen nur was sie sollen und nicht, was sinnvoll ist. Aber gewachsenen Wandel – das ist Zukunft bauen.

Das habe ich auch mit meinen Adelskindern gemacht. Nebenbei: der Begriff Adelskinder resultiert, weil die Geschäftsführung zwei Königskinder hat und die Abteilungsleiter ihre Fürstenkinder – meine sind eben Adelskinder. Allerdings Industrieadel – die beiden arbeiten für ihre Erfolge. Bei meinen Ansprüchen mehr und intensiver als der durchschnittliche Mitarbeiter. Ich helfe ihnen, wo ich kann und sorge nur dafür, dass ihre Leistung „gesehen“ wird. Nepotismus – ja, aber sie zahlen auch mit höheren Ansprüchen, die sie erreichen müssen. Investitionen in Kinder haben das beste ROI – und Wandel ist in ihrer Natur. Alles was es braucht, ist ein wenig nudging.

Amtsblatt | Warum Zwangsbeschulung?

Durch meinen neuen Kommunikationskreis auf Twitter darf ich ja ab und an – ok, eigentlich dauernd – neue Perspektiven auf Dinge erfahren, die mir ohne diese tollen Menschen nicht so präsent wären.

Der Blog Bildungsdesign hat in einem Post die Rede eines Schulleiters aus Anlass der Verleihung der Hochschulreife wiedergegeben und das hat mich – nicht zuletzt, weil ich mich ja gerade intensiv mit Wissen beschäftigen darf – zum Nachdenken über „Zwangsbeschulung“ gebracht.

In der Rede gibt es einen Punkt, der mich in der Tat angestachelt hat:

„Es gibt in unserer Gesellschaft drei Gebäudetypen, die sich erschreckend ähnlich sehen: Schulen, Kasernen und Gefängnisse. Alle drei Gebäudetypen stammen aus der Neuzeit und dienen demselben Zweck: Menschen tauglich zu machen für eine Gesellschaft, die sich immer mehr ökonomischen Zwängen unterwirft.“

Vorab: In Deutschland gibt es keine Wehrpflicht, aber eine Schulpflicht. In Deutschland gibt es eine sehr liberale Strafjustiz – bei der Schulpflicht gibt es da eher weniger Spielraum. Aber zum Kern der Sache – es gibt nur in einer Hinsicht einen Zwang und dieser hat genau den gleichen Grund, wie die Straffreiheit für Körperverletzung, wenn sie durch einen Chirurgen im Rahmen einer Notoperation vorgenommen wird: Man will das Beste für jemanden, der aktuell darüber nur bedingt entscheiden kann.

Wenn wir davon ausgehen, dass Kindern gern lernen – und lernen wollen – dann erübrigt sich auch schon das Wort Zwang. Es handelt sich dabei eher um einen Schutzschirm. Wer hier gezwungen wird, sind nicht die Lernenden, sondern die Eltern. Die Schulpflicht gründet sich darauf, dass es ein übergeordnetes Interesse gibt, Kindern einen Start zu ermöglichen, den Eltern unter Umständen nicht sehen. Hier schützt der Staat die Option ein mündiger Staatsbürger zu werden gegenüber den Partikularinteressen „Alles, was mein Kind braucht, lernt es auf der Baustelle.“ Das ist kein Zwang – das ist Fürsorge. Dass unser Schulsystem nicht perfekt ist, dass es nur bedingt für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts geeignet ist und dass man immer mehr machen könnte – ja, das sei zugestanden. Aber mir ist die Schulpflicht lieber, als dass Chantal und Kevin aus Marzahn ihre Kindheit in „Freiheit“ verbringen und dann das Werkzeug, ihr Leben selbst zu entwickeln, fehlt.

Zurück zur Kasernenanalogie: Wer heute militärische Ausbildung sieht, der wird sich von einem Kasernenhofdrill weit entfernt finden. Ja, es gibt eine Grundausbildung – stehen, rennen, grüßen, melden. Alles formal. Das ist, als würde man das Alphabet lernen – da gibt es kein Projektlernen. Da gibt es bessere und schlechtere Ausbilder. Da gibt es Sinnvermittler und es gibt Frontalunterrichter. Aber weiterführende Ausbildungen – da kann man sich gar nicht leisten, auf Zwang zu setzen, denn das Wissen, was heute notwendig ist, um eine komplexe Materie zu verstehen, vermittelt man nicht über Zwang – sondern über Verständnis der Absicht. Zum Gefängnisgleichnis kann ich nur sagen: Grenzen ziehen beide – bei einem möchte man nur die Gesellschaft vor den Bewohnern schützen und bei dem anderen den Bewohnern ein wenig einen geschützten Raum bieten – zum lernen, leben, lachen und wachsen.

Insofern stimme ich nicht damit überein, dass wir uns von der „Zwangsbeschulung“ lösen sollten. Wir sollten sie nur so gestalten, dass nach den Grundlagen das Lernen im Vordergrund steht und nicht das erreichen imaginärer Werte.